VISION 20006/2008
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Botschaftan uns

Artikel drucken Eugenio Pacelli Papst Pius XII. (Von Alexa Gaspari)

Privataudienz bei Pius XII. im Jahr 1947: Ich war gerade 2,5 Jahre alt und durfte mit Mutter und Bruder die Großeltern zum Papst begleiten. Großvater Rudolf Kohlruß war österreichischer Gesandter beim Hl. Stuhl. Meine Erinnerungen sind recht vage, durch die Schilderungen der Mutter etwas verstärkt: Liebevoll sich an uns Kinder wendend - ich im langen weißen Kleiderl mit blonden Locken - meinte Pius XII: “Also das sind die Knaben." Eine überraschende Feststellung wenn man nicht weiß, daß im italienischen figli, die Mehrzahl von figlio (Sohn) und figlia (Tochter)ist. Er dachte wohl im Deutschen sei es ebenso. Da ich von all dem Prunkvollen im Vatikan und dem großen weißen Mann sehr beeindruckt war, traute ich mich kein Wort zu sagen. Er darauf: “Hast Du keine Zunge? Zeig' sie mir." Dem Papst die Zunge zeigen?! Auf keinen Fall!

Soweit meine Erinnerungen an die Privataudienz bei Pius XII. Daher auch meine besondere Beziehung zu diesem großen Papst. Deshalb fand ich es immer schon äußerst beschämend, daß er seit Erscheinen von Rolf Hochhuts Theaterstück “Der Stellvertreter" als Nazifreund oder Hitlers Papst diffamiert wurde und wird - vielfach von Menschen, die kaum eine Ahnung von den Ereignissen und Verhältnissen dieser Zeit haben. Welches Engagement und welche Umsicht Papst Pius XII in den Jahren des 2. Weltkrieges zur Rettung von Tausenden Juden - und vieler anderer Verfolgten - bewiesen hat, zeigt vielleicht am überzeugendsten folgende Begebenheit: Nach dem Krieg trat der damalige Oberrabiner von Rom zum katholischen Glauben über und nahm bewußt den Namen Eugenio, den bürgerlichen Namen Pius XII. an.

Die Fakten haben mittlerweile längst die schwarzen Legenden widerlegt: In seiner Weihnachtsansprache 1942 klagte Pius XII. für jeden, der hören wollte, verständlich mit gebrochener Stimme die Deportation und Vernichtung der Juden an, als er von den “Hunderttausenden von Menschen" sprach, “die ohne jede eigene Schuld, manchmal nur aufgrund ihrer Nationalität oder Abstammung dem Tod oder dem fortschreitenden Verderben bestimmt sind".

Man weiß auch, daß die Nazis androhten, den Vatikan zu schleifen und den Papst - “Sprachrohr der jüdischen Kriegsverbrecher" - nach Deutschland zu verschleppen. Daß sie es ernst meinten, beweist die geplante “Operation Alarich": Rom sollte wie unter dem Gotenkönig Alarich verwüstet werden, sollte es offizielle Stellungnahmen gegen Deutschland geben. Bestimmend für die Vorsicht Pius XII. war auch die wilde Judenvernichtung in Holland im Gefolge einer Kritik der holländischen Bischöfe an der Judenverfolgung.

Pius XII konzentrierte sich daher auf persönliche Interventionen und das Organisieren von unterschiedlichsten Hilfsaktionen. Schon nach der erste Razzia im jüdischen Viertel Roms intervenierte er beim Stadtkommandanten und erreichte noch am selben Tag, daß der General die Aktion beendete. Auf Anweisung des Papstes wurden in 155 römischen Klöstern und katholischen Einrichtungen Juden versteckt. Ein angekauftes Schiff schaffte Nahrungsmittel aus Genua heran.

In ganz Europa ermutigte der Papst Bischöfe, Priester, Ordensleute und kirchliche Einrichtungen, sich für die Juden einzusetzen. Dadurch wurden über 850.000 Juden vor dem Holocaust bewahrt, wie der jüdische Historiker und Theologe Pinchas Lapide 1968 bestätigte. Und noch etwas: Durch Intervention des Papstes und mit der Hilfe von General Rafael Trujillo konnten zwischen 1939 und 1945 mehr als 11.000 Juden in der Dominikanischen Republik ein neues Zuhause finden.

Thomas Brechenmacher, Professor in Potsdam und Kenner der Causa Pacelli stellte erst kürzlich fest, Pius XII. sei ein Papst gewesen, der “das den europäischen Juden zugefügte Leid unmißverständlich verurteilt habe." Kürzlich hat auch eine jüdische Organisation aufgrund von Zeugnissen, Dokumenten und Dankesbriefen überlebender Juden gegen die schwarze Legende von Hitlers Papst die Stimme erhoben.

