VISION 20003/2004
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Unsere Gesellschaft ist zutiefst depressiv

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Die Menschen leiden heute vielfach unter einer inneren Lähmung. Sie kommen mit der Wirklichkeit nicht zurecht, weil ihnen der Sinn des Lebens fehlt. Unsere Gesellschaft hat in ihrer Geschichte zum Teil explosive Krisen erlebt. Meist waren diese von Forderungen getrieben, die einem gemeinschaftlichen Anliegen entsprangen. Diese außengerichtete Periode ist so gut wie beendet: In den letzten 20 Jahren haben wir es mit einer von Implosion bedrohten Gesellschaft zu tun. Weil jegliches Gemeinschaftsprojekt fehlt und es an einem Wertesystem mangelt, wird der einzelne auf sich selbst zurückgeworfen. Wenn alles gleich gültig ist, verliert alles an Interesse - außer der eigenen Person. Sie ist dann das Um und Auf des Lebens, ihr eigenes Ideal. Man landet beim beängstigenden Gegenüber zum eigenen Spiegelbild.

Depressiv ist nicht so sehr die Gesellschaft als die Menschen, die in Kontakt mit ihr deprimiert werden. Krankheiten, Kriege, Epidemien gab es immer. Was sich in letzte Zeit geändert hat, ist der Umstand, daß die Menschen keine langfristigen Projekte mehr haben. Außerdem geht vielen eine Persönlichkeitsstruktur ab, die ihnen ermöglichen würde, sich mit der Realität auseinanderzusetzen: Viele wissen nicht mehr, richtig mit den Gegebenheiten des Lebens umzugehen.

Das führt dazu, daß nichts mehr Freude macht und das Vertrauen zu allem verloren geht - auch zu sich selbst. Jeder bleibt allein wie in einer Wüste. So stellen sich unsere gesellschaftliche Situation dar. Natürlich können einzelne anders leben. Ich analysiere damit einen Typus, nicht den Lebenslauf von jedermann.(...)

Das triumphalistische Credo unserer Gesellschaft ist das Bekenntnis zur Allmacht der Wissenschaft. Indem sie sich von Gott befreien wollten, haben sie Ideologien erzeugt, die den Menschen entfremdet und in Verzweiflung gestürzt haben. Heute wird abgerechnet: Welche Enttäuschung! Wir stehen vor einer Gesellschaft, die kein Vertrauen mehr zu sich hat und außerstande ist, der Zukunft zu begegnen. Genau das aber sind die Merkmale der Depression.

Die Symptome sind eindeutig: eine vollständige Verwirrung, was die Ideen anbelangt, ein tiefsitzendes moralisches Leiden, eine Atmosphäre des Todes...

Es ist eine Gesellschaft, in der der Todestrieb stärker ist als die Lebensimpulse. Das drückt sich in verschiedenen Verhalten aus: in der Abtreibung, der Euthanasie, im Selbstmord, in der Drogensucht und anderen Formen der Gewalt, deren Ziel es ist zu zerstören.

Tony Anatrella

Der Autor ist Psychoanalytiker und Autor von “Non à la société depressive" (Ed. Flammarion), sein Beitrag ein Auszug aus Famille Chretienne v. 29.4.93

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