VISION 20003/2004
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Zuhören können und ganz offen sein

Artikel drucken Ratsuchende müssen sich vor allem verstanden fühlen (Von Christa Meves)

Was macht den guten Psychotherapeuten aus? Worauf kommt es bei der Beratung an? Die Autorin, Therapeutin mit jahrzehntelanger Erfahrung beantwortet die Fragen anhand eines Fallbeispiels aus ihrer Praxis.

Bettina ist verzweifelt. “Selbst Gott kann mich nicht lieben können bei so viel Unverbesserlichkeit", kommt es mit erstickter Stimme aus ihr heraus. “Seit der letzten Predigt unseres Pfarrers weiß ich: Was ich da immer und immer wieder tue, ist Sünde. Götzendienst. Für mich ist Gott eben wirklich nicht das höchste Ziel, nach dem ich alles ausrichte, sondern meine Haare. Ich bin auf sie in gräßlicher Weise fixiert", schluchzt die 18-jährige, “Ich kann nichts dagegen machen."

Und weiter: “Es begann damit, daß meine Haare vor zwei Jahren einmal von einem Friseur falsch behandelt wurden. Sie fingen an zu brechen, und ich bekam einen fürchterlichen Schreck. Von nun an tat ich alles für meine Haare: Ich wusch sie immer öfter, massierte meine Kopfhaut, behandelte sie mit vielen, teuren Pflegemitteln. Aber das schlimmste: Ich guckte mir in meiner Freizeit Haar für Haar an und knipste Bruchstellen ab. Schließlich gab es für mich keine anderen Gedanken mehr. Mit den Haaren wurde es auch nicht besser, sondern immer schlechter. Ich sitze in meiner eigenen Hölle fest. Da ich aus einem frommen Elternhaus stamme und meine Mutter mir das riet, suchte ich Schutz und Erlösung im Gottesdienst. Aber da sind mir erst recht die Augen für meine Verworfenheit geöffnet worden. Gott verzeiht zwar dem, der bereut und nicht mehr sündigt, hat der Prediger gesagt - aber dem Unverbesserlichen, dem kann selbst Christi Blut nicht mehr helfen."

Bettina ist in einer Sackgasse. Ich frage sie, ob sie denn vor dieser Elendszeit niemals Probleme mit sich selbst gehabt habe. “Doch", sagt sie, “eine Weile, als ich 13 war, hatte ich Pickel im Gesicht. Da habe ich mir immer das ganze Kinn aufgekratzt. Dann gingen sie weg - und von da an habe ich mir die Haare ausgezogen, oft büschelweise."

“Weißt Du, warum?", frage ich zurück.

“Nein", antwortet Bettina, “einfach so. Ich war viel unglücklich."

“Worüber?"

“Ach, ich bin doch häßlich", fährt es aus ihr heraus. “Meine Schwester ist viel schöner, kommt viel besser an. Immer war ich benachteiligt - von Anfang an, im Grunde doch schon von Gott. Gott liebt meine Schwester eben mehr als mich, meine Eltern lieben sie auch mehr als mich, meine Lehrer lieben andere Schüler mehr als mich - und dabei haben sie auch noch recht. Ich bin eben nicht liebenswert."

“Woran erkennst Du das?"

“Sehen Sie doch", schreit Bettina mich plötzlich wütend an, “was kommt bei mir schon heraus?"

“Das ganze ist zum Haare-raufen im wahrsten Sinn des Wortes, nicht wahr?", versuche ich zu erklären.

“Ja, ja, ja", kreischt das Mädchen. “So läuft das bei allen, auch Sie machen sich einfach über mich lustig."

“Davon kann keine Rede sein", gebe ich ernst zurück. “Ich versuche vielmehr, mit dir hinter die Ursachen deines verzweiflungsvollen Irrtums zu kommen. Du wirst geliebt. Ganz bestimmt! Gewiß, die Natur stattet uns mit verschiedenen Gaben aus - es gibt in der Tat blendend schöne Frauen. Aber ist das ein Zeichen dafür, daß sie besser sind?"

Ich fahre fort: “Superschönheit hat auch viele Nachteile, birgt Gefahren: Man kann hochmütig werden, kann in die Fänge raffinierter Verführer fallen, kann zur Selbstvergötzung verleitet werden. Man kann sich den Weg zum Frieden und zum Glück verstellen, indem man sich weigert, sich selbst so zu lieben, wie man ist, sich auch getrost mit all seinen Schwächen anzunehmen. Wenn man das durch füßestapfende Verzweiflung über sich selbst abblockt, wird man immer unglücklicher. Und dann steht man plötzlich im kalten, einsamen Wind und fixiert sich an irgendetwas, was man an sich selbst nicht annehmen kann und will."