Wer war aber dieser Papst? Am 2. März 1876 kommt Eugenio Pacelli in Rom zur Welt. Schon im Gymnasium fällt er durch seine Intelligenz, aber auch durch Selbstdisziplin, Gerechtigkeitssinn und große Hilfsbereitschaft auf. Neben Deutsch lernt er noch sechs weitere Fremdsprachen. Seine Studien in Rom beendet er mit drei Doktortiteln. 1899 empfängt er die Priesterweihe und es scheint, als hätte er einen geraden Weg von der Wiege bis zum Priestertum gekannt. Die erste Messe feiert er, der als Kind der Gottesmutter geweiht worden war, in Santa Maria Maggiore.Weiht sein Priesterleben der Gottesmutter.

Pacelli wird in das päpstliche Staatssekretariat berufen, wird Professor an der Diplomaten-Akademie und 1917 zum Titular-Erzbischof ernannt. Er übernimmt die Nuntiatur in München, ist damit erster Nuntius für das Deutsche Reich und fördert die Konkordatspolitik von Papst Pius X. Verträge mit Bayern und Preußen kommen zustande.

1929 wird er Kardinalstaatssekretär und zum Kardinal ernannt. 1933 wird das Konkordat mit Österreich unterzeichnet, an dem mein Großvater wesentlich mitgewirkt hat. Mein Großvater war auch als einziger Außenstehender im vorhinein von Pacelli über den Inhalt der Enzyklika “Mit brennender Sorge",- mit einer Verurteilung der nationalsozialistischen Kirchen- und Rassenpolitik- informiert.

Am 2. März 1939 wird Pacelli nach dem Tod Pius XI zum Papst Pius XII gewählt. Eine schnelle Wahl, erinnert sich meine Mutter aus ihrer Zeit in Rom. Die Taube mit dem Ölzweig im Schnabel über dem Wappen des Papstes versinnbildlicht die Friedensmission die er als seinen Auftrag empfand. Es folgen die Kriegsjahre. Die Lateranverträge verpflichten den Papst zur Neutralität.

1942 weiht der Papst die Welt dem Unbefleckten Herz Mariens: “Rosenkranzkönigin ..., Dir weihen wir uns in Vereinigung mit der heiligen Kirche, dem mystischen Leibe Deines Jesus, der in so vielen Seiner Glieder leidet und blutet und so vielfach gemartert wird..." Angelo bianco (Weißer Engel) nannten ihn die Römer, als er unmittelbar nach der Bombardierung Roms im blutigen Talar zwischen Verwundeten, Toten und Trümmern den Menschen helfen und nahe sein wollte.

In all den Jahren seines Pontifikates waren die Menschen von seiner väterlichen Milde und seinem gütigen und sanften Blick voll innerer Tiefe getroffen. Er wandte sich jedem zu, als gäbe es jetzt nur diesen einen der ihm gerade gegenüberstand. Daß er zutiefst ein Mystiker war geht aus vielen seiner Schriften hervor und ist auch auf vielen Fotos, wo er im Gebet versunken ist, erkennbar. Aber er war auch eine intellektuelle Autorität: Zu den meisten wesentlichen Fragen des Glaubens gab er ebenso wichtige Erklärungen ab wie zu kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Themen. 1950 verkündet Pius XII das Dogma von der leiblichen Aufnahme der Gottesmutter Maria in den Himmel.

Pius XII hat viel für Kirche und Menschheit gelitten. Seine Worte bleiben zeitlos gültig, sein Bemühen, Glaube und Vernunft zusammenzuführen ist ebenso aktuell wie seine Warnung vor dem “wachsenden Unverständnis für die Unbedingtheit, die Absolutheit der Wahrheit." Seine Vision von der Einheit der Katholiken als friedensbildende Kraft fordert auch uns noch besonders heraus.

Nach mehreren Gehirnschlägen und einem Nierenversagen stirbt der große Papst am 9. Oktober 1958 in Castel Gandolfo. Sein letztes, in der Öffentlichkeit gesprochenes Wort war “pace - Friede". An einem Fatima Tag, dem 13. Oktober 1858, wird er im Petersdom zur letzten Ruhe gebettet. Die israelische Außenministerin Golda Meir schrieb nach seinem Tod: “Als das schrecklichste Martyrium während der zehn Jahre des Naziterrors unser Volk getroffen hat, hat der Papst seine Stimme zugunsten der Opfer erhoben (...) Wir beweinen den Verlust eines großen Dieners für den Frieden."

Padre Pio sah den Papst während einer Messe im Paradies. Vertrauen wir den Worten Pius XII, wenn er sagt: “Die Zukunft gehört den Glaubenden, nicht den Ungläubigen und Zweiflern." Seine Seligsprechung ist in vollem Gang.

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