VISION 20002/2019
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Gott existiert – ich bin sein Feind!

Artikel drucken Shane O’Doherty, einer der meist gesuchten IRA-Terroristen bekehrt sich im Gefängnis (Von Alexa Gaspari)

Gott existiert, ich bin sein Feind“ – diese Erkenntnis steht Shane Paul O’Doherty klar vor Augen, nachdem er im Gefängnis die Evangelien sowie ein Buch über P. Pio gelesen hatte. Als IRA-Terrorist war er wegen der Anschläge, die er als Sprengstoffspezialist verübt hatte, zu 30 Mal lebenslänglich verurteilt worden. Nach dieser Lektüre weiß er aber: Um zu Gott zurückzufinden, muss er vor allem aus der paramilitärischen Organisation, der IRA, austreten. Aber wie hat alles angefangen?
Getroffen habe ich Shane an­läss­lich der Premiere des sehenswerten Films von Juan Manuel Cotelo Das größte Geschenk (siehe S.25) in Wien. Shane war gekommen, um – wie schon im Film – Zeugnis von seiner Bekehrung zu geben. Werfen wir also einen Blick auf seine Geschichte. Sie ist eng mit der Irlands verwoben. Bei einem Gespräch in seinem Hotel erzählt er sie mir: Shane ist 1955 in Derry, Nordirland, geboren. Angemerkt sei: Die Katholiken sagen „Derry“, die Protestanten „Londonderry“. Es ist die zweitgrößte Stadt Nordirlands mit katholisch-nationalistischer Mehrheit, die von einer protestantisch-unionistischen Minderheit kontrolliert wird.
„Mein Vater war  Direktor in einer katholischen Schule – und so bin ich katholisch aufgewachsen.“ Als Bub war er Ministrant in der Kathedrale. „Ich habe unzählige Messen miterlebt. Zwei meiner Onkel waren Priester, zwei Brüder im Priesterseminar. Wir waren eine sehr katholische Familie.“ Zuhause waren wir acht Kinder. Ich war der siebente.
„So viele?“, werfe ich ein. Er lacht: „Das war nichts Besonderes. Wir kannten Familien mit 15, ja 21 Kindern! Katholische Mädchen heirateten manchmal mit 14.“ Er erinnert sich: Die Beziehungen zwischen Protestanten und Katholiken in seiner Kindheit waren meistens gut . Wichtig war nur der Charakter der Nachbarskinder. Die meisten Iren sehnten sich nach einem vereinten Irland. Sie wünschten sich schon lange, dass die britische Besatzungsmacht aus Nordirland abziehe.
1801 hatte nämlich England Irland dem Vereinigten Königreich einverleibt. Als Mitte des 19. Jahrhunderts eine Hungersnot auftrat, die britische Regierung aber keine Hilfe anbot, begann die irische Unabhängigkeitsbewegung, die seither in unterschiedlichster Form agiert. 1916 etwa kam es zu Ostern in Irland zu einem Aufstand, der niedergeschlagen wurde. Seine Führer wurden hingerichtet. Dem 10-jährigen Shane gelangen Berichte und Aussagen der damaligen Anführer in die Hände. Er muss weinen und schreibt auf einen Zettel: „Wenn ich groß bin, will ich kämpfen und notfalls für Irlands Freiheit sterben.“ Der Bub ahnt nicht, dass dieser Zettel 10 Jahre später als Indiz für seine Schuld als Terrorist Verwendung finden wird.
Nach dem Unabhängigkeitskrieg von 1919-1921 wird ein anglo-irischer Vertrag ausgehandelt: 26 der 32 irischen Countys werden von Großbritannien unabhängig, die sechs nördlichen mit mehrheitlich protestantischer Bevölkerung bilden ab da Nordirland, bleiben Teil des Vereinigten König­reichs. Die katholischen Iren sind damit nicht zufrieden. Sie sehnen sich nach einer Vereinigung und nach Freiheit von der britischen Herrschaft im Norden. „Wir Katholiken in Nordirland – mehr als eine halbe Million – sagen: Wir sind nicht Briten, sondern Iren, und bekennen uns zur Regierung Irlands.“
„Als ich 13 war, begann die Bürgerrechtsbewegung, der es um Machtbeteiligung der Katholiken ging, um bessere Wohnbedingungen für sie, größere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Die britische Polizei ging gegen deren Märsche vor. In diese aufgeladene Stimmung kam die IRA und sagte: „Macht Irland zu unserem gemeinsamen Vaterland, befreit die katholische Minderheit. Vergesst die Bürgerrechtsbewegung, bittet die Briten nicht um Gnaden.“ Wer sich der IRA anschloss, wurde damit gewissermaßen zum Helden, der den britischen Feind bekämpfte. Und so schlossen sich vieleschon mit 15, der IRA an, überzeugt, das sei etwas Gutes. “
Bürgerrechtsmärsche, bei denen die Katholiken inbrünstig „We shall overcome“ singen, sind dem jungen Shane 1968 längst vertraut, ebenso die Zusammenstöße mit der nordirischen Polizei. Sie geht gegen die Märsche mit Gummiknüppeln und Wasserwerfern vor. Anfang 1969 schließt Shane sich friedlichen Bürgerrechtsaktivisten auf deren Marsch durch Derry an und wird dabei im protestantischen Teil der Stadt mit einem Hagel von Flaschen und Ziegelsteinen beworfen. Morde an katholischen Zivilisten in Derry und Belfast durch die Polizei heizen die Stimmung in der katholischen Bevölkerung auf. Die Folge: Gewalt auf beiden Seiten.
