VISION 20001/2006
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Ich würde mehr lieben!

Artikel drucken Es ist die Liebe, die das Leben wertvoll macht (Von Urs Keusch)

Eine Krankenschwester, die eben ihre Ausbildung abgeschlossen hat, erzählte mir unlängst ganz begeistert das folgende Erlebnis: “Ich habe in den vergangenen Tagen im Spital eine alte Frau betreut, zu der sich ein ganz herzliches Verhältnis entwickelt hat. Es war eine vornehme und sehr liebenswürdige Frau, die auch dann noch lächelte, wenn sie starke Schmerzen hatte. Wir sprachen viel miteinander. Vorgestern, ich hatte Nachtdienst, ergab sich wieder ein schönes Gespräch. Sie wußte, daß sie bald sterben würde. Da drängte es mich auf einmal, sie etwas zu fragen: ,Frau N., darf ich Sie etwas fragen, etwas ganz Persönliches?' - ,Ja, natürlich, fragen Sie nur!' - ,Ich bin noch jung, ich habe das Leben noch vor mir. Sie haben ein langes Leben gelebt, haben vieles erlebt, sind viel gereist, hatten ein eigenes Geschäft, eigene Kinder... Was würden Sie mir, einem jungen Menschen, der das Leben noch vor sich hat, raten - oder anders ausgedrückt: Was würden Sie vielleicht anders machen, wenn Sie noch einmal von vorne anfangen könnten?"

Sie brauchte nicht lange zu überlegen, sondern gab mir mit einem bedächtigen Gesichtsausdruck zur Antwort: ,Ich würde, wenn ich noch einmal von vorne anfangen könnte, mehr lieben, wissen Sie, einfach mehr Gutes tun. “Dann sagte sie, daß sie nicht etwa eine lieblose Frau gewesen sei, aber sie habe zuviel nur für sich, für die eigene Familie gelebt, sie sei zuwenig über diesen Kreis hinaus für andere dagewesen. ,Ich hätte viel mehr Liebe weitergeben können, mich mehr zur Liebe überwinden können, mehr das Eigene mit anderen teilen können, einfach nur in kleinen aber ganz konkreten Zeichen der Liebe."

Das waren die letzten Worte, die sie zu mir gesprochen hat. In der vergangenen Nacht ist sie gestorben, friedlich ist sie eingeschlafen. Und sie hat mir das schönste Geschenk hinterlassen, das sie mir geben konnte für mein ganzes Leben: Ich würde mehr lieben! Das ging mir zu Herzen - und ich werde es mir zu Herzen nehmen für mein ganzes Leben."

Es ist wunderbar, wenn junge Menschen in solcher Weise mit alten Menschen ins Gespräch kommen, wenn junge Menschen spüren, daß ältere Menschen ihnen etwas zu geben haben. In solcher Weise möchte die Weisheit des Lebens zu den kommenden Generationen finden und ihr Leben segnen und glücklich machen. “Liebe die Weisheit, und sie wird dich beschützen" (Spr 4,6).

An diese Krankenschwester mußte ich in den vergangenen Tagen noch mehr als einmal denken. Als ich neulich in einem Altenheim eine über 90jährige besuchte, die als berufstätige Frau eine anspruchsvolle und bedeutende Position inne- und viel mit Menschen zu tun hatte, erzählte sie mir lange aus ihrem reichen Leben, dabei ließ sie zweimal die Bemerkung fallen: “Ach ja, man würde ja manches anders machen, wenn man nochmals von vorne anfangen könnte." - “Wie meinen Sie das?", frage ich zurück. - “Ja, wissen Sie", gab mir die Frau zur Antwort, “wissen Sie, man würde barmherziger sein, mit den Menschen einfach mehr Geduld haben und nachsichtiger sein." - Also: “Ich würde mehr lieben!"

Dann machte ich noch eine ähnliche Erfahrung, beim Besuch eines alten Priesters. Er hat ein Leben lang in Wort und Schrift für den Glauben gekämpft, wie ein Löwe, und dabei weder sich noch seine Gegner geschont. Während wir auf das Sterben zu sprechen kamen, sagte ich zu ihm: “Was für ein Trost für dich, der du ein Leben lang so mutig für den Glauben gekämpft hast." Er aber schüttelte den Kopf und gab mir zu meiner Überraschung zur Antwort: “Du hast Recht, ich habe gekämpft wie ein Löwe. Aber es war zuwenig Liebe drin, es war einfach zuwenig Liebe drin. Mach du es besser!"

