VISION 20003/2002
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Um Gottes willen zu Gott kommen

Artikel drucken Anleitung zum inneren Gebet

Im Dickicht heutiger Publikationsflut ragt der Schweizer Johannes Verlag empor wie ein einsamer Baum auf weiter Flur. Er verlegt substantielle theologische Autoren der 2000jährigen Kirchengeschichte, auch das Gesamtwerk seines Gründers Hans Urs von Balthasar.

Von Henri Caffarel, dem 1996 verstorbenen französischen Kanoniker, sind bisher im Johannes Verlag Briefsammlungen über das Gebet sowie über die christliche Ehe erschienen (beide Bände übertragen von Balthasar, was schon viel über deren Qualität aussagt). Nun liegt vom gleichen Autor ein Bändchen über das innere Gebet vor, in der gut lesbaren Übersetzung des Salzburger Theologen-Ehepaares Außermair und mit einem Geleitwort von Kardinal Schönborn versehen.

Es handelt sich um die Niederschrift von fünf Vortragsabenden, die der Gründer zahlreicher Gebetsgruppen vor einer großen Zuhörerschaft gehalten hat. Dementsprechend lebendig und kurzweilig mutet auch die Lektüre an.

In schlichten, aber ausdrucksstarken Worten behandelt Caffarel Vorbereitung, Beginn und Abschluß der Gebetszeit. Das Gebet ist im Grunde Gespräch mit Gott. Wie oft ist man nicht versucht, nach der festgesetzten Zeit oder durch eine äußere Ablenkung plötzlich abzubrechen! Der Autor mahnt, das wäre genauso unpassend und störend, wie wenn ein Besucher aus heiterem Himmel mitten im Gespräch aufbreche und mich verlasse.

Aus der Fülle der Gedanken und Anregungen habe ich auch besonders wichtig gefunden, daß man zwischen den Gebetszeiten schon die nächste Begegnung mit Gott ersehnen soll. Meist freue ich mich auf alles andere mehr als auf das Gebet, schiebe diese “Pflichterfüllung" am liebsten dort ein, wo sich gerade nichts anderes anbahnt.

Caffarel dagegen zeigt, daß es einer Willensentscheidung für Gott bedarf, mit bewußter Vorfreude der Zeit mit ihm entgegenzugehen. Wir lassen uns doch von allem möglichen faszinieren! Der französische Priester gibt uns jedoch diesen Grundsatz mit auf den Weg: “Sich im Gebet von Gott faszinieren lassen."

Dieses Buch hilft, sich von falschen Erwartungen und Ängsten hinsichtlich des Gebets zu lösen. Das Wesentliche sei nicht die uneingeschränkte Aufmerksamkeit Gott gegenüber, schöne Gedanken über ihn zu haben oder im Gebet eine Begeisterung für die Sache Jesu zu entwickeln. “Der uneigennützige Mensch, der nicht um seiner selbst willen, sondern um Gottes willen zu Gott kommt, findet im Gebet alles. Wer kommt, um zu nehmen, umarmt nur die Leere."

Gebetshaltungen nehmen für Caffarel eine wichtige Stellung ein. “Der Leib spricht und Gott versteht seine Sprache." Dies zu ignorieren wäre der Rückzug in eine falsch verstandene Innerlichkeit.

Die Lektüre lohnt sich - schon alleine wegen des Kapitels “Das Evangelium beten". Sie sei allen empfohlen, die ihre eigene Gebetspraxis reflektieren und vertiefen wollen.

Bernhard Eckerstorfer OSB

Weil du Gott bist. Hinführung zum inneren Gebet, Henri Caffarel, Johannes-Verlag, Einsiedeln 2000, 111 Seiten, öS 131.

Diese und andere Bücher können bezogen werden bei: Christoph Hurnaus, Waltherstr. 21, 4020 Linz, Tel/Fax: 0732 788 117; Email: hurnaus@aon.at

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