VISION 20006/2008
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Stärke, was noch übrig ist

Artikel drucken Über die besonders wichtige Aufgabe christlicher Medien heute (Von Urs Keusch)

Österreich war von Jugend an für mich jenes schöne, anmutige Land, das ich am liebsten bereiste: in der Jugend per Autostop, weil mir damals das Geld fehlte. Später kamen Studienaufenthalte an verschiedenen Orten hinzu.

Ein großer Anziehungspunkt war für mich das Stift St. Florian, wo Anton Bruckner - der Heilige unter den Musikern - begraben liegt, der für mich “ein Mittler war vom Unglauben zur Religion" (Max Auer). Auf meinen späteren Reisen quer durch das östliche Land besuchte ich, wo immer es mir möglich war, auch Kirchen. In manchen lag auch VISION 2000 auf, von der ich dann jeweils ein Exemplar mitnahm.

Ich war von Anfang an von VISION 2000 angetan. Was mir auf den ersten Blick besonders gefiel und auffiel: Daß sich VISION 2000 nicht in den Sog endloser und unfruchtbarer Kritik an den Mißständen in Kirche und Welt hineinziehen ließ - dieser Krankheit waren (und sind leider noch heute) manche religiöse Zeitungen verfallen -, sondern daß in ihr immer das Licht der österlichen Hoffnung obsiegte. Für mich war VISION 2000 eine Zeitschrift, die ich nicht nur gerne las, sondern auch mit gutem Gewissen weitergab, vor allem auch an junge Leute und Familien. Besonders die Portraits von Alexa Gaspari haben mich immer begeistert.

Mit VISION 2000 wurde und wird gezeigt, daß man auch in unserer, gewiß nicht einfachen Zeit ein froher und aufgebrochener Christ sein kann, ein katholischer Christ, der von Herzen gerne zu jener Kirche gehört, die Christus auf Petrus und seine Apostel gegründet hat. Und die Gefühle, die ich für VISION 2000 empfand und empfinde, bestätigten mir auch viele andere Menschen und haben es mir in den vergangenen Jahren immer wieder bestätigt. VISION 2000 ist ein Zeichen der Hoffnung in unserer Kirche.

Jesus Christus schenke weiterhin die Fülle seines Segens für die Zukunft dieser Zeitschrift!

Es hat mich auch immer wieder gefreut, daß in den letzten Jahren verschiedene katholische Zeitschriften in der Schweiz Artikel aus VISION 2000 übernommen und abgedruckt und so vielen andern Lesern zugänglich gemacht haben. Mich beschäftigt ohnehin seit Jahren der Gedanke, ob katholische Zeitschriften im deutschen Sprachraum nicht vermehrt zusammenarbeiten sollten, ob sich vielleicht nicht da und dort Zeitschriften zusammenschließen sollten, um mit größerer Wirkung nach außen und auch attraktiver auftreten zu können.

Die Zukunft der Kirche in Europa und vor allem im deutschen Sprachraum wird immer schwieriger werden, immer angefochtener, es wird immer weniger Geld für das Schriftenapostolat (und die hohen Portospesen) zur Verfügung stehen. Man muß für jeden Leser, jede Leserin Sorge tragen, man darf katholische Zeitschriften nicht einfach sterben lassen und so die Leser fallen lassen. Jeder Mensch und Christ ist wichtig!

Es wird in nächster Zukunft ganz wichtig sein, jenes Wort unseres Herrn in die Mitte zu stellen, das Er an seine Gemeinde in Sardes richtet: “Werde wach und stärke, was noch übrig ist, was schon im Sterben lag." (Off 3,2) Man kann den katholischen Redakteuren und Publizisten nicht eindringlich genug nahelegen: Seid euch eurer Aufgabe, eurer Pflicht bewußt, für die Christen, die heute noch glauben und glauben wollen, wie wachsame Mütter und Väter da zu sein! Stärkt sie, ermutigt sie, überlaßt sie nicht den Wölfen!

Jeder Mensch ist so wichtig wie die ganze Welt. Jeder Christ, der heute noch glaubt, vor allem die alten Menschen, die Männer und die Frauen, die man so leicht vergißt, die aber im Stillen ihr Werk im Gebet und im Leiden tun: sie alle haben ein Recht darauf, von denen, die noch stark sind im Glauben und schreiben und kämpfen können, daß sie von ihnen nicht vergessen, daß sie im Glauben gestärkt werden, damit sie nicht in ihren alten Tagen den Glauben an ihren Vater im Himmel noch verlieren, weil sie sich von allen so schrecklich verlassen fühlen.

Vergeßt nicht die alten Menschen, denen wir unser Leben und unseren Glauben verdanken! Überlaßt sie nicht der Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit. Schenkt ihnen immer wieder Christus im hoffnungsvollen, starken, österlichen Wort!

“Werde wach und stärke, was noch übrig ist, was schon im Sterben lag." (Off 3,2) Jeder sieht es heute und fühlt es in der Tiefe seines Herzens, ohne daß er ein Pessimist sein muß, daß wir außerordentlich schweren Zeiten entgegengehen. Nicht nur, was die wirtschaftliche, gesellschaftliche, die ökologische Seite und die öffentliche Sicherheit betrifft, sondern es geht heute um das Ewige im Menschen, das einen gewaltigen Absturz in die Verzweiflung, ins Nichts erfährt. Immer mehr Menschen - junge und alte - brechen ein: psychisch, auch physisch, geistlich, religiös, menschlich, werden erfaßt von dunklen selbstzerstörerischen Kräften.

Sie haben Gott verloren, sind von dämonischer Auflehnung erfaßt. Immer mehr Menschen, junge und alte, wählen den schrecklichen Ausgang der Selbsttötung. Und wir stehen vor einer noch nie da gewesenen Kriminalisierung des öffentlichen Lebens: vor Gewalt, Verelendung und Verzweiflung der Massen. Europa als “Hort der Angst" (Bischof Bosanic)!

