VISION 20003/2004
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Genesung geschieht meist nur allmählich

Artikel drucken Ärzten zu vertrauen, ist kein Zeichen für mangelhaften Glauben (Von Urs Keusch)

Neulich rief mich mitten in der Nacht eine Frau an, verzweifelt. Sie hatte vor einer Woche an einem Heilungsgottesdienst teilgenommen, und da sei ihr gesagt worden, nun sei sie geheilt...

Und tatsächlich: Ein paar Tage sei es ihr besser gegangen, nun aber sei alles wieder beim Alten. Sie könne seit drei Nächten nicht mehr schlafen, die Kinder seien unausstehlich, der Mann wolle sie verlassen. Und sie habe doch so fest auf Gott gehofft, habe dem Priester geglaubt, der gesagt hatte: “Glauben Sie nur und Sie werden geheilt sein!"

Die Frau erzählt mir anderntags in einem langen Gespräch, daß sie schon zweimal in eine psychiatrische Klinik eingewiesen war, daß ihr Mann seit längerer Zeit arbeitslos sei und daß sie nicht wüßten, wie es weitergehen soll. Sie wies schwere depressive, ja, psychotische Störungen auf und brauchte nichts dringender, als daß sie wieder die Medikamente zu sich nahm, die ihr der Arzt verordnet hatte. Diese hatte sie abgesetzt, weil gläubige Menschen ihr gesagt hätten: Wer glaubt, brauche keine Medikamente. Das Rosenkranzgebet würde alle Probleme lösen und ihre Depressionen seien in Wirklichkeit nur dämonische Attacken.

Solche Beispiele gehören fast zum Alltag eines Seelsorgers. Sie sind deprimierend. Viele fromme Menschen erweisen kranken auf diese Weise keinen Dienst, im Gegenteil. Es ist sehr gefährlich, einem psychisch (oder auch geistig) Erkrankten zu sagen: “Hände weg vom Psychiater, das sind alles ungläubige Menschen... Nehmen Sie keine Medikamente ein, das ist teuflisch... Beten Sie den Rosenkranz, er löst alle ihre Probleme... Beichten Sie, und Sie werden gesund sein... Solange Sie Medikamente einnehmen, kann ihnen Gott nicht helfen, denn dann vertrauen Sie nicht richtig auf Ihn." Und so weiter...

Solche gutgemeinten Ratschläge können so weit führen, daß psychisch schwer erkrankte Menschen, die abrupt ihre Medikamente absetzen, Suizid begehen.

Wer einem seelisch kranken Menschen einen wirklichen Dienst erweisen will, wird sein Vertrauen in den Arzt oder Therapeuten stärken und ihn ermutigen, mit ihm zusammen einen guten Weg zu gehen (vorausgesetzt, daß er sich bei ihm gut aufgehoben weiß). Der heilige Franz von Sales hat kranke Menschen immer wieder gemahnt: “Gehorche dem Arzt, nimm die Arznei, die vorgeschriebenen Speisen und Heilmittel aus Liebe zu Gott."

Man sollte psychisch erkrankte Menschen auch nicht dazu überreden, Heilungsgottesdienste oder ähnliche Veranstaltungen zu besuchen, ohne daß sie dabei begleitet und intensiv nachbetreut werden. Oft werden die Betroffenen bei solchen Veranstaltungen emotional sehr aufgewühlt, ja, überfordert. Sehr viele sind außerstande, die christlichen Umkehrforderungen umzusetzen: oft hören sie bei der Verkündigung Dinge heraus, die so nicht gesagt wurden oder die sie seelisch nur noch mehr unter Druck setzen und ihre Ängste und Depressionen verstärken.

Kranke Menschen, vor allem psychisch und geistig erkrankte, brauchen vor allem viel Einfühlungsvermögen, Geduld, Schonung und Liebe.

Wir erleben seit Jahrzehnten in der Kirche eine erfreuliche Entwicklung: Die Botschaft Christi wird immer mehr als das verstanden, was sie von Anfang an war, nämlich als eine Heilszuwendung Gottes an den ganzen Menschen. Das Bild Christi rückt wieder vermehrt als Arzt der Kranken in den Vordergrund (Mt 9,12; Lk 5,31), der die Menschen auch körperlich und seelisch aufrichtet und neu schafft. Die Schwiegermutter des Petrus hat Christus an der Hand gefaßt und sie aufgerichtet (Mk 9,27). Die Leute, die die Auferweckung der Tochter des Jairus miterlebten, weist Jesus an, dem Mädchen zu Essen zu geben (Mk 5,43). Den Blinden von Betsaida nimmt Jesus an der Hand, führt ihn zur Stadt hinaus und bestreicht seine Augen mit Seinem Speichel und legt ihm zweimal die Hände auf (Mk 8,22). Den hungernden Menschen gibt Er Brot ...

In allen Lebenssituationen erleben die Menschen Christus als Den, Der sich um den ganzen Menschen sorgt, selber Hand anlegt, die Menschen auch körperlich und seelisch aufrichtet und wieder auf die Beine stellt. In Seinem ganzen Wirken blitzt überall der Sieg der Osterherrlichkeit schon auf.

Wie notwendig haben wir doch diese österliche Erfahrung des heilenden Christus in Seiner Kirche heute! Die Zahl der seelisch und körperlich kranken, niedergedrückten, überforderten, gedemütigten, in sich gekrümmten Menschen nimmt immer mehr zu. Und ihre Zahl wird in den nächsten Jahren anwachsen, weil die Liebe in unserer Gesellschaft immer mehr erkaltet und im Zuge des wirtschaftlichen Totalitarismus und der sozialen Verwahrlosung unserer Gesellschaft die Menschen immer mehr an Wert und Würde verlieren werden. So sind wieder die Christen gefragt, die aus einem starken österlichen Glauben heraus sich dieser Menschen annehmen und an die Macht der heilenden Liebe Gottes glauben, die vor allem im gläubigen Gebet erfahrbar und wirkbar gemacht wird.

