VISION 20003/2002
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Ich sage es euch allen: Verliert nie die Hoffnung!

Artikel drucken Gespräch mit Jacques Lebreton, der Augen und Hände verlor

November 1942: Er ist 20, kämpft mit den französischen Truppen in Libyen. Nach einem Einsatz verstauen sie Handgranaten. Plötzlich drückt ihm sein Nachbar eine irrtümlich scharf gemachte in die Hand. Er blickt umher: Keine Möglichkeit, sie wegzuwerfen, ohne wen zu töten - so explodiert sie in seinen Händen. Monate später wird Jacques Lebreton im Spital von Damaskus erfahren: Ihm steht eine Leben ohne Hände und Augenlicht bevor. Dort auch wird dem bis dahin Fernstehenden der Herr eines Nachts die Gewißheit Seiner Gegenwart in Jacques schrecklichem Leiden schenken. In der Erinnerung an diese Erfahrung sagt Lebreton: “Bevor ich verwundet wurde, waren mir das Lachen, die Fröhlichkeit, aber nicht die Freude vertraut. Ich mußte Hände und Augen verlieren, um diese zu verkosten." Von da an beginnt ein abenteuerliches Leben, auch mit Irrwegen: Ehe, fünf Kinder, Aktivist bei den Kommunisten, Glaubensverlust, Begegnung mit Marthe Robin, Rückkehr zum Herrn, 7.000mal Zeugnis geben von seinem Weg, ständiger Diakon... In “Die den Sprung wagen", dem Buch von Alexa Gaspari (ISBN 3-85028-326-7) findet man ein Portrait des 80jährigen.

Sie sind nun seit 60 Jahren Invalide...

Jacques Lebreton: ... und ich stelle fest: Das Leben mit Behinderung ist es wert, gelebt zu werden. Man braucht weder Augen, noch Hände, um glücklich zu sein. Ich bin voll des Dankes für jenen Arzt, der an das Leben geglaubt hat, als er die Amputationen an mir durchgeführt hat. Er hätte ja auch sagen können: “Der wird sein ganzes Leben unglücklich sein." Das ist ja die ewige Frage der Menschheit: Wie leiden? Sozialversicherung und Invalidenrente haben da keine Antwort. Es gibt nur eines, was man vor dem Leiden tun kann: schweigen. Da gibt es keine Worte, sondern nur eine Antwort: die des Herrn am Kreuz.

Ich habe Gott meine Stummeln hingehalten und geschrien: “Wenn Du gütig bist, so zeig' es!" Ich sah mich nicht imstande, mit einem solchen Leiden zu leben. Das war übermenschlich. Da hat mich seine Gnade berührt. Er hat meinen Schrei gehört. In mir hat Er gesprochen: “Fürchte dich nicht, Jacques, Ich bin da. In dir bin ich Gott, blind und ohne Hände." Da weinte ich vor Freude in meinem Spitalsbett. Die Narrheit der Menschwerdung hatte mich berührt: Gott wurde Mensch, um dem Menschen Antwort auf das menschliche Leiden zu geben! Die Freude der behinderten Menschen ist der beste Beweis der Existenz Gottes.

Haben Sie sich auch aufgelehnt?

Lebreton: ... Na selbstverständlich! Da war ein Fenster ganz nahe bei meinem Bett im Spital. Hätte ich genug Kraft gehabt, hätte ich mich rausgeschmissen. Also wirklich, es gibt Tage, da hab' ich's satt! Dann schreie ich mein Leiden, meine Auflehnung hinaus!

Gegen Gott?

Lebreton: ... Nein, nicht gegen Gott. Meine Auflehnung trage ich vor Gott hin. Er ist es, der sie fruchtbar macht. Es ist nicht Gott, der die Handgranaten erfunden hat, es ist der Mensch.

Was erwarten Sie von Gott?

Lebreton: ... Nichts. Die Gnade, verfügbar zu sein, daß Er mir beibringt, daß wir nichts sind. Nichts als ein Haufen von Gestrandeten. Wenn man anfängt, das zu begreifen, dann beginnt auch unsere Rettung. Ich habe den Eindruck, immer kleiner zu werden... Und je kleiner ich werde, umso mehr bin ich getragen.

Sind Ihnen Ihre Kinder auf dem Weg des Glaubens gefolgt?