Nicht jede Psychotherapie beginnt mit einem solchen Verzweiflungsausbruch und einer dadurch ausgelösten Glaubenskrise. Aber dieses Beispiel sagt einiges aus über eine zwingende Voraussetzung zu jeglichem therapeutischen Vorankommen: Wir müssen dem Ratsuchenden mit horchbereiter Offenheit begegnen und ihn dort abholen, wo er steht - auch wenn das eine religiöse Dimension ist.

Ohne diese Einstellung läuft nichts in einer Psychotherapie. Der Bedürftige muß als erstes den Eindruck gewinnen, daß er hier auf eine Person stößt, die ihn grundsätzlich versteht.

Als zweites ist es nötig, daß der Helfer dem Ratlosen Signale seiner Fachkompetenz vermittelt; denn auf dem Boden dieser erst kann es ihm möglich werden, dem Patienten so etwas wie eine innere “Notunterkunft", eine psychische Herberge anzubieten, die es dem Suchenden möglich macht, Vertrauen zu finden, weil er sich angenommen fühlt. Darüber hinaus aber muß er in den ersten Begegnungen den Eindruck gewinnen, hier in der richtigen Schmiede gelandet zu sein. Auf dieser Basis erst kann die eigentliche Arbeit ansetzen, ganz gleich, welche therapeutischen Maßnahmen zur Heilung des Patienten anberaumt werden müssen.

Bei Bettina waren dazu viele Stunden nötig, um ihr die tiefen Hintergründe ihres Selbstwertverlustes verstehbar zu machen und außerdem per Verhaltenstherapie eine Ersatzbefriedigung abzugewöhnen, die sich bereits verselbständigt hatte.

Und doch kam sie am Ende all der Kärnerarbeit noch einmal auf ihre Frage aus der ersten Stunde zurück: “Meinen Sie denn, daß Gott mich trotz der vielen Zeitverschwendung mit all diesen Sachen noch weiter liebt? Er kann mich doch gar nicht mehr lieben!"

“Aber Bettina," antworte ich, “das ist doch gerade das Befreiende der Frohen Botschaft - daß es Gott ganz besonders um diejenigen Lämmer geht, die sich verlaufen haben, daß Er hinter denen doppelt her ist, daß Er gewiß nicht an Dir verzweifelt, die Du Dich mit ganz viel Überwindung bemüht hast, Deine Schwierigkeit zu durchschauen und zu verändern! Schau, Gott hat doch auch unsere Bereitschaft zur Gewohnheit geschaffen, weil die Gewohnheiten uns helfen, unser Leben zu ordnen. Deshalb hat Er doch auch Verständnis dafür, daß es nicht so von heute auf morgen möglich sein kann, falsch gepolte Gewohnheiten wieder abzulegen.

Für Dich wichtig ist allein, daran festzuhalten, daß Gott Dich unermüdlich lieb hat, Deine Qualitäten kennt und sie achtet, so daß Du es gewiß mit Dir und mit dem Leben wagen kannst, weil Er das bereits tat, bevor Du geboren wurdest. Er hat den Plan für Dein Leben gefaßt und Dich als Sein geliebtes Kind, das anders ist als alle anderen, geschaffen: als Sein sorgsam und mühevoll entworfenes Kunstwerk."

In der Psychotherapie - ganz gewiß in der mit gläubigen Menschen - hat es sich gerade in den letzten Jahrzehnten als unzureichend erwiesen, sich allein auf die Symptome zu konzentrieren und sich dem leidenden distanziert - wie einem Objekt gegenüber - zu verhalten. Er muß vielmehr mit Empathie so angenommen werden, wie er sich darstellt - schon ganz und gar, wenn es ihm vor allem anderen wichtig ist, sein Leiden in eine Beziehung zu seinem Glauben zu stellen.

Das bedeutet nicht, daß er auf diese Weise grundsätzlich “seine Neurose an den Himmel hängt," wie Freud es noch abfällig formulierte, sondern es spricht viel eher dafür, daß ein solcher Patient eine vertiefte Dimension seines Lebens anpeilt. Jedenfalls kann nur der Therapeut, der sich auf seinen Patienten unvoreingenommen voll eingestellt hat, Hoffnung auf therapeutischen Erfolg haben.

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