Und das könnte konkret heißen:

* Daß wir im Gebet viel vollmächtiger als gewöhnlich für bedrängte Menschen bei Gott einstehen.

* Daß wir seelisch entwurzelte und obdachlose Menschen nicht einfach sich selbst überlassen, sondern nach Lösungen suchen, daß sie bei uns Heimat und Geborgenheit finden können.

* Daß wir Menschen mit psychischen Nöten und anderen geistlichen Bedrängnissen nicht einfach als “psychisch krank" abqualifizieren und ohne konkrete Hilfe stehen lassen, sondern sie als Kinder Gottes ernstnehmen und nicht ruhen, bis auch ihnen geholfen wird.

* Daß wir ganz allgemein für unsere Mitmenschen Tür und Geldbeutel weit offener halten als bisher.

Das geschieht freilich schon an vielen Orten, aber in Zukunft wird von uns Christen noch unvergleichlich mehr gefordert sein als bisher.

Wie oft begegnen uns auch Menschen, die einem gestehen: “Ich kann nicht mehr beten, obwohl ich das früher gerne tat... Ich mag auch keine Bibel mehr aufschlagen... Ich kann nicht mehr glauben und hoffen... Ich kann Gott nicht mehr verstehen, der so viel Böses zuläßt... Ich möchte mich freuen können, aber ich kann nicht... Ich möchte meinen Kindern eine gute Mutter sein, aber ich schaff' es nicht... Am liebsten möchte ich sterben..."

Solche Menschen brauchen dringend Hilfe, ganzheitliche Hilfe im Sinne unseres Meisters. Es ist oft nichts anderes als scheinheilige Bequemlichkeit, sie mit “Beichtstuhlrezepten" abzuspeisen, wie das so oft geschieht: “Sie müssen nur beten, und alles wird sich zum Besseren wenden!" Das kann dort zutreffen, wo Menschen gesund sind, aber aus Faulheit nicht beten. Doch in sehr vielen Fällen haben wir es mit sensiblen, innerlich verwundeten Menschen zu tun, die den Anforderungen des Alltags nicht gewachsen sind. Wenn ihnen dann noch zusätzlich ein “Gebetsdruck" aufgesetzt wird, werden sie zerbrechen (was immer wieder geschieht).

Die Erfahrung zeigt, daß viele Menschen oft gar nicht mehr beten und vertrauen können, weil sie - oft ohne daß sie es wissen - an einer depressiven Erschöpfung leiden. Sie bedürfen des Arztes. Viele, oft tief religiöse Menschen haben eine Neigung zu Depressionen oder leiden über Jahre hinweg an einer solchen. (Ein erfahrener Arzt hat einmal gesagt: “Alle wertvollen Menschen haben Depressionen.") Sie neigen von Natur aus dazu, sich dauernd zu überfordern, alles schwer zu nehmen - auch religiös. Sie brauchen notwendig das seelsorgliche Gespräch und die Begleitung, auch über Jahre hinweg. Und weil sie das oft bei Priestern nicht finden, wenden sie sich verständlicherweise an den Psychologen. Leider geschieht es dann nicht selten, daß in solchen Therapien pauschal die Religion für die Depression verantwortlich gemacht wird und daß solche Patienten dann der christlichen Praxis den Rücken kehren oder zumindest mißtrauisch gegenüberstehen.

Damit begeben sie sich aber auf einen Irrweg, denn die seelsorgliche Erfahrung bestätigt, daß Psychologie, die Gott ausschließt, niemals wirklich heilend wirken kann. Ohne diese Öffnung auf das Ewige bleibt der Mensch in sich gekrümmt, “krank zum Tode" (Kierkegard). Darum empfehle ich Christen dringend, sich bei Bedarf an einen christlichen Therapeuten zu wenden. (Eine solche Liste kann in der Schweiz bezogen werden bei: “Fenster zum Sonntag", 4612 Wangen bei Olten)

“Heute ist euch der Heiland geboren!" - so lautet die Frohbotschaft für alle Menschen guten Willens. Dieser Heiland ist das Heil nicht für die Welt, sondern für jeden einzelnen Menschen ganz persönlich. Wo Menschen diesem Heil begegnen (in lebendig erfahrbarer Wirklichkeit), wo sie sich auf dieses Heil einlassen, dieses Heil in sich wirken lassen, da geschieht auf wunderbare Weise Heil und Heilung.

Oft aber ist das ein Weg, der sich über längere Zeit, bisweilen über Jahre, hinzieht: Aber es ist ein Weg großer Schönheit und wunderbarer Erfahrung!

“Gewöhnlich geschieht die Genesung des Leibes wie der Seele nur allmählich", sagt der hl. Franz von Sales, “Schritt für Schritt, von Stufe zu Stufe, mit großem Aufwand an Mühe und Zeit." Weil diese Geduld (leider) vielen fehlt, weil viele in Christus nicht den Heiland, sondern den Zauberer sehen, weil alles immer schnell gehen muß, finden viele nicht zum ersehnten inneren und äußeren Heil, zur Erfahrung der alles übersteigenden, heilenden und Wunder wirkenden Liebe Gottes.

Der Autor ist Priester und wohnt in der Schweiz.

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