VISION 20006/2007
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Christliche Werte öffentlich vertreten

Artikel drucken Gespräch über die Frage der Sinnhaftigkeit politischen Engagements von Christen heute

Was kann man als Christ in der Politik bewegen? Wenig werden viele sagen, der Trend geht weg vom Glauben. Also resignieren? Alfons Adam tut das nicht. Er hat eine Partei - Die Christen - gegründet. Ob das was bringt?

Wie beurteilen Sie die Politik in Europa?

Alfons Adam: Ich habe seit einigen Jahren den Verdacht, daß die größte Gefahr von der EU-Bürokratie ausgeht, nämlich daß ein totalitärer Zentralstaat entsteht. Der Grund für meine Befürchtung: Die sogenannte Gender-Ideologie ist der gefährlichste Angriff auf das christliche Menschen- und Familienbild. Diese Ideologie wird von der EU massiv - auch finanziell, wie man etwa in den Sozialberichten nachlesen kann - gefördert. Die Gender-Ideologie wird von allen Parteien mitgetragen. Die Ministerien haben Gender-Beauftragte.

Wie kann man die Gender-Ideologie kennzeichnen?

Adam: Sie zielt auf die Auflösung der Geschlechterrollen. Es wird die Idee propagiert, daß sich jeder sein Geschlecht aussuchen könne. Dieses Konzept läuft darauf hinaus, daß es eine Ehe überhaupt nicht mehr gibt. Das wirkt sich natürlich in der Erziehung von Kindern und Jugendlichen aus: In Fragen der Sexualität wird alles möglich, nur nicht das, was uns das 6. Gebot nahelegt. Und dies strahlt in andere Bereiche hinein.

Wie lange wird die Ideologie Ihrer Ansicht nach schon gepusht?

Adam: Schon länger. Wir haben es nur nicht bemerkt, haben es vielleicht sogar interessant, ja lustig gefunden, als uns Ausdrücke wie BürgerIn, SchülerInnen, ChristInnen verordnet wurden. Weitergeführt wurde das in der Familienpolitik: Die Vorschriften über Namensgebung, Verhältnis zwischen Ehegatten sowie Eltern und Kindern wurden verändert. Auf lange Sicht führt diese Gender-Ideologie dazu, daß Europa unter massivem Bevölkerungsschwund leiden wird. Eigentlich stehen wir schon mitten in dieser Entwicklung, weil es zu wenige Kinder, immer weniger intakte Familien gibt und daher immer mehr geschädigte Kinder. Aber öffentlich darf man darüber nicht reden. Christa Meves wird nicht müde, über die neuesten Ergebnisse der Gehirnforschung zu sprechen. Sie beweisen nämlich - was wir ohnedies vom gesunden Menschenverstand her schon wußten -, daß ein Kind bis zum Alter von drei Jahren zur Mutter gehört und zu sonst niemandem. Daß sich das auf die intellektuelle Entwicklung, das körperliche Wohlbefinden auswirkt, wird den Politikern aller Schattierungen sicher von vielen Seiten vorgehalten - jedoch vergeblich, wie man sieht. Sie scheinen auf die Gender-Ideologie festgelegt.

Heißt das also, daß sich Wahlkämpfe auf Nebenkriegsschauplätzen, etwa wirtschaftlichen Fragen abspielen? Werden also die eigentlich entscheidenden Fragen gar nicht thematisiert?

Adam: Nein, jedenfalls nicht aus meiner Sicht. In der wichtigsten Frage des Menschenbildes gibt es einen parteiübergreifenden Konsens. Das ist die größte Gefahr, mit der wir konfrontiert sind. Typisch die Frage der Bevölkerungsentwicklung: Ich habe einen EU-Sozialbericht gelesen - übrigens sehr mühsam. Sogar dort wird über die schwerwiegenden Konsequenzen des Geburtendefizits berichtet. Die Politik ist also informiert. Aber es werden keine Konsequenzen gezogen. Die Politik scheint unfähig, sich von ihren ideologischen Vorgaben zu lösen. Ihr Motto: Ich lasse mir doch meine Vorurteile nicht durch Fakten ruinieren.