“Ich würde mehr lieben!" - Ja, die Liebe ist's, die das Leben wertvoll macht, schön, froh, zuversichtlich, erfüllt. “Denn aller Sinn des Lebens ist erfüllt, wo Liebe ist." (Bonhoeffer) Sie gibt dem Leben Sinn. Sie gibt ihm Wert und Qualität. Sie bindet an Gott, der die Liebe ist. Sie öffnet unser Herz für das ewige Leben. Ja, sie ist der Anfang des ewigen Lebens. Sie ist die Seligkeit des gütigen Menschen, sein Lächeln, sein Strahlen, seine gütige Weisheit. Denn “in der Liebe liegt der Schlüssel für jede Hoffnung" (Johannes Paul II.).

Doch wie schnell haben wir das vergessen! Wie schnell sind wir von der Sonnenbahn der Liebe Gottes abgewichen. Jeder Mensch, jeder Christ weiß das. Das negative Gefälle im Menschen ist zu groß. Die rohen und dumpfen Impulse und Affekte brechen immer wieder schnell und oft auch unbeherrscht aus unserem Herzen hervor und verdunkeln die Sonne der Liebe.

Und so war es immer. So ging es durch die ganze Zeit der Geschichte der Kirche bis auf den heutigen Tag. Die Kirche besteht ja aus Menschen. Auch die Sünden der Kirche gingen immer aus einem Vergessen der Liebe hervor, aus einem Verdunkeln der Sonne. Wie litt damals ein Heiliger Franz von Assisi am Lärm und Dampf und Säbelrasseln der Kreuzzüge. Wie hielt er den Menschen damals die gekreuzigte Liebe Gottes vor Augen, die sich lieber von einer Lanze durchbohren ließ, als eine solche auch nur mit einem Blick zu streifen. So verstand Franziskus den Kreuzzug der Liebe Gottes - und auch seinen eigenen.

Oder Mutter Teresa: Hat sie in der Begegnung und Auseinandersetzung mit Menschen anderer Religionen je eine andere Waffe gebraucht als die der Liebe? Fand Mutter Teresa nicht gerade deswegen auf der ganzen Welt Hochschätzung und Liebe in allen Religionen - und viele Freunde, ja, sogar Jünger und Jüngerinnen aus dem Hinduismus und Buddismus? Oder ein Charles de Foucauld? War sein Leben und Sterben als Jünger der Liebe Gottes nicht lauter Sühne, Vergebung, Liebe und Erbarmen?

Es ist die Liebe, die gewinnt. Es ist die Liebe, nach der die Menschen hungern und dürsten: die Menschen aller Religionen, Völker und Rassen. Nur ein Gott, der die Liebe ist, hat eine Chance, bei den Menschen anzukommen, wenn man das einmal etwas salopp ausdrücken darf. Denn der Mensch ist aus der Liebe und auf die Liebe hin geschaffen.

Das hat kaum ein anderer so tief gefühlt und gewußt wie Papst Johannes Paul II. Darum hat er uns den Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit geschenkt. Darum hat er im Heiligen Jahr 2000 für alle Sonnenfinsternisse der Kirche der vergangenen 2000 Jahre um Verzeihung gebetet. Darum hat er immer wieder das Gespräch mit allen Menschen guten Willens aus allen Religionen gesucht. “Wo immer es Unrecht gegeben hat, gleichgültig von welcher Seite, kann es nur durch die Anerkennung der eigenen Schuld vor dem Herrn und durch die Vergebung überwunden werden." (Johannes Paul II.)

Bekehrung der anderen beginnt also doch immer zuerst bei uns: in der immer neuen und ganz entschiedenen Hinwendung zur Liebe.

Das ist leider keine leichte Sache. Im Gegenteil, sie ist sehr anstrengend. “Das Evangelium verspricht niemandem ein bequemes Leben. Es stellt Ansprüche. Doch gleichzeitig ist es eine große Verheißung: die Verheißung des ewigen Lebens für den Menschen, der dem Gesetz des Todes unterliegt; es ist die Verheißung des Sieges durch den Glauben" (Johannes Paul II.). Der Lohn ist groß. Es lohnt sich also, ein wenig mehr zu lieben.

Dann werden wir voll Zuversicht sein, “wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt" (Mt 25,31) und uns richten wird nach dem Maß unserer Liebe.

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