VISION 20003/2004
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Laßt Euch die Schuld vergeben!

Artikel drucken Über die heilsträchtige Wirkung der Beichte

In einem Krankenhaus, wo ich vor einigen Jahren als Kaplan arbeitete, zog ich durch die Zimmer, sprach mit den Patienten und informierte sie über die Sakramente und unsere Kapelle. Einmal fragte mich eine ältere Dame: “Da gibt's noch die Beichte?" “Natürlich", antwortete ich. Und sie darauf: “Unser Pfarrer sagte, daß es keine mehr gibt."

Wir wären sehr armselig, wenn dem so wäre. Beichte - Gott sei Dank, es gibt sie. Dieses Sakrament wurde uns - wie die anderen auch - von Gott geschenkt und von der Kirche durch alle Zeiten gespendet.

Warum wird dann die Beichte so wenig in Anspruch genommen? Darüber habe ich oft mit
älteren Priestern Gespräche geführt. Sie sprachen vom Säkularismus mit seinen Früchten: dem Schwund von Glauben und Sündenbewußtsein; von einer seichten nachkonziliaren Theologie, die nicht zu sagen vermochte, was schwere Sünde ist.

Von einem Extrem der übertriebenen Strenge im Verständnis von Sünde vor dem Konzil, wo alles Sünde war, sagte ein Pater, fiel man nach dem Konzil ins andere Extrem der Nachlässigkeit, die keine Sünde mehr kannte. Von der Haltung: vor dem Kommunionempfang immer zu beichten, stürzte man ins andere Extrem, wo keine Beichte mehr nötig war. Die Folge: Es gab so gut wie keine Verkündigung mehr über die Beichte. Es war nur konsequent, daß oft auch das Spenden dieses Sakramentes ganz eingestellt wurde. Dazu
kamen die Experimente, vor der Erstkommunion auf die Beichte zu verzichten.

Man kann durchaus von einem gewissen Verschulden der Priester sprechen: Nach dem Konzil wurden Bußakte überbetont und die Andachtsbeichte bekämpft. Einige Priester duldeten auch die Beichtspiegel nicht mehr in der Meinung, diese redeten den Gläubigen die Sünden ein.

Auf diese Weise entwickelte sich bei vielen Gläubigen die Praxis, überhaupt nie zu beichten und trotzdem die Eucharistie zu empfangen. Und so gibt es
Paare, die in einer eheähnlichen Gemeinschaft leben und keinen Verstoß gegen das sechste Gebot Gottes darin sehen, die hl. Kommunion zu empfangen.

Warum ist die Beichte und die Erneuerung ihrer Praxis im Leben der Christen so wichtig? Die Beichte führt den Menschen zu den Werten, die er in seinem Gewissen erkennt. Das Gewissen sagt jedem von uns: Tu' das Gute und meide das Böse. Dieses schleicht sich durch viele unscheinbare Kleinigkeiten in unser Leben. Auf Grund der Worte Jesu können wir sagen: Wer im Kleinen untreu ist, kann auch im Großen leichter untreu werden (Vgl. Lk 16, 10 -13). Niemand wird von heute auf morgen zum Verbrecher, läßt sich aus heiterem Himmel von seinem Ehepartner scheiden. Auf dem Weg dorthin gibt es viele Schritte, das heißt scheinbar belanglose Sünden. Die Beichte stärkt in uns den Willen zum Guten, die Sünde schwächt ihn.

Unsere Gesellschaft spürt heute die bitteren Auswirkungen des Abschieds von den Werten. Es entstand eine säkularisierte Weltanschauung, die der christlichen Werte entbehrt und einen Lebensstil bewirkte, der sich
besonders verheerend auf die
Familie auswirkte.

Die Menschen sind aber ohne Gott, ohne Rücksichtnahme auf seine Gebote nicht glücklicher geworden. Im Gegenteil: Unsere Gesellschaft ist krank an der
Seele! Die Depression ist eine neue Volkskrankheit - Angaben der Fachleute zufolge leidet jeder Fünfte im Lande darunter. Die Ärzte können nicht genau erklären, warum sie entsteht. Sehr oft aber ist sie mit dem Leiden an der Leere, der Sinnlosigkeit verbunden oder mit Verletzungen der Seele, die durch ein Leben gegen das eigene Gewissen hervorgerufen oder von Mitmenschen zugefügt wurden.

Der Mensch kann sich gesund, heil in seiner Seele entwickeln, wenn er die Wahrheit entdeckt und tut. “Die Wahrheit macht euch frei," sagte Jesus (Joh 8, 32). Den Teufel bezeichnet Er hingegen als “Lügner und Vater der Lüge" (Joh 8, 44). Wie oft konnte jeder von uns es erfahren, daß die Verführung, die Sünde als Freude und Glück verspricht? Danach aber kommen Gewissensbisse, Schuldgefühle, Niedergeschlagenheit, Freudlosigkeit, Unruhe, Unfrieden.

Durch die Reue und die Beichte verzeiht uns Gott, und schenkt uns neu die innere Harmonie, ein neues Leben. Wir werden wie neu geschaffen: rein und ohne Makel (vgl. Jes 1, 16-18).

Auf die Frage, warum er in seinen reifen Jahren zum Christentum übergetreten war, antwortete der englische Schriftsteller G.K. Chesterton: “Um meine Sünden loszuwerden." Der Psychologe oder Psychotherapeut, auch wenn sein Dienst sehr wertvoll und manchmal unersetzlich ist, kann uns nie die Sünden vergeben und uns mit Gott versöhnen.

Die Beichte wirkt wie eine Bank, die uns unsere Schulden immer neu erläßt - unanhängig vom Schuldenstand.
Ginge es um finanzielle Entschuldung, würde niemand von uns zögern. Oder?

Die Entschuldung von der Schuld vor Gott ist aber viel wichtiger. Es geht um das ewige Leben. Warum zögert dann der Mensch? Weil er die Früchte der Beichte nie erlebt oder schon vergessen hat. Aus meiner doppelten Erfahrung - als Beichtender und als Zeuge der Versöhnung der Menschen mit Gott - kann ich bezeugen: In die Seele der Beichtenden kehrt Befreiung ein. Deren Früchte sind: Freude, Frieden, innere Ruhe, Erleichterung.

Auch das Gespräch mit dem Beichtvater trägt Früchte: Man erlangt Klarheit. Daher kommen manche, um einen Ratschlag in einer schweren Situation einzuholen. Andere lassen sich sogar ständig vom Beichtvater führen. Man spricht dann von einer geistlichen Begleitung. Wieder andere - weil sie um das Beichtgeheimnis wissen - kommen um sich auszusprechen. Sie sagen: “Ich brauche keine Beichte, aber ich möchte, daß sie mir zuhören." Auch sie gehen erleichtert weg.

Alle die zögern, sich aber ihrer Sünden bewußt sind, möchte ich an einen Satz aus dem Jakobusbrief (4, 7 f) erinnern: “Ordnet euch also Gott unter, leistet dem Teufel Widerstand; dann wird er vor euch fliehen. Sucht die Nähe Gottes; dann wird er sich euch nähern. Reinigt die Hände, ihr Sünder, läutert euer Herz, ihr Menschen mit zwei Seelen!"

Mut! Vertraut auf Gott und das heilende Wirken seines Sakramentes. Gott enttäuscht euch nicht. Dessen bin ich sicher.

Br. Markus Machudera

Der Autor ist Beichtvater in der Kapuzinerkirche in Wiener Neustadt.

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