VISION 20001/2006
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Ein Geheimnis - weltlich schwer zu beschreiben

Artikel drucken Glauben: mehr als Moral und gute Werke

Heutige Kommentatoren versuchen stets, die Kirche in weltlichen Begriffen zu deuten, und damit gehen ihre Bemühungen unweigerlich in die Irre. Ihr Irrtum ist allerdings verständlich: Weil es ihnen an der Gabe des Glaubens mangelt, können sie nun einmal nicht erfassen, was das eigentlich Entscheidende am Leben der Kirche ist.

Als Katholiken sollten wir es allerdings besser wissen und die Kirche nicht als rein menschliche Institution behandeln. Allerdings sind wir dauernd versucht, die weltliche Betrachtung zu übernehmen - und manchmal erliegen wir dieser Versuchung sogar.

Papst Benedikt XVI. hat diese weltliche Krankheit seit langem in überzeugender Weise diagnostiziert. Vor 15 Jahren kennzeichnete er das Problem in einem denkwürdigen Vortrag in Rimini, in Italien: “Mir scheint, daß wir heute in der Kirche der - menschlich gesehen zweifellos verständlichen - Versuchung ausgesetzt sind, auch dort verstanden zu werden, wo es an Glauben fehlt. Man meint auch, daß die moralische Dimension die Brücke zwischen dem Glauben der Kirche und den heute vorherrschenden Einstellungen schlagen könnte. Fast jeder sieht ja ein, daß wir der Moral bedürfen, und daher präsentiert man die Kirche als Garant für Moral- und hat nicht den Mut, das Geheimnis anzubieten."

Die Katholische Kirche liefert ja auch tatsächlich überzeugende moralische Argumente, aber diese Argumente begründen keineswegs die Kirche. Die Kirche spornt die Gläubigen auch wirklich zu großen Werken der Barmherzigkeit an, aber diese Werke sind nicht die Kirche. Von außen gesehen erscheint die Kirche als Institution mit bestimmten Lehren und Regeln, die von manchen Verhaltensweisen abraten und zu anderen ermutigen. Wer aber den Katholizismus nur von außen betrachtet, wird wohl kaum bis zur sakramentalen Gegenwart, die das wahre Leben der Kirche begründet, vordringen.

Wie können wir also Ungläubige dazu überreden, den Sprung zu tun, um die Kirche mit den Augen des Glaubens zu sehen?

Ab und zu kommt es vor, daß ein Wortgewaltiger oder (besser) ein großer Heiliger die richtigen Worte findet, um jemanden davon zu überzeugen, daß er noch einen Blick, einen tieferen Blick, werfen muß, um den Glauben zu verstehen.

Erinnert sei an den Journalisten, der Mutter Teresa zusah, als sie die offenen Wunden eines sterbenden Bettlers wusch, und der feststellte: “Ich würde das nicht für eine Million Dollar tun." Worauf Mutter Teresa gütig zur Antwort gab: “Ich auch nicht."

Ein weiteres Beispiel ist Flannery O'Connor, die spätabends in eine Debatte mit einem abtrünnigen Katholiken geraten war. Er sprach von der Eucharistie als wunderbares Symbol. O'Connor erzählt: “Da sagte ich mit zittriger Stimme: , Zum Teufel damit, wenn es ein Symbol ist.' Das war alles, was ich zur Verteidigung vorbringen konnte. Heute aber begreife ich, daß es genau das ist, was immer in solchen Situationen zu sagen wäre, egal in welchem Umfeld - außer vielleicht noch, daß es für mich der Kern meiner Existenz ist; alles übrige im Leben ist ja davon beeinflußt."

Als Mutter Teresa zum Ausdruck brachte, daß ihre Motivation für die Werke der Barmherzigkeit weitaus zwingender als die mögliche Zahlung von einer Million Dollar war, und als Flannery O'Connor feststellte, daß sie keinerlei Sinn in einer nur symbolischen Eucharistie sah, schockierten diese großen katholischen Frauen ihre Gesprächspartner so, daß diese begriffen: Der wahre Glaube geht weit über den äußerlichen Anschein hinaus. Diese beiden einfachen Feststellungen zeigten, daß die beiden Frauen nicht von guten Taten oder bewundernswerten Überzeugungen, sondern von einer tiefen, leidenschaftlichen Liebe bewegt waren, die in diesem Moment einfach nicht übersehen werden konnte.

Philip F. Lawler

Der Autor war Chefredakteur von “The Catholic World Report", sein Beitrag ist ein Auszug aus seinem Leitartikel in der Ausgabe von Aug./Sept. 2005.

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