VISION 20003/2004
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Eine Liebe, die stärker als alle Bosheit ist

Artikel drucken Über die Polemik rund um den Film „Die Passion“

Wie so viele Wogen, ist auch diese über uns hinweggegangen. Die Aufregung hat sich gelegt, nachdem die meisten Medien das Thema relativ prominent gespielt haben. Die Rede ist von Mel Gibsons Film “The Passion of the Christ". Lohnt es sich überhaupt, noch einmal auf die Debatte zurückzukommen?

Ich denke doch. Weil das Geschehen rund um diesen Film über das Leiden und Sterben unseres Herrn Jesus Christus für uns Christen doch einige sehr wichtige Lehren enthält. Inwiefern? Zunächst wegen der unglaublich großen Besucherzahlen. “The Passion" zählt bereits zu den sieben erfolgreichsten Filmen aller Zeiten. In vielen Ländern lag er Wochen hindurch an der Spitze der Film-Hitliste. Sogar in Hongkong drei Wochen lang. In muslimischen Ländern machen Raubkopien furore.

Zugegeben: Das sagt nicht an sich etwas über seine Qualität aus. Aber es zeigt, daß die Person Jesu Christi imstande ist, auch zu Beginn des dritten Jahrtausends die Menschen zu bewegen. Denn bewegt war die überwiegende Mehrzahl jener, die den Film gesehen haben. So haben sich beispielsweise einige Verbrecher, darunter ein Mörder, im Anschluß an “The Passion" der Polizei gestellt.

Diese Reaktion des Publikums stand im krassen Gegensatz zu den seit Monaten veröffentlichten kritischen Stellungnahmen der “Experten". Sie hatten den Film zunächst mit dem Totschlag-Argument “Antisemitismus" bedacht.

Kaum war der Streifen dann angelaufen, verlor dieser Vorwurf jedoch an Überzeugungskraft. Denn jeder, der “The Passion" gesehen hatte, konnte sich davon überzeugen, daß der Film nur das ins Bild gesetzt hat, was die Heilige Schrift zum Thema berichtet. Wenn im Film schon jemand schlecht wegkommt, dann sind es die römischen Soldaten, deren Grausamkeit schonungslos dargestellt wird.

Daher verschob sich der Schwerpunkt der Kritik bald auf das Thema Grausamkeit. Da fielen Worte wie “sado-masochistische Gewaltorgie", “unerträgliche Gewaltpornographie". Szenen wie die Geißelung Jesu seien unzumutbar.

Diese Kritik kam häufig aus kirchlichen Kreisen, die bisher stets jene mit Spott und Hohn bedacht hatten, die sich bei früheren, liberalen Jesus-Verfilmungen - ich denke etwa an die “Letzte Versuchung Jesu" - kritisch zu Wort gemeldet und von Blasphemie gesprochen hatten. Auf einmal waren die Rollen getauscht: Jene, die sich bisher stets für die Freiheit der Kunst stark gemacht hatten, entpuppten sich plötzlich als Fundamental-Kritiker von Gewaltdarstellungen. Man hätte sich eine ähnlich heftige Kritik an den vielen anderen Gewaltdarstellungen, etwa in “Soldat James Ryan" oder “Der letzte Samurai", gewünscht.

Meiner Überzeugung nach hat die Heftigkeit der Reaktion ihre Ursache daher auch nicht in der Brutalität der Szenen. Es ist die Botschaft von “The Passion", die zur Scheidung der Geister führt. In seinem Leitartikel (Die Welt v. 3.4.04) “Reaktionäre Aufgeregtheit" schreibt Guido Heinen: “Was stört, ist nicht die Darstellung, sondern die Präsenz einer Botschaft, die man glaubte erfolgreich aus dem gesellschaftlichen und kulturellen Gedächtnis gelöscht zu haben."

In Mel Gibsons Film gibt es keinen Zweifel daran, daß es sich beim Leiden und Sterben Christi um ein historisches Ereignis handelt, um ein Geschehen allerdings, dem über die Zeiten hinweg Bedeutung zukommt und das auch mich betrifft. “Wegen unserer Sünden hat er gelitten" steht zu Beginn der Aufführung in leuchtender Schrift auf der dunklen Leinwand. Der Besucher weiß also, daß auch er selbst gemeint ist.

Und genau das macht ja die Sprengkraft des Filmes aus, so habe ich es jedenfalls empfunden: Die Worte, die man im Glaubensbekenntnis so locker, meist gedankenlos dahinsagt: “... gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben..." gewinnen in den zwei Stunden, die der Film dauert, eine beklemmende Realität. Was für ein Leiden! Auf einmal wird mir bewußt, was es bedeutet, daß der Herr für die Sünden der ganzen Welt gelitten hat. Das war eben kein Spaziergang. Und es geschah - für mich!

Daß der Mensch gewordene Gott sich für uns geopfert hat, widerspricht dem, was vielfach heute als theologisch korrekt gilt. Daher scheint mir die Heftigkeit des Widerstands zu rühren. Man dürfe nicht “in den alten Fehler verfallen, an einen blutrünstigen Gott zu glauben, der wegen der vielen Sünden das größte Opfer überhaupt braucht: seinen Sohn", warnte ein prominenter Kleriker.

Stimmt. Aber auf diese Idee kommt ohnedies niemand, der den Film sieht. Er ist vielmehr ergriffen von der Liebe, die Jesus Christus seinen Folterknechten auch in der Situation Seines extremen Leidens entgegenbringt. Wer den Film mit offenem Herzen sieht, geht mit der Erkenntnis heim: Gott ist zum Äußersten bereit, um Dir Seine Liebe zu bekunden. Und diese Liebe ist stärker als alle Bosheit, die gegen sie anstürmen mag - sie besiegt sogar den Tod.

Zugegeben die Auferstehung wird im Film nur angedeutet - meiner Ansicht nach sogar in nicht sehr gelungener Weise. Aber, daß alle Bosheit der Welt die Liebe Christi nicht zu erschüttern vermag, mit dieser Botschaft geht man nach Hause. Und daß diese Zusage auch für sie gilt, begreift die überwiegende Mehrzahl der Zuseher und verläßt betroffen die Vorführung.

Und daß dieses in Filmsälen geschieht, wo sonst Sex- und Crime Heimvorteil haben, dafür dürfen wir sehr dankbar sein, ohne Mel Gibsons Film deswegen zum alles entscheidenden Test für den rechtmäßigen Glauben hochzustilisieren.

Christof Gaspari

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