Mit 14 wirft Shane erstmals eine Flaschenbombe in Richtung Polizei, die Schuss­­waffen und Tränengas einsetzt. Dabei empfindet er eine be­rauschende Macht über den verhassten Feind. Für den Jungen ist klar: Er will zu den Helden ge­hören, die an vorderster Front in Gefahr ihr Leben, wenn nötig, für ihr Volk und ihr Land einsetzen. 1970 – er ist 15 – gibt er sich als 17-jähriger aus und tritt der IRA bei. Schwer begeistert, geistig quasi in Ekstase bejaht er den bewaffneten Freiheitskampf.
Mir drängt sich die Frage auf: „Was sagten denn Ihre Eltern dazu, als Sie der IRA beitraten?“ „Sie hatten keine Ahnung,“ ist seine Antwort. „Die IRA war ja eine Geheimorganisation“. Für Au­ßen­stehende sei all das schwer zu verstehen, erklärt er. Vielfach würden moralische Maßstäbe nur auf eine der Parteien angewandt.
„Was die britische Armee alles getan hat, der Geheimdienst, wie Leute überwacht, Häuser durchsucht, auch Unschuldige festgenommen, zum Teil gefoltert und ohne Urteile hinter Schloss und Riegel gebracht – über all das gab es kaum Berichte. Bis zum Bürgerrechtsmarsch, der als „Bloody Sunday“ in die Geschichte eingegangen ist, versuchten übrigens die Kirche und andere Leute der IRA zu sagen, sie solle auf Gewalt verzichten. Es gäbe genug demokratische Möglichkeiten. Mit dem Marsch am Bloody Sunday, den ich als Bursch miterlebt habe, änderte sich das. Knapp bevor wir das Podium mit den Sprechern erreichten, begannen britische Soldaten in die Menge zu schießen. Tausende Menschen gerieten in Panik, es gab Tote, viele wurden schwer verletzt. Das mobilisierte auch die Iren in Amerika, die nun für Widerstand Geld locker machten. Das machte es der Kirche dann schwer, der IRA weiterhin zu sagen, sie solle mit der Gewalt aufhören.“
Als Patriot möchte er nun Bedeutendes für die Freiheit seines Landes tun: Als einziger der Jungen erklärt er sich bereit, mit Sprengmitteln zu arbeiten. Eines Tages soll er eine Bombe nur hüten – er war noch nicht zum Bombenleger ausgebildet –, beschließt jedoch in seinem Übereifer, sie noch in der selben Nacht selbst am militärischen Zielort zu zünden. Dass dabei viel Schaden an dem Bauwerk entsteht und die Medien darüber berichten, macht ihn stolz.
Bald wird er offiziell als Bombenleger eingesetzt. Als die Polizei einmal nicht auf eine Bombenwarnung reagiert – Zivilisten sollten nämlich nicht zu schaden kommen – und Shane entsetzt feststellt, dass niemand aus dem Gebäude evakuiert wird, ist er verzweifelt: Denn unbeteiligte, unschuldige Menschen töten, das wollte er nicht auf sich laden. Gott sei Dank sei die Bombe damals nicht explodiert, erzählt er.
Das illustriert die komplexe Gemütslage dieses jungen, hitzigen, übereifrigen Patrioten. In seinem autobiographischen Buch The Volunteer schreibt er, er sei in dieser Zeit „voreilig, leicht reizbar und zu spontanen, unwiderruflichen Entschlüssen neigend“ gewesen, bereit, ohne zu zögern sein Leben einzusetzen. So schleppt er einmal gemeinsam mit einem anderen unter Einsatz seines Lebens, einen bewusstlosen Mann aus der Schusslinie der britischen Polizei. Auf den Straßen mit Bomben und Waffen gegen die englischen Feinde zu kämpfen, das will er, aber nicht Unschuldigen schaden.
In den folgenden Jahren baut und zündet er Bomben. Einige seiner Freunde überleben die Kämpfe nicht oder sterben in Internierungslagern. Das spornt ihn an, steigert seinen Hass auf die Besatzer. Shane selbst ist oft in Lebensgefahr aber überlebt, wird jedoch einmal beim Bau einer Briefbombe schwer verletzt. Im Gesicht, in der Brust, in den Lidern stecken Metallstückchen. Er verliert beinahe ein Auge und einen Finger. Die Narben sieht man noch heute.
Nachdem die Briten mittlerweile 30.000 Soldaten in Nordirland stationiert haben, beschließt die IRA, den Krieg nach London zu verlegen. Nachdem Shane halbwegs genesen ist, bittet man ihn nach London zu gehen um dort Briefbomben an bedeutende Persönlichkeiten zu verschicken und kleine Sprengsätze auf den Straßen zu hinterlegen. Er sagt sofort zu, freut sich, wieder im Mittelpunkt zu stehen.
Und das tut er! Denn die Briefbomben, die viel Aufsehen erregen und auf die Probleme der Iren im Norden Irlands aufmerksam machen sollen, sind nach wenigen Tagen in aller Munde. Auch die Straßenbomben, bei denen er allerdings stets vorher telefonische Vorwarnungen abgibt. Alle Radiosender und Zeitungen sind voll von Berichten. Bald ist der noch nicht 20-Jährige der meistgesuchte IRA-Kämpfer in Großbritannien. „Ich hasste die Briten. Ich habe in diesen sechs Monaten unbeschreiblich viel Zerstörung und Unheil angerichtet, auch wenn, Gott sei Dank, keiner durch die Briefbomben getötet wurde. Alle, die Armee, die Polizei, der Geheimdienst suchten nach mir. Ich stand auch auf einer internationalen Fahndungsliste.“
Er wird jedoch nicht gefasst, geht zurück nach Irland, wo er als Sprengstoffspezialist für Sprenggeräteaktionen und Gerätschaften verantwortlich wird. Er lebt im Verborgenen, baut Sprengsätze und Brandbomben.
Eine Freundin überredet ihn, doch einmal beichten zu gehen. Das bringt nichts, denn er versucht, mit dem Priester nur über die Moral von Gewalt im Befreiungskampf zu diskutieren, will eigentlich einen Freibrief für seine Anschläge bekommen, den ihm der Priester jedoch verweigert. Er könne wiederkommen, wenn er Sünden beichten wolle.
Als zu Weihnachten 1974 ein Waffenstillstand ausgerufen wird, begrüßt Shane das sehr. Es wird vereinbart, dass die Armee innerhalb der katholischen Viertel niemanden verhaften würde, auch jene nicht, die auf Fahndungslisten stehen. Daraufhin kehrt Shane nach Hause zurück, ist Trauzeuge bei der Hochzeit seines Bruders und genießt die schöne Zeit. Am 8. Mai 1975 – er ist daheim bei der Mutter, die gerade das Essen hergerichtet hat – tauchen zwei bewaffnete Männer auf, zerren ihn mit vorgehaltener Pistole aus dem Haus und stoßen ihn in ein Auto. Waffenstillstand?
Vom Gefängnis in Derry geht es nach Belfast. Hier wird ihm voll Hass mitgeteilt, die IRA habe als Vergeltung auf Shanes Verhaftung einen Polizisten erschossen – und dieser sei der Sohn des Oberaufsehers im Gefängnis! „Morgen machen wir dich kalt,“ heißt es. Am nächsten Tag wird er von den Wärtern geprügelt und getreten. Schließlich lassen sie ihn am Boden liegen. Es wird nicht das einzige Gefängnis sein, in dem ihm solche Behandlung zuteil wird.
