VISION 20006/2008
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Europa: dreimal Nein zur Zukunft

Artikel drucken Ein Appell zur Umkehr (Von Kardinal Christoph Schönborn)

Zusammenkunft europäischer Bischöfe im Heiligen Land. Der Wiener Erzbischof hält bei der Messe im Abendmahlsaal eine bemerkenswerte Predigt: Er appelliert an seine Mitbrüder im Bischofsamt, viel mutiger für den Lebensschutz einzutreten. Im folgenden ein Auszug aus der Predigt:

Ich möchte euch etwas sagen, das ich im Herzen trage. Ich denke, es ist ein Wort des Heiligen Geistes, das ich aussprechen muß. Worin besteht die Schuld Europas? Seine Hauptschuld ist das Nein zum Leben. Vor einigen Tagen antwortete ich im österreichischen Fernsehen einem Journalisten: “Europa hat in den letzten 40 Jahren dreimal Nein zu seiner eigenen Zukunft gesagt." Das erste Mal im Jahr 1968 - wir feiern jetzt 40 Jahre - durch das Ablehnen von Humanae vitae. Das zweite Mal im Jahr 1975, als die Abtreibungsgesetze Europa überschwemmt haben. Und nun das dritte Mal: Gerade gestern habe ich die Nachricht bekommen, daß auch in Österreich die Regierung der “homosexuellen Ehe" zuzustimmen plant. Das ist das dritte Nein zur Zukunft und zum Leben. Und dies ist nicht zuerst eine moralische Sache, sondern eine Frage der Gegebenheiten, der Fakten: Europa ist im Begriff zu sterben, da es Nein zum Leben gesagt hat.

Gerade dies ist der Ort, wo Jesus uns sein Wort gegeben hat, daß wir die Vergebung unserer Sünden empfangen. Darauf möchte ich hinweisen, weil ich denke, daß das Nein zum Leben auch eine Sünde von uns Bischöfen ist, selbst wenn niemand von uns im Jahr 1968 Bischof war.

Heute haben in Deutschland hundert Eltern 64 Kinder und 44 Enkelkinder: Das bedeutet, daß sich die deutsche Bevölkerung - ohne Einwanderung - innerhalb einer Generation halbiert. Wir haben “Nein" zu Humanae vitae gesagt. Auch wenn wir selbst damals nicht Bischöfe waren, so waren es doch unsere Mitbrüder.

Wir hatten nicht den Mut, ein klares “Ja" zu Humanae vitae zu sagen. Es gibt Ausnahmen: Der damalige Kardinal von Berlin, Kardinal Bengsch, hatte einen prophetischen Text für die deutsche Bischofskonferenz vorbereitet. Aber dieser Text ist verschwunden und erschienen ist die “Königsteiner Erklärung", welche die katholische Kirche in Deutschland geschwächt hat, das Ja zum Leben zu sagen.

Es gab noch eine andere Ausnahme, nämlich in Krakau: Eine Gruppe von Theologen hat unter der Leitung des Erzbischofs und Kardinals von Krakau, des vielgeliebten Papstes Johannes Paul II., ein “Memorandun" geschrieben und an Papst Paul Vl. geschickt. Ich denke, daß dieses Zeugnis eines Bischofs der Märtyrