VISION 20003/2004
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Zeit haben und wirklich Anteil nehmen

Artikel drucken Wie kann man depressiven Menschen helfen?

Nicht jeder kann sich einen Therapeuten leisten. Er ist dringend auf die Hilfe seiner Umgebung angewiesen. Wie aber können “Nicht-Experten" helfen? Maria Loley, Anlaufstelle für viel Not, antwortet.

Was würdest du jemandem raten, der bereit ist, auf Menschen in seelischer Not zuzugehen: Worauf sollte er achten?

Maria Loley: Wichtig ist: Ich spreche ihn nicht als kranken Menschen an, sondern als meinen Mitmenschen. Auf ihn muß ich behutsam zuzugehen. “Magst Du einen Spaziergang machen? Auf einen Kaffee kommen?" Dieser Mitmensch ist in seiner Notlage sehr verletzlich. Geschieht die geringste Taktlosigkeit - so verschließt sich der andere. Depressive Menschen sind so leicht verletztlich, weil sie so leiden. Ich muß also mit größter Behutsamkeit auf ihn zugehen. Da ist der größte Mangel: Es fehlen die Mitmenschen, die sensibel genug sind, um die Not der anderen zu spüren.

Suchen depressive Menschen überhaupt von sich aus das Gespräch?

Loley: An sich schon. Aber sie machen sehr oft nicht den ersten Schritt dazu. Sie warten ab: Kommt jemand? Hört mich jemand? Hört jemand, was ich nicht sage? - so hat es Jörg Müller formuliert.

Was kennzeichnet die innere Situation eines depressiven Menschen?

Loley: Seine innere Not erlebt er als überaus bedrängend. Das Wasser scheint immer höher zu steigen. Er nähert sich der
Verzweiflung.

Weil er mit seinen Problemen nicht zurechtkommt, weil ihn seine Aufgaben überfordern?

Loley: Darüber denkt er nicht unbedingt nach. Er leidet. Er ist allein mit seiner Not. Die Not ist bedrängend. Er weiß keinen Ausweg, höchstens in den Selbstmord. Und er hat keinen Menschen. Die häufigsten Klagen, die ich vernehme: “Ich habe keinen Menschen, habe niemand, der mich versteht, niemand, der mir zuhört." Und da ist es eben so wichtig, daß ich rechtzeitig diesen Impuls spüre, um auf jene zuzugehen, die noch nicht schreien, aber denen das Wasser schon bis zum Mund geht.

Worin besteht dann der Dienst, den man einem bedrängten Mitmenschen leisten kann?

Loley: Ihn so anhören, wie er sich gibt. Entgegennehmen, was er empfindet, ob er nun auf die Partnerin schimpft oder auf sonst jemanden oder ob er kundtut, daß er keinen Ausweg mehr zu sehen vermag, daß er sich umbringen will. Das sagen durchaus Menschen, die sich damit keineswegs in Szene setzen wollen. Man muß das ernstnehmen. So ist ihnen zumute. Ich erinnere mich an eine Begebenheit: Da bin ich jemandem, den ich auf der Straße gesehen habe, ausgewichen, weil mich seine Situation einfach überfordert hat. Und er hat sich am selben Tag umgebracht.

Welchen Beitrag hat man dann zu leisten?

Loley: “Komm, sprechen wir!" “Setz' Dich her!" Immer wenn jemand ankündigt, er sehe keinen Weg mehr, sollte man so reagieren: “Komm, reden wir darüber! Ich habe Zeit." Zeit haben, ist entscheidend. So kommt es zu einem Austausch. Dann muß ich lange zuhören. Äußert jemand Partnerkonflikte, dann nur ja nicht dem depressiven Menschen den Partner erklären oder entschuldigen wollen oder vielleicht gar beschwichtigen. Man muß auch Schweigepausen durchhalten, bei denen ich dem Gesprächspartner Aug' in Aug' gegenüber standhalte. Aug' in Aug'. Da kann ich dann die Führung durch den Geist Gottes erfahren. Er lenkt das Gespräch weiter. Ich weiß ja: Dieser Mensch hat einen unsichtbaren Partner, den lebendigen Gott. Er allein kann ihm Hilfe sein. Ich stehe im Dienst Gottes. Mir ist jetzt dieser Mitmensch anvertraut. Für ihn trage ich Verantwortung. Einen Ausweg aus der Notlage muß gefunden werden. Also überlege: Was ändert diese Notlage? Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter zeigt uns die richtige Vorgangsweise. Da heißt es: Er hatte Mitleid mit ihm. Der andere muß spüren, daß sich in mir etwas regt, wenn ich mit der Not konfrontiert werde. Spürt er das, so verringert sich die Not, weil sie sich auch auf meine Schultern legt.

