VISION 20005/2007
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Wir können viel voneinander lernen

Artikel drucken Francis Beckwith über Evangelikale und Katholiken

Francis Beckwith, Professor an der Baylor University, war bis zum Mai 2007 Präsident der “Evangelical Theological Society" in den USA. Er hat diese führende Funktion im Bereich der Evangelikalen Gemeinschaft aufgegeben, als er zum katholischen Glauben zurückgekehrt ist. Im folgenden Überlegungen, was Evangelikale und Katholiken voneinander lernen können.

Ich bin davon überzeugt, daß Katholiken viel von den evangelikalen Protestanten lernen können: wie man predigt, wie man lehrt, wie man den Glauben und die Lehre vertreten kann, etwas, was Katholiken oft der kirchlichen Autorität überlassen. Die Evangelikalen wiederum können von den Katholiken lernen, daß das Christentum ein über die Zeit hinweg fortbestehender Glaube ist, der nicht zwischen dem zweiten und dem 16. Jahrhundert von der Erde verschwunden war. Das ist es, was ich als “Lernen von der großen Tradition" bezeichne.

Vieles von dem, was Evangelikale als eigenartiges Glaubensgut der Katholiken bezeichnen, hat seine Wurzeln tief in der christlichen Geschichte. Sicher wird das allein die Protestanten noch nicht überzeugen. Was für diese aber hilfreich sein könnte, ist folgendes: Dieselben Christen, die den Inhalt des biblischen Kanons reiflich erwogen haben, glaubten auch an die Realpräsenz, das Fegefeuer, die Fürsprache der Heiligen und den Ablaß.

Wenn diese Christen, die die Bibel viel besser kannten als wir, diese Praktiken und diese Glaubensinhalte nicht als "unbiblisch" ansahen, sollte man vorsichtig sein und diese Praktiken und Glaubensinhalte nicht vorschnell einfach nur deswegen verwerfen, weil sie nicht zur eigenen protestantischen Erfahrungswelt gehören.

Andererseits sollte der Umstand, daß viele katholische Pfarren ihren Mitgliedern weder die erklärende Predigt noch das theologische Wissen bieten, das man in den besten protestantischen Kirchen antrifft, die Katholiken zu einer kritischen Reflexion veranlassen: Tun wir genug für die Evangelisation und rüsten wir unsere Leute ausreichend gut dafür aus, um in einer der christlichen Weltanschauung feindlichen Welt bestehen zu können?

(...) Was nämlich die erklärende Predigt und den Unterricht für die Laien anbelangt, brauchen die evangelikalen Protestanten keinen Vergleich in der christlichen Welt zu scheuen. So ist es in evangelikalen Kirchen durchaus üblich, größere Konferenzen zu veranstalten, bei denen führende Fachleute vor einem Publikum von Laien auftreten, um diese mit den nötigen Kenntnissen auszustatten, damit sie ihren Glauben vor Nachbarn und Freunden vertreten können. Auch sollte man die Arbeiten von evangelikalen Philosophen und Theologen wie Moreland, Copan und William Lane Craig im Bücherschrank jedes ernstzunehmenden Katholiken finden, der Antworten auf die heutigen Anfragen an den christlichen Glauben parat haben will.

Francis Beckwith

Auszug aus “The Catholic World Report", Juli 2007

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