Obwohl das Gericht in Belfast ihn freispricht, wird er von der Londoner Polizei abgeholt und in ein Gefängnis nach London überstellt: ein Jahr Untersuchungshaft in Brixton. Dort trifft er auf einen Jesuiten, P. Lawn, Armee-Offizier im Weltkrieg, der die irischen Terroristen verachtet. „Er sagte mir: ,Ich hasse Euch, ihr irischen Bastarde.’ Wir waren also Feinde. Er war ein englischer Nationalist, ich ein irischer.“ Sie kommen dennoch auf Gott zu sprechen. „Einmal sagte ich zu ihm: ,Was beweist mir, dass Ihr Gott existiert?’ Er schrie zurück: ,Natürlich die vier Evangelien!’, verließ die Zelle und schmiss die Tür zu.“
Daraufhin verlangt Shane, man solle ihm die Evangelien bringen. „Und obwohl ich katholisch war, hatte ich keine Ahnung, was in den Evangelien stand. Doch dann las ich  sie in einem Zug und war von der starken, außergewöhnlichen Persönlichkeit Jesu beeindruckt. Wenn die Sache für die Er kämpft göttlich, heilig, unschuldig war, so hat er keinerlei Gewalt angewendet um es durchzusetzen. Jesus spricht  darüber, dass man sich vor dem fürchten solle, der Leib und Seele ins Höllenfeuer werfen könne,  darüber, dass man zuerst um Vergebung bitten müsse, bevor man sein Opfer darbringe. Ich wurde mit dem Begriff Sünde konfrontiert. Sie sei in dreifacher Weise erkennbar: am Bruch der Beziehung zum Nächsten, zu Gott und daran, dass sie Unheil im Sünder stiftet.“
Shane ist betroffen, kann sich aber nicht vorstellen, dass Jesus nach 2000 Jahren immer noch lebe. Ein paar Tage später kontaktiert ihn jedoch sein Bischof aus Derry wegen seiner Mutter. „Er sandte mir ein Buch über P. Pio. Ich hatte nie etwas von diesem stigmatisierten Priester gehört. Ich hatte mir gedacht: Wenn Jesus existiert, warum gibt er mir nicht ein Zeichen seiner Existenz? Und als ich dann das Buch las, war das für mich das Zeichen, das ich mir gewünscht hatte. Es gab mir die Kraft, mich meiner Situation zu stellen, mir bewusst zu machen, dass ich mein Leben ändern muss­te. Vor allem in Beziehung zu meinen Opfern.”
Als Angeklagter bekommt er alles Beweismaterial der Anklage. Da liest er nun die Geschichte jeder Briefbombe, der Personen, die verwundet worden waren, ihrer Verletzungen mit allen ärztlichen Berichten. Da waren Unschuldige dabei: Sekretärinnen, Postangestellte, ein Sicherheitsmann. Shane ist entsetzt. „Hier hatte ich schwarz auf weiß den Beweis, dass ich mich durch meine Gewalttaten vom Idealisten, der sich moralisch im Recht fühlte, zum Straftäter, auf dessen Konto viele Menschenrechtsverletzungen gingen, verwandelt hatte.“
Die Folgen seiner Bombenanschläge treffen ihn schwer. „Ich bereute zutiefst meine selbstherrliche, gefühllose Missachtung der Zivilisten, die meine Opfer geworden waren.“ Noch meint er damals, es sei gerechtfertigt gewesen, Politiker und Angehörige der Armee zu verletzen oder zu töten.
Am 5. September 1976 ist sein Prozess. Wohl als erster IRA-Volunteer entschuldigt er sich für das Leid, das er unschuldigen Menschen zugefügt hatte. Die Verhandlung dauert nur zwei Tage. Der Polizei, die von ihm Namen anderer IRA-Kämpfer haben will – dafür würde er nach zwei Jahren freikommen –, erteilt er eine klare Absage. Das Urteil: 30 Mal lebenslang plus 20 Jahre.
Im Gefängnis weigert er sich, nachdem er seine Zivilkleidung ablegen musste, die Häftlingskleidung anzuziehen. Er sei ein politischer Häftling und dürfe daher seine Zivilkleidung behalten. So beginnt seine 14-monatige Einzelhaft – er verbringt sie nackt. Tagsüber hat er ein Handtuch um die Hüften. Durch die Besuche seiner Familie wird ihm voll Scham bewusst, wie wenig Rücksicht er auf Mutter und Geschwister – der Vater war schon verstorben – genommen hatte. In dieser Zeit liest er die Bibel – sehr gründlich – betet, reflektiert viel, versucht seine Taten selbstkritisch zu betrachten. Als er kundtut, er werde die IRA verlassen, drohen ihm IRA-Mithäftlinge mit Mord.