Lebreton: ... Der Glaube ist ein Geschenk Gottes; die Eltern bemühen sich, ihn weiterzugeben, so gut es geht. Ich habe es versucht... Habe beigetragen, was ich konnte. Ich war gemindert. Manchmal hatte ich andere Prioritäten, ich habe Fehler gemacht, für meine Kinder und durch meine Kinder gelitten. Vielleicht habe ich sie zu sehr erdrückt... Meine Tochter Monique hat eines Tages gesagt: “Papa war sich nicht immer unseres Leidens bewußt." Knapp vor seinem tödlichen Motorradunfall hat mir mein Ältester gesagt: “Man ist nicht ungestraft Sohn eines Schwer-Kriegsversehrten." Was wollte er damit sagen? Ich werde es hier unten nicht erfahren. Dieser Satz verfolgt mich.

Was fehlt Ihnen am meisten?

Lebreton: ... Die Hände!!!! Die Hände! Man macht alles mit den Händen, man reicht sie einander, braucht sie zum Essen, Trinken, zum Liebkosen, zum Schreiben, zum Modellieren, zum Anziehen, zum Rasieren, zum Zähneputzen... Ohne Hände hängt man total von anderen ab.

Sie haben den Glauben verloren?

Lebreton: ... Nein, ich habe ihn verleugnet! Man verliert den Glauben nicht wie ein Paar Socken. Bis zum 2. Oktober 1960, als Gott mich zurückholte. Der Glaube ist wie ein leuchtender Blitz; oder sanft wie der Frühling: ein Licht, das aufgeht und unmerklich in uns heller wird. Dann sagt man sich: “Mir scheint, es ist heller!" Ich habe dieses Licht ausgehen lassen ... Das Leben besteht aus merkwürdigen Mäandern, wie bei einem Fluß, bevor er das Meer erreicht. Mein Leben erinnert an das Verhalten eines Säufers... Selbst der Unglaube und die Verleugnung sind umfangen von der Herrlichkeit Gottes. Ja, alles ist Gnade!

Gibt es eine Lebenserfahrung, die Sie weitergeben möchten?

Lebreton: ... Man muß einen Stern reißen, um wieder aufstehen zu können. Aber man steht nicht allein auf...

Was sagen Sie sehr behinderten Menschen, die Sie fragen, wozu sie denn eigentlich noch gut sind?

Lebreton: ... Daß sie die Welt durchtragen! Sie können Präsident der Republik oder Generaldirektor sein - all das ist nicht annähernd so wichtig, wie das Tragen der Welt!

Sie sind Diakon. Warum eigentlich?

Lebreton: ... Christus hat mich gerufen, meine Frau hat mich dazu ermutigt und die Kirche hat den Ruf bestätigt. Es war allerdings nicht leicht... Dem Kirchenrecht nach darf man keine physische oder psychische Bürde haben, um geweiht zu werden. Ich konnte ja weder lesen, noch Kommunion austeilen. Mein Akt wurde zweimal vom Vatikan abgelehnt. Beim dritten Mal ist er direkt auf dem Schreibtisch von Paul VI. gelandet. Er hat ihn unterschrieben und mir am Tag meiner Weihe ein Telegramm geschickt. Ich konnte mich nur im Dienen erfüllen und bin glücklich darüber.

Haben Sie in manchen Fällen nur schwer verzeihen können?

Lebreton: ... Ich bedaure, daß ich manche Vergebung nicht aussprechen konnte. Der Kamerad, der mir die Handgranate hergeschupft hat... Wäre er mir drei Tage nachdem ich aus dem Koma aufgewacht war, entgegengetreten, hätte ich ihm den Schädel eingehaut, wäre ich imstande dazu gewesen. Aber sechs Wochen danach, hätte ich ihn auf einen Versöhnungsschluck eingeladen; ich hatte ihm vergeben. Oh, nicht ich... Christus in mir!

Aber ich habe ihn nicht wiedergesehen. Vielleicht hat er sich nicht getraut, mich aufzusuchen. Das tut mir leid. Ich hätte ihm gerne gesagt, daß er mir dazu verholfen hat, mein Leben nicht zu versäumen.

Wie möchten Sie sterben?

Lebreton: ... Aufgebraucht. Ich möchte nicht, daß man an meinem Totenbett sagt: “Wie gut erhalten er doch ist!" Lieber wäre mir: “Wie ist er doch verbraucht, wie gut hat er wohl gedient!" Ja, dienen bis zum letzten Atemzug.

Das Gespräch führte Luc Adrian. Es ist ein Auszug aus einem Interview in Famille Chrétienne v. 23-29.3.02

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