VISION 20007/2007
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Ein Hellseher bekehrt sich

Artikel drucken Er hatte die Ermordung Martin Luther Kings vorausgesagt (Von Diane Gautret)

Er lebt in Frankreich, vor den Toren von Paris. Schon in der Schule nannten sie ihn den Hexer, wußte er doch, was die Freunde zum Nachtmahl gegessen hatten oder welche Gefühle sie bewegten. Wirklich bekannt wurde er, als er den bevorstehenden Tod von Martin Luther King vorhersagte. So wurde er einer der bekanntesten Hellseher Frankreichs, Michel Berrette.

Sehr bald bin ich in diese Maschinerie hineingeraten. Ich habe angefangen, meine Gabe beruflich zu nützen, um Geld zu verdienen. ,Michel, der Wahrsager'... Es funktionierte."

Der fröhliche Lump nützt seine Talente, um Nachtklub-Programme aufzuputzen. Er wird zu einer gesuchten Attraktion. “Wenn ich mich konzentrierte, gelang es mir, mich im Geist an andere Orte zu begeben. Wer das bezweifelte, den provozierte ich damit, daß ich ihm Anekdoten aus seinem Leben oder Details aus seiner Tätigkeit erzählte."

Der Erfolg hatte aber seine Schattenseite. Die Leute fürchten ihn. Für viele wird der Hellseher unerwünscht. Merkwürdige und unerklärliche Phänomene geschehen in seiner Wohnung; die Nachbarn fürchten sich; sie vertreiben ihn. Im Taumel seiner Berühmtheit in der Öffentlichkeit läßt ihn das kalt: “Ich war sehr eitel geworden - obwohl mich die “Blitzlichter", deren ich überall und jederzeit gewahr wurde, mich nervlich und psychisch total ermatteten."

1968 eröffnet er ein Hellseher-Studio. “Auf Anraten eines Priesters", vertraut er mir etwas geniert und händeringend an. “Er dachte in seiner Naivität, ich könnte Gutes damit tun..."

“Jetzt mit einigem Abstand", so setzt er fort, “bin ich vom Gegenteil überzeugt. Ohne es zu wissen, war ich, wie fast alle Hellseher, ein Instrument des Bösen, ein Prophet Satans geworden. Ich habe Dinge kundgetan, die ich nicht hätte wissen sollen. Ich habe den Verwirrer erfahren. Unerlaubt nützt er Leitungen so, wie ein Piratenradio sich die Frequenzen eines offiziellen Senders aneignet. Die Hellseherei führte mich in die Isolation. Ich fühlte mich vor der Welt sicher, als Herr über die Ereignisse. Und in Wahrheit entglitt mir alles. Meine Ehe ging in Brüche. Es gelang mir nicht, in einem ordentlichen Beruf Fuß zu fassen. Innerlich glitt ich in eine heimtückische Verzweiflung."

Schweigen. Und dann plötzlich: “Ich war so verzweifelt, daß ich mehrmals versucht habe, mich umzubringen."

... 1978 ist Michel verzweifelt. Sein Leben ist ihm entglitten. Er ist ein verpatzter Künstler... Er geht nach Paris, um eine Verwaltungsangelegenheit zu regeln und lernt dort Marie-Magdeleine durch Vermittlung einer Freundin kennen. Diese junge Frau ist von einem inneren Feuer bewegt, das ihn fasziniert. Mit ihr nimmt er an einem Treffen der Charismatischen Erneuerung teil. Mitten in seiner Finsternis nimmt er einen Hoffnungsschimmer wahr. Erstmals hört er einen Priester von den Gefahren der Hellseherei sprechen.

Nach einem langen Weg und einer Begleitung, die auf seine Befreiung zielt, beschließt Michel seine “seherische Gabe" dem Herrn zu übergeben. Eines Morgens geht er in die Kirche von Royat in der Nähe von Clermont-Ferrand, wo er seine schwache Gesundheit kuriert, kniet nieder und bietet Gott seine lästige Macht an...

“Die Antwort Gottes erfolgte unmittelbar: Ich war alles los! Meine “Blitzlichter" haben schlagartig aufgehört. Ich erlebte eine Riesenerleichterung."

Sein Weg ist deswegen noch keineswegs geebnet. Seine Umgebung begreift diese radikale Änderung nicht, seinen Bruch mit der Hellseherei und seine Hochstimmung als Bekehrter. Er wird zweifach suspekt: Die einen finden seinen Glauben übertrieben, die anderen bewahren ihr Mißtrauen.

... Heute sind Michel und Marie-Magdeleine Mitglieder einer Gebetsgruppe der Erneuerung. Der ehemalige Hellseher bezeugt laut und deutlich, daß es gefährlich ist, sein Schicksal einem anderen anzuvertrauen, daß der Mensch frei ist, und daß die Zukunft in Gottes Händen liegt. ... “Der Hellseher gleicht einem unerfahrenen Bergführer: Er nimmt seine Kundschaft mit auf eine Tour zu Gipfeln, die man nicht besteigen darf. Er ist sich des Risikos dieses Marsches nicht bewußt. Der Priester hingegen, ist der gute Hirte: Er führt seine Herde auf die beste Weide."

Famille Chrétienne v. 28.1.99

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