Immer mehr wird ihm bewusst, dass der taktische Gebrauch von Gewalt, Unrecht ist. „Dass ich Menschenrechte verletzt hatte, belastet mich stark.“ Gewalt, so sagt er heute, entzieht sich jeglicher Beherrschung, lässt sich nicht beschränken, wenn sie einmal losgetreten wird. „Mein Gewissen hat mir dann gesagt, ich müsse mich nun für alle öffentlichen Vergehen auch öffentlich entschuldigen und so schrieb ich meinen Opfern, versuchte zu erklären, mich von ganzem Herzen zu entschuldigen. So bat ich meine Opfer und Gott um Vergebung. Mehr als die Hälfte nahmen meine Versöhnungsbitte an. Auch schrieb ich Artikel, in denen ich zum Stopp des Krieges aufrief. Ich wollte verhindern, dass mir junge Leute nacheiferten.“
Viele in der IRA und sogar in der Kirche sagten damals er sei im Gefängnis verrückt geworden. „Die Kirche fand, meine Reue sei zu extrem. Doch wie kann Reue zu weit gehen? Privat sei Reue ok, hieß es. ,Aber warum gehst du damit an die Öffentlichkeit? Du bist jetzt pro-british.’ Nein ich bin pro-gospel!“
Im September 1989 nach 14,5 Jahren Haft wird Shane O’Doherty aus dem Gefängnis entlassen. Sein Fall – der eines Häftlings, der zwar viele Straftaten, aber keinen Mord begangen hatte, und doch zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt worden war – hatte großes Interesse geweckt und zu seiner vorzeitigen Entlassung geführt.
Sofort beginnt er ein Studium, um einen Hochschulabschluss in Englisch zu machen. Er arbeitet als Journalist. An das Englischstudium hängt er eines in Philosophie an und macht einen Master of Computer Sciences. Er heiratet.
In dieser Zeit entsteht auch sein lesenswertes Buch „The Volunteer“, das mittlerweile in mehrere Sprachen übersetzt worden ist. Nach verschiedenen journalistischen und computertechnischen Tätigkeiten gibt er technische und andere Fachschriften heraus. Er kümmert sich viel um Obdachlose, Drogensüchtige, Nächte hindurch – und er heiratet.
„Ich habe in den letzten elf Jahren für die katholische Kirche als IT-Fachmann gearbeitet,“ erzählt er mir. Aber dann hätte er ein neues Leben begonnen: „Meine Frau und ich haben vor zwei Jahren unsere Jobs aufgegeben und alles verkauft und sind nach Valencia, Spanien gezogen. Jetzt arbeiten wir für den Glauben. Sind ganz von der Vorsehung abhängig.“
Was denn das bedeute, frage ich. „Ich komme überall hin, wo ich angefragt werde. Ich spreche vor 18 oder 20 jungen oder älteren Leuten in Madrid, Valencia, Sarragossa, in Barcelona oder Portugal, in katholischen Colleges oder Universitäten aber auch in amerikanischen oder irischen TV-Programmen, Dokumentationen, z.B. in einer über Johannes Paul II. in Irland.“ Dabei geht es ihm nicht primär um den Verdienst, sondern um das Zeugnisgeben. Ersetzt man ihm die Flugkosten, freut er sich.
In Irland führt einen Blog, klärt über Gewalt und Terrorismus auf und warnt davor. Er deckt die moralischen Hintergründe der IRA, sowie die Gräuel, die auf ihr Konto gehen, auf. „Ich hatte gerade ein dreistündiges Interview für irische Medien zu diesem Thema. Habe mehrere Stunden mit den irischen Medien über moralische Fragen debattiert,“ erzählt er mir. „Die haben dort ein Problem mit wahrhaft katholischen Ansichten, halten hält mir vor, mancher Kirchenfürst sei andrer Meinung. Aber die Evangelien haben nun einmal einen hohen moralischen Anspruch.“
Was er der Jugend rate, frage ich. „Mein Rat: Jeder Mensch hat eine Aufgabe. Du musst dein Gewissen bilden, deinen Glauben pflegen durch die Lektüre des Neuen Testaments, den Glauben der Kirche kennen lernen. Du musst dein Gewissen bilden und ihm folgen und das Gute tun. Wenn Du dich verfehlen solltest, dann nicht im Urteilen, sondern lieber in Richtung Barmherzigkeit. Es ist gut, wegen zu viel Barmherzigkeit „verurteilt“ zu werden. Wenn ich einmal vor Gott stehen werde, will ich gern von Ihm zur Rechenschaft gezogen werden wegen zu häufiger als wegen zu selten ausgeübter Barrmherzigkeit.“
Nach dem Gespräch  mit Shane Paul  O’Doherty denke ich unwillkürlich, dass wohl niemand hinter diesem sehr ruhigen, ungemein symptischen, eher in sich gekehrten,  humorvollen Mann der sichtlich garnicht so gerne in der Öf fentlichkeit steht- und es doch tut um sein wichtiges Zeugnis zu geben - einen ehemaligen IRA Terroristen vermuten würde.

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