VISION 20004/2006
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“Die Liebe untereinander ist bereits stark gewachsen"

Artikel drucken Gespräch mit dem koptisch-orthodoxen Bischof von Österreich

Die Kopten sind eine Kirche der Märtyrer, die selbst unter großem Druck den Glauben bewahrte. Wir haben nachgefragt, welche Schätze sie in die Ökumene einbringt.

Wieviele Christen bekennen sich zur koptischen Kirche?

Bischof Gabriel: In Ägypten machen die Kopten 15 Prozent der Bevölkerung aus. Das sind also rund zehn Millionen. Zwei Millionen Kopten leben im Ausland, mehr als eine halbe Million in den USA. In Österreich haben wir rund 5.000 Mitglieder. Sie leben mehrheitlich in Wien und Graz. Vor 1970 gab es kaum Kopten außerhalb von Ägypten und des Sudans. Seit damals ist die ökumenische Bewegung bei den Kopten stärker geworden.

In welcher Form gibt es Kontakte zu anderen Kirchen und Gemeinschaften?

Bischof Gabriel: Seit 40 Jahren sind wir im Rahmen der Stiftung “Pro Oriente" im Gespräch mit der katholischen, der syrischen und der armenischen Kirche. Nach diesen inoffiziellen Gesprächen kam es vor zwei Jahren erstmals zu offiziellen Gesprächen in Kairo. Sie finden jetzt jährlich statt. In ihnen versuchen wir, die strittigen Punkte zu lösen. Wir sind auch Mitglied im Weltrat der Kirchen, nehmen also am evangelisch-orthodoxen Gespräch teil.

Wir wissen, daß die Kirche stark ist, wenn sie der eine Leib Christi - und nicht geteilt ist. Unser Oberhaupt, Papst Shenouda hat gesagt, daß wir nach dieser Einheit streben, daß wir für sie beten, daß sie aber auch auf der rechten Basis aufbauen müsse. Wie sie wissen, ist die Trennung zwischen West und Ost im Jahr 451 erfolgt. Mein Traum wäre, daß alle Christen zu dem Punkt zurückkehren, an dem sie sich getrennt haben. Die koptische Kirche betet seit Jahrhunderten für alle Christen in der Welt. Sie fühlt sich den Worten Jesu im Kapitel 17 des Johannes-Evangeliums verpflichtet. Dort ruft Jesus uns alle zur Einheit auf.

Für die Ostkirchen ist die Liturgie ein großes Anliegen. Ist das ein Reichtum, den auch die koptische Kirche in die Ökumene einbringt?

Bischof Gabriel: Wir pflegen die Liturgie sehr intensiv. In ihr erleben wir unsere Gemeinschaft mit Gott. Sie ist die Begegnung zwischen Braut und Bräutigam, zwischen der Kirche und dem Herrn Jesus Christus. Daher darf nicht nur der Priester beten. Die Liturgie ist ein himmlisches Geschehen. Im Himmel werden wir Gott, die Engel, die Heiligen von Angesicht schauen. In unserer Liturgie gibt es daher Teile, die Gott, den Heiligen, den Engeln gewidmet sind. Wir haben fünf Lesungen aus der Heiligen Schrift bei jedem Gottesdienst und es wird gepredigt. Nach diesen Vorbereitungen beginnt die Anaphora, der Hauptgottesdienst. Da schließen wir uns von der Welt ab und treten in die Einheit mit Gott ein, die in der Kommunion ihren Höhepunkt findet: Jesus in uns, wie Er uns in Johannes Kapitel 6 versprochen hat. Jeder Gottesdienst dauert mindestens drei Stunden. Auch die Kinder nehmen an diesen Feiern teil. Im Gottesdienst beten wir alles: Für die Christen, die Einheit, den Glauben, für das Wetter, die Saaten, die Kräuter, für die Seelen, den Präsidenten, die Stadt, in der wir leben... Der heilige Paulus hat uns ans Herz gelegt, für all das unter Danksagung zu beten.

Die koptische Kirche lebt in einem muslimischen Umfeld, sie ist seit Jahrhunderten eine Märtyrerkirche, über deren Situation wir hier nur wenig wissen...

Bischof Gabriel: Wenn wir alles verlassen, dann hat Jesus uns versprochen, daß er uns hundertfach belohnen würde, aber unter Verfolgungen. Eine Kirche, die verfolgt wird, denkt immer an Gott. Sie betet zu Ihm von ganzem Herzen und großer Inbrunst. Manchmal brauchen die Christen ein wenig Druck, um an Gott zu denken. Wir dürfen Gott danken, daß er der koptischen Kirche trotz der jahrhundertelangen Verfolgung geschenkt hat, stark zu bleiben. Es gibt die Rede, daß es geradezu ein Wunder ist, daß man trotz aller Folter und Unterdrückung noch einen Kopten findet.

Das Oberhaupt der Kopten ist ein Papst. Diese Bezeichnung überrascht viele Katholiken...

Bischof Gabriel: Das Wort Papst heißt nichts anderes als Vater und diese Bezeichnung wurde erstmals in Ägypten verwendet. Wir sehen alle Päpste und Patriarchen auf einer Stufe. Der Primat ist übrigens einer der Punkte, über die wir im Gespräch mit der katholischen und den altorientalischen Kirchen sind.

Gibt es diesbezüglich eine Annäherung?

Bischof Gabriel: Wir haben in den letzten 50 Jahren viel erreicht. Wir haben gemeinsam gebetet, Wortgottesdienst gehalten, miteinander gesprochen... Und die Liebe untereinander ist stark gewachsen, sie ist schon sehr groß. Das gab es davor nicht. Wir danken der katholischen Kirche, daß sie uns die Tore ihrer Kirchen geöffnet hat. In Deutschland, Österreich, Italien oder den Niederlanden durften wir zunächst die katholischen Kirchen benützen, bevor wir eigene hatten. Es war ein Zeichen der Liebe der katholischen Kirche, für das wir dankbar sind.

Können Sie uns etwas über die mönchische Tradition der koptischen Kirche sagen?

Bischof Gabriel: Die mönchische Tradition hat in der koptischen Kirche überhaupt ihren Ursprung. Der heilige Antonius der Große war der erste Mönch der Welt. Seine Lebensgeschichte wurde vom heiligen Athanasius, dem Helden des Glaubens, geschrieben, ins Lateinische übersetzt, wodurch das Mönchstum auch in den Westen gelangte. Die Wüstenväter waren Ägypter.

Wie lebendig ist diese Tradition heute noch in Ägypten?

Bischof Gabriel: Es gibt da ein neues Wachstum: Sowohl die Zahl der Mönche, wie jene der Klöster nimmt zu. Ich selbst bin Mönch, komme aus der westlichen Wüste Ägyptens. Vor 35 Jahren gab es in meinem Kloster nur 5 Mönche, heute sind es 150!

Haben sie noch ein Anliegen?

Wir brauchen dringend Ihre Gebete für die verfolgten Kopten!

Das Gespräch führte CG.

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