VISION 20006/2007
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Wer glaubt, hat es leichter

Artikel drucken Neue Studien zeigen: Religiosität hilft bei psychischer Erkrankung (Von Univ. Doz. Raphael Bonelli)

In Graz fand vom 11. bis 13. Oktober ein Kongreß zum Thema “Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie" statt. Im folgenden ein Auszug aus einem der unzähligen Vorträge.

Die Religiosität scheint in der Psychiatrie das letzte Tabu zu sein. Psychiater sind einer ganz neuen Studie zufolge unter allen Ärzten am wenigsten religiös. Schon früher wurde erhoben, daß Psychiater auch weitaus weniger religiös sind als ihre Patienten. Das verursacht nachgewiesenermaßen beim Therapeuten eine große Unsicherheit: Er ist peinlich berührt, wenn das Thema angesprochen wird. Bei den Klienten löst dies dann, wie wir ebenfalls aus einer Untersuchung wissen, eine stärkere Zurückhaltung aus. Verständlich: Spürt ein Patient, daß dem Psychiater ein Thema peinlich ist, erzählt er ihm eben lieber nichts darüber.

Woher kommt diese Konstellation? Ich denke, sie ist auf Sigmund Freud zurückzuführen. Für ihn war Religion eine kollektive Zwangsneurose, Ausdruck eines regressiven Wunsches nach dem Schutz eines übermächtigen Vaters. Freud sagte noch am Ende seines Lebens: “Ich finde bei mir auch heute noch eine durchaus ablehnende Einstellung zur Religion in jeder Form und Verdünnung." Viele sehen es heute noch in der Psychiatrie und Psychotherapie als Ehrenkodex an, dieses Thema eher an den Rand zu stellen oder überhaupt nicht zu thematisieren.

(...) Allerdings ändert sich derzeit auf diesem Gebiet etwas. Man kann das Thema Religion mittlerweile auch in der Psychiatrie thematisieren. Ein Beispiel dafür: Eine Reihe von Studien, denen zu entnehmen ist, daß bei religiösen ALS-Patienten - ALS ist eine schreckliche Erkrankung, die von fortschreitender Lähmung gekennzeichnet ist, bei der die Patienten zuletzt ersticken - die Lebensqualität signifikant höher ist. Und diese Studien sind in den besten Journalen der Welt veröffentlicht. Das Ergebnis war für mich einleuchtend - und ich begriff, daß man Religiosität quantifizieren kann. (...)

David B. Larson hat schon Ende der siebziger Jahre bezüglich des Einflusses der Religiosität die Vorurteile infrage gestellt. Vorher hatten die Autoritäten der Psychiatrie und Psychotherapie, überwiegend behauptet, Religiosität sei schädlich. Sie mußten es nicht beweisen, schließlich waren sie ja die Autoritäten...

Larson stellte nun in einer Überblicksarbeit zunächst fest, daß von 2.300 Studien nur 60 den Einfluß von Religiosität auf die psychische Situation untersucht hatten. Offenkundig war das ein “forgotten factor". Man untersucht nämlich bei psychiatrischen Patienten so gut wie alles, nur eben nicht die Religiosität. Insofern Studien sie allerdings einbezogen hatten, erkannte Larson, daß diese zu 72% einen positiven, und nur zu 16% einen negativen Einfluß von Religiosität bei psychischen Erkrankungen festgestellt hatten. Religiosität wurde in den Arbeiten unterschiedlich gemessen: durch Gottesdienstbesuch, Bekenntnis zu Werten, soziale Einbettung (etwa in der Pfarre), Gebet, persönliche Gottesbeziehung...

Nun zu einigen Top-Studien aus jüngster Zeit: (...) Mit dem Thema Demenz haben sich in jüngster Zeit drei Studien beschäftigt. In einer aus 2007 wurde bei 70 Alzheimer-Patienten untersucht, ob Spiritualität und Religiosität das Fortschreiten der Erkrankung beeinflussen. Das Ergebnis: Spiritualität weist einen signifikanten Zusammenhang mit einem langsameren Fortschreiten von Alzheimer auf. Noch deutlicher ist der Zusammenhang bei Religiosität.

Eine ebenfalls 2007 veröffentlichte Studie untersucht den Einfluß von Selbstdisziplin. Befragt wurden rund 1.000 katholische Geistliche und Ordensangehörige. Das Ergebnis: Bei hoher Selbstdisziplin wird das Alzheimer-Risiko enorm verringert.

Schließlich noch eine Studie aus 2007: Es gibt das Phänomen, daß Personen nach einem Schlaganfall aus verschiedensten Gründen an Depressionen leiden. 130 Schlaganfall-Patienten wurden auf dieses Phänomen hin untersucht. Es stellte sich heraus: Angst und Depression sind umso stärker, je weniger religiös der Patient ist. Das heißt: Religiöse Menschen sind nach Schlaganfällen weniger depressionsanfällig.

Ziemlich eindeutig sind die Ergebnisse, wenn es um Suchterkrankungen geht. Hier gibt es fünf Top-Studien. Sie kommen einheitlich zu dem Ergebnis: Religiosität und Sucht sind negativ assoziiert: Je höher die Religiosität, desto geringer die Anfälligkeit für Drogen, Alkoholismus, Medikamentenmißbrauch...

Aufschlußreich ist weiters eine im November 2006 publizierte Studie zum Thema Schizophrenie: 115 Patienten wurden untersucht, ob Religiosität ihnen im Umgang mit der Krankheit hilft. Das Ergebnis ist auch hier eindeutig: 71% geben an, daß ihnen Religion Hoffnung und Sinn gibt. Für 14% allerdings ist Religion Auslöser für Verzweiflung. Weiters sagen 50% der Befragten, daß Religion ihre psychotischen Symptome verringere (10% behaupten das Gegenteil). Die Suizidalität wird in 33% der Fälle verringert, in 10% erhöht. Kein Einfluß zeigt sich bei der Bereitschaft zur Mitwirkung an der Behandlung, denn manche religiöse Patienten kann man einfach nicht dazu bringen, ein Medikament zu nehmen, weil sie sagen, Gott helfe ihnen auch so.

Was schließlich die affektiven Störungen betrifft, gibt es sechs Untersuchungen zum Thema Depression, alle mit relativ klarer Aussage: Religiosität verringert die Häufigkeit des Auftretens von Depressionen und deren Dauer. Eine der Arbeiten untersucht die Suizidanfälligkeit. Sie stellt fest: Bei religiösen Menschen sind bei gleicher Depressivität weniger Suizidversuche zu verzeichnen, auch treten seltener Suizidgedanken auf, und es werden signifikant mehr Gründe dafür aufgezählt, um am Leben zu bleiben.

Zusammengefaßt: Es gibt eine Reihe von Hinweisen, daß Religiosität hilfreich sein kann. Leider wird nirgends unterschieden, welche Art von Religiosität hilfreich ist. Schließlich wissen wir, daß es auch pathologische Religiosität gibt.

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