Wie kann man sich da aber als Christ in der Politik einbringen?

Adam: Vor dieser Frage bin ich gestanden, als 2005 im Raum stand, eine eigene Partei zu gründen. Damals bin ich durch Österreich gezogen und habe zwischen 10 und 15 Vorträge gehalten. Immer mit der Frage: Was können wir tun? Bei diesen Vorträgen gab es immer 50 bis 70 Zuhörer. Der Grundtenor war jedesmal: Christen müßten sich um eine eigene politische Vertretung bemühen, wenn die erwähnten Anliegen öffentlich vertreten werden sollten. Darüberhinaus ist es für mich eine Gewissensfrage geworden.

Inwiefern?

Adam: Ich habe im Rahmen meiner vielfältigen Aktivitäten im Lebensschutz seit 1980 die Erfahrung gemacht, daß viel die Rede von der Gründung von Plattformen, dem Knüpfen von Netzwerken, dem Verfassen von Manifesten war, aber die Gesamtsituation in Fragen Lebensschutz, Ehe und Familie, Menschenbild hat sich meiner Beobachtung nach weiter in die falsche Richtung entwickelt. Ab und zu gelang es, etwas Aufmerksamkeit zu erregen, aber nur allzu bald wurde ein Diskussionsverbot verordnet - und eingehalten. Dieses Totschweigen wesentlicher Fragen gilt es zu durchbrechen. Die Lehrschreiben der Glaubenskongregation aus 2002 und 2003 an die katholischen Laien sprechen da eine deutliche Sprache. In zwei von Kardinal Ratzinger unterfertigten Dokumenten werden die Katholiken in die Pflicht genommen, im Bereich Ehe, Familie, Lebensschutz, Homosexualität politisch aktiv zu werden. Das Schreiben von 2003 richtet sich besonders an katholische Politiker mit dem Auftrag, sich mit allen Kräften der gesellschaftlichen Anerkennung von homosexuellen Lebensgemeinschaften zu widersetzen. Das alles geschieht bei uns nicht.

Wäre es nicht wirksamer, Lobbyarbeit zu machen, als eine Partei zu gründen?

Adam: Meine langjährige Erfahrung spricht dagegen. Daher die Überlegung: Will man gläubigen Christen eine Stimme geben, muß man selber etwas machen.

Da man jedoch - wenn überhaupt - nur mit wenigen Mandaten rechnen darf, wird man aber kaum viel bewegen können...

Adam: Das ist richtig. Meine persönliche Motivation - ich weiß nicht, ob es günstig ist, es so zu sagen, weil es nicht jeder verstehen wird - war nicht, daß ich mit einem großen Erfolg rechne. Sollten wir Erfolg haben, würden wir uns natürlich darüber freuen. Mich motiviert die Überzeugung, daß es der einzig sinnvolle Schritt in unserer heutigen Situation ist. Es wäre ein gewaltiges Signal, wenn wir auch nur mit wenigen Mandaten z.B. in den Nationalrat einziehen. Ein Signal, das man in ganz Europa registrieren würde. Wegen der 4%-Klausel ist es so, daß man entweder in Clubstärke hineinkommt oder gar nicht. Einen Parlamentsclub zu haben, würde aber Parteienförderung bedeuten, Finanzierung einer politischen Akademie, wirtschaftlich abgesicherte Mandatare, die dafür sorgen würden, daß unsere Anliegen nicht weiter totgeschwiegen werden. Wir würden sicher jede in einer Demokratie bestehende Chance nützen, unsere Minderheits- zur Mehrheitsmeinung zu machen. Mit Gottes Hilfe kann das auch gelingen.

Was ist das Sinnvolle daran? Daß man in der Öffentlichkeit Zeugnis gibt?