Immer mehr alte, kranke, einsame und behinderte Menschen halten dem Druck der öffentlichen Meinung fast nicht mehr stand. Es wird ihnen ja dauernd eingeredet, daß sie für die Gesellschaft eine Belastung sind, daß sie im Weg sind, daß sie für die öffentliche Hand, die Rentenversicherung und die nachkommende Generation untragbar werden, oft auch für die eigene ausgebrannte Familie und für das völlig überforderte Pflegepersonal etc. “Für alte Menschen beginnt es, eng zu werden! Seit Jahren lesen sie, daß sie zu teuer sind... Altersselbstmorde nehmen seit Jahren immer mehr zu." (Christine Swientek).

Und doch sind es gerade die alten Menschen, die leidenden und behinderten, die mit ihrem Gebet, ihrem aufgeopferten Leben und mit ihren, im Blick aufs Kreuz still und tapfer ausgehaltenen inneren und äußeren Schmerzen die Welt tragen wie Christus das Kreuz! Sie sind doch das Fundament für die Jugend und darum für die Zukunft der Welt. Vergessen wir das nie!

* Wir dürfen vor dieser Wirklichkeit die Augen nicht verschließen, vor allem nicht wir Christen. Auch zu den jungen Menschen müssen wir offen darüber sprechen, sie ermutigen, soziale, karitative, pflegerische Berufe zu erlernen, sich der Not unserer Gesellschaft zu öffnen. Vielleicht schenkt es uns die Barmherzigkeit Gottes, daß in Zukunft wieder viel mehr junge Menschen als bisher auf Karriere und Familie verzichten, um in froher, Gott geweihter Ehelosigkeit - als Helden der Liebe! - für diese Armen da zu sein: wie eine Mutter Maria Bernarda, wie eine Mutter Teresa und viele andere.

* Auch wir müssen das karitative Christsein wieder neu einüben, uns mit gleichgesinnten Menschen zusammentun und miteinander überlegen, wie wir die Not der Menschen heute konkret angehen können. Taten sind gefragt, vor allem konkrete Taten. Viele haben das verlernt oder haben sich auf die Insel frommer Seligkeit zurückgezogen. Und so stirbt das Christentum.

* Wir müssen auch die frohe Christusbotschaft mutiger, entschiedener als bisher weitererzählen und weitertragen - und die Menschenfurcht überwinden. Zum Beispiel: Daß wir christliche Literatur (VISION 2000) überall weitergeben und auflegen: in Kirchen, Wartesälen, wo immer es möglich ist. Diese Möglichkeit wird heute noch viel zu wenig ausgeschöpft. Wie schlecht sind oft die Schriftenstände in den Kirchen bedient! Dabei besuchen an vielen Orten Menschen die Kirchen , um in ihrer persönlichen Not ein Kerzlein anzuzünden: wie leicht wäre es, solche Menschen mit guten Schriften zu bedienen, wenn solche aufliegen würden! “Wirkt, solange es noch Tag ist!"

* Wir müssen selber heiliger werden! Regelmäßig in der Heiligen Schrift lesen, die Sakramente empfangen (vor allem Christus in der heiligen Eucharistie), Christus im Tabernakel besuchen etc. Kurz: freiwillig auf viel mehr Bequemlichkeit (TV, Unterhaltung etc.) verzichten und uns vermehrt im Gebet Gott zuwenden. Heilig werden! Bereit sein für das Kommen des Herrn!

Den älteren Menschen - aber nicht nur ihnen - möchte ich aus schmerzlicher seelsorgerischer Erfahrung heraus ans Herz legen: Seid wachsam, daß ihr nicht in die Einsamkeitsfalle hineingeratet, in Isolierung und oft tödliche Vereinsamung - und daß ihr so den Glauben an Gott und die Hoffnung verliert!

Macht euch rechtzeitig Gedanken über euer Alter. Weicht der Frage nicht aus, ob es euch z.B. nicht möglich ist, euch mit Gleichgesinnten in kleinen Wohngruppen zusammenzuschließen, daß ihr nicht mehr einsam seid und auch zusammen beten könnt. Besprecht euch mit Leuten, die solche Schritte bereits getan haben. Seid bereit zu notwendigen Einschränkungen, ohne die es keine Gemeinschaft gibt.

Ich denke jetzt vor allem an jene Menschen, die oft ganz allein in einer riesigen Wohnung oder einem eigenen großen Hause leben. Man darf auch nicht im Alter die Dinge einfach vor sich herschieben, sich nicht der Resignation überlassen, nicht dem Sog der Bequemlichkeit, dem Fernsehkonsum und den vielen Verführungen sich ergeben, die auch das Alter kennt. Sonst ist auf einmal die Einsamkeit euer Dauergast, Depression und Lebensüberdruß, und Ihr habt keine Kraft mehr, Neues anzugehen. Ihr gebt dann ein Zeichen österlicher Hoffnung, wenn ihr auch im Alter bereit seid, für Neues aufzubrechen. Glaubt an Jesus Christus, der bei Euch ist und mit Euch ist und jede kleinste Selbstüberwindung aus Liebe zu Ihm und zu den andern tausendfach segnet und ewig vergilt.

Jesus, schenke uns Wachsamkeit und Phantasie und den Mut, immer wieder neu aufzubrechen. Laß uns die Trägheit überwinden, damit wir wieder froh werden. Laß VISION 2000 weiterhin ein Zeichen der Hoffnung sein, ein Impuls und eine Quelle von Inspiration und Neuaufbruch. Jesus, ich vertraue auf Dich.

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