VISION 20003/2002
« zum Inhalt Unser Glaube

Gott ist unvorstellbar barmherzig

Artikel drucken Die Botschaft von Sr. Faustyna

Am 30. April 2000 hat der Papst Faustyna Kowalska, eine polnische geistliche Schwester, heiliggesprochen. Sie ist mit 33 an Tuberkulose gestorben und ihr Leben lang hat sie ganz einfache Dienste verrichtet, zuerst auf dem elterlichen Bauernhof und dann bei den Schwestern unserer lieben Frau von der Barmherzigkeit.

Hinter dieser ganz unspektakulären Existenz verbarg sich ein intensives mystisches Leben, das von vielen Erscheinungen Jesu geprägt war. Er hat sich ihr als Quelle der Barmherzigkeit geoffenbart. “Die Menschheit wird erst dann im Frieden leben," hat Er ihr gesagt, “wenn sie sich vertrauensvoll an die göttliche Barmherzigkeit wendet."

Um also einem ausdrücklichen, an Schwester Faustyna gerichteten Wunsch zu entsprechen, hat Johannes Paul II. den Sonntag nach Ostern als Fest der göttlichen Barmherzigkeit für die gesamte Kirche festgelegt.

Was aber ist die Barmherzigkeit? Im üblichen Sprachgebrauch bezeichnet Barmherzigkeit die Fähigkeit zu verzeihen. Aber sie ist weitaus mehr als das. Die zwei hebräischen Worte, die man mit Barmherzigkeit übersetzt, drücken eine tiefe und treue Anhänglichkeit aus, eine Zärtlichkeit, die das innerste Wesen berührt.

Nicht nur, daß Gott sich nicht von uns abwendet, wenn er unser Elend sieht, es erfüllt Ihn zutiefst mit Mitleid. Die Sünde hält Ihn keineswegs davon ab, uns zu lieben, im Gegenteil: “Wo die Sünde mächtig wurde, da ist die Gnade übergroß geworden." (Röm 5,20) Genau in jenem Moment, als Ihn Sein Volk durch die Anbetung des goldenen Kalbes verworfen hatte, offenbarte Er sich als “barmherziger und gnädiger Gott, langmütig, reich an Huld und Treue." (Ex 34,6)

Was Jesus der Schwester Faustyna vermittelt hat, ist keine neue Offenbarung Seiner Barmherzigkeit: Alles das ist in der Heiligen Schrift zu finden. Wenn Gott sofort nach dem Sündenfall einen Retter verspricht, so deswegen, weil Ihn das abgrundtiefe Unglück der Sünde aufwühlt. Den Menschen dem Zugriff des Bösen zu überlassen, kommt überhaupt nicht in Frage!

Im ganzen Alten Testament erweist Er sich voller Barmherzigkeit, wenn Er mit dem Elend des Sünders, der zu Ihm schreit, konfrontiert wird: “Mein Herz wendet sich gegen mich, mein Mitleid lodert auf. Ich will meinen glühenden Zorn nicht vollstrecken." (Hos 11,8f) Und der Psalmist singt: “Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat: der dir all deine Schuld vergibt und all deine Gebrechen heilt, der dein Leben vor dem Untergang rettet und dich mit Huld und Erbarmen krönt." (Ps 103,2-4)

Und Jesus wird nicht müde zu wiederholen, Er sei gekommen, um das zu suchen und zu retten, was verloren war: “Ebenso wird auch im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über 99 Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren." (Lk 15,7)

Wir aber trauen uns einfach nicht, das zu glauben, scheint es uns doch zu schön, um wahr zu sein. Wir wagen es nicht anzunehmen, daß Gott uns in diesem Ausmaß liebt. Man braucht ein ebenso reines Herz wie Thérèse von Lisieux, um ohne Zögern zu behaupten, daß alle Sünden der Welt angesichts der Barmherzigkeit Gottes “wie ein Wassertropfen in einem Feuerherd" sind.

Gott will uns mit wahren Schätzen der Barmherzigkeit beschenken - und wir halten aus Angst, aus Stolz oder mangelndem Glauben nichts davon. Also erweckt Er Botschafter Seiner Barmherzigkeit, so als wollte Er die Menschen anflehen, nicht Gefangene der Sünde zu bleiben: “Meine Barmherzigkeit ist größer als dein Elend und das der ganzen Welt," erklärt Jesus der Schwester Faustyna. “Niemals verstoße ich ein demütiges Herz."

“Das ist viel zu einfach!", wird dann vielfach eingewendet. “Wenn Gott wirklich unendlich barmherzig ist, dann kann man doch tun, was man will. Er vergibt ja doch immer." Wenn es aber so einfach sein sollte, Seiner Barmherzigkeit teilhaftig zu werden, warum lehnen wir sie dann ab? Warum so viele leere Beichtstühle? Warum versuchen wir, wenn wir Böses getan haben, uns zu rechtfertigen, statt in die Arme des Vaters zu sinken? Warum nähren wir endlos Schuldgefühle, statt den Tropfen Wasser unserer Sünden in den Feuerherd Seiner Barmherzigkeit zu werfen?

Einerseits ist es zwar einfach, andererseits aber gar nicht so leicht: Man muß zu einem kindlichen Herz zurückfinden, voller Vertrauen. Man muß bereit sein, zu Gott zu schreien, mit leeren Händen alles von Ihm zu erwarten. Und die Augen zu dem Antlitz erheben, das Seine Barmherzigkeit angenommen hat: Zum Gekreuzigten, der Sein Leben hingab, um uns zu retten.

Von Christine Ponsard

Aus: Famille Chrétienne v. 6.2.02

© 1999-2019 Vision2000 | Sitz: Beatrixgasse 14a/12, 1030 Wien | Mail: vision2000@aon.at | Tel: +43 (0) 1 586 94 11