Adam: Ja, weil das so gut wie niemand macht. Damit will ich an niemandem konkret Kritik üben. Es müssen heute die erwähnten Themen jedoch öffentlich gemacht werden. Erst kürzlich ist mir bei einem Vortrag aufgefallen: Selbst wirklich gläubige Christen finden es unpassend, vom Glauben zu reden, wenn es um diese Fragen geht, von denen wir hier sprechen. Wir sind es gewohnt - auch ich habe es früher so gehalten -, daß wir am Sonntag, wenn wir die Kirche verlassen, unseren Glauben dort zurücklassen. Wir hätten ja die Antworten auf die zerstörten Familien, die kranken Kinder und Jugendlichen. Aber wir vertreten sie nicht in der Öffentlichkeit. Wir haben aber den ausdrücklichen Auftrag dazu. Man lese Evangelium vitae. Einmal sollte ich einen Vortrag über die Enzyklika halten. Zwei Tage davor ein Anruf: Ob der Vortrag auch politisch vertretbar sei. Meine Antwort: Evangelium vitae ist politisch nicht korrekt. Die Trennung von Glaube und Politik muß durchbrochen werden. Spätestens seit der Staat die Tötung ungeborener Kinder freigegeben hat, wäre das ein Gebot der Stunde gewesen.

Wie sollte sich das Verhalten eines christlichen von dem anderer Politiker unterscheiden?

Adam: Ich versuche Leute zu finden, die wirklich vom Glauben bewegt sind und ein dementsprechendes Leben führen. Das sollte sich auch auf ihr Verhalten in der Politik auswirken - etwas, was wir alle erst lernen müssen.

Eine Herausforderung für das eigene Gebetsleben?

Adam: Genau. Es geht nur mit Gebet. Diesbezüglich gibt es wunderbare Dinge zu erzählen. In der Steiermark hat im Juni eine ganztägige Arbeitstagung stattgefunden. Jene, die sich für eine Mitarbeit interessiert hatten, sollten einander kennenlernen. Ich hatte gehofft, daß sich eine Arbeitsgruppe bilden würde. Herausgekommen ist eine Landesorganisation. Da auch evangelische Christen anwesend waren, habe ich gesagt, daß wir auf diesem Weg ökumenisch miteinander leben, Unterschiede nicht hervorkehren und möglichst liebevoll miteinander umgehen wollen. Das ist auf so fruchtbaren Boden gefallen, daß der steirische Landesobmann, ein evangelischer Christ, als erste Maßnahme eine Wallfahrt nach Mariazell vorgeschlagen hat! Sie hat Mitte September stattgefunden.

Und die wesentlichen Fragen, die es anzusprechen gilt?

Adam: Ehe und Familie, Lebensschutz, Erziehung und Bildung sowie Kultur. Kultur - in dem Sinn, daß wir so etwas wie eine Kulturrevolution brauchen.

Was verstehen Sie darunter?

Die christliche Kulturrevolution müßte so ausschauen, daß vor allem junge Leute wieder den Mut bekommen, eine Ehe einzugehen, Kinder als Gabe und Aufgabe Gottes zu betrachten, Verhütung nicht als Tugend anzusehen, Mut zum Kind zu haben, Kinder, die in intakten Familien gesund an Leib und Seele aufwachsen können, dem christlichen Glauben im öffentlichen Leben wieder eine Rolle einräumen.

Das Gespräch führte Christof Gaspari.


Volksbegehren

Die neue Partei Die Christen hat ein Volksbegehren gestartet. Das Anliegen: ein Müttergehalt als Entgelt für die Betreuungs- und Erziehungsarbeit. Und: “Müttergehalt ist die wirksamste ,flankierende Maßnahme' zur sogenannten Fristenlösung". Etwas mehr als 8.000 Unterstützungserklärungen für das Begehren werden benötigt. Infos sind zu beziehen bei:

Die Christen, Rathauspl. 108, 3040 Neulengbach, Tel.: 02772 53500,
Email: office@diechristen.at
www.diechristen.at

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