Wie kann der Gesprächspartner diese Erfahrung machen?

Loley: Das geschieht nicht primär auf rationalem Weg, sondern wird irgendwie in einer tieferen Schicht erfaßt. Es ist nicht meine eigene Superleistung, sondern das Wirken Gottes, wenn ich mich auf den anderen wirklich einlasse.

Muß man ihm das bewußt
machen, ihm sagen?

Loley: In einer ersten Phase nicht. Da wird die Erfahrung des sich angenommen Fühlens dafür sorgen, daß der Verzweifelte nicht davonläuft. Ich versuche dann schon verbal auszudrücken: “Es tut mir sehr leid, daß es Dir nicht gut geht." “Ich mache mir Gedanken, wie das bei Dir weitergehen soll." Ich sage dann: “Mir ist es ganz besonders wichtig, daß Du Dich nicht mehr allein fühlst. Du hast jetzt einen Mitmenschen. Und ich habe einen in Dir. Deine Last ist jetzt auch meine Last. Und daher kann ich Dir auch zusagen: Deine Last ist nur mehr halb so schwer. Wir tragen sie jetzt gemeinsam." Ich muß dem anderen unbedingt zu verstehen geben, daß für mich die Sache nach Beendigung des Gesprächs nicht beendet ist. “Ich behalte all das im Herzen, was wir jetzt besprochen haben und fühle mit Dir."

Wo materielle Not zu beheben ist, bin ich gefordert. Wenn jemand nicht weiß, woher er die erforderlichen 300 Euro hernimmt, kann ich ihn nicht mit zehn Euro abspeisen. Habe ich die 300 Euro nicht, muß ich mir eben etwas einfallen lassen...

Wenn nun jemand immer tiefer in der Depression versinkt, was dann?

Loley: Wenn jemand sagt, er sähe jetzt nur mehr im Selbstmord einen Ausweg, sage ich bestimmt: “Wir machen das nicht!" Ich sage bewußt “wir". “Ich verlaß mich jetzt auf Dich! Laß Du mich jetzt nicht hängen. Wir gehören jetzt zusammen. Daher passiert das nicht." Es ist mir bisher noch nie untergekommen, daß jemand weggegangen ist und sich umgebracht hätte. Auch das starke Wort kann also notwendig sein, wenn sich ein Absturz abzeichnet. “Ich rechne morgen mit Deinem Kommen."

Es geht also darum, eine Perspektive zu eröffnen?

Loley: Ja. Da verlaß ich mich auf den Heiligen Geist.

Soll man Ratschläge geben?

Loley: Da bin ich sehr sparsam. Der andere empfindet sie eher als Schläge, denn als Rat. Wenn es um Perspektiven geht, dann versuche ich eher, den anderen es sagen zu lassen. “Wie stellst Du Dir vor, aus dem Schlamassel herauszukommen?" Es geht darum, seine Erwartung zu erkunden. Das Halbieren der Notlage, das klare Wort, was nicht passieren darf, die Frage nach den Erwartungen über Auswege, spreche ich aus im Vertrauen darauf, daß mich der Heilige Geist führt. Wichtig aber ist, daß der andere erfährt: Ich bin von jetzt an nicht mehr allein.

Im Grunde genommen ist das ein Appell für große Sensibilität in jedem Gespräch.

Äußerst große Sensibilität. Denn wir alle sind mehr oder weniger verletzt und daher bedürftig mit der heilenden Wirkung Gottes in Berührung zu kommen. Indem wir uns für das Wirken Gottes öffnen, bewirkt Er diese Sensibilität in uns.

Das Gespräch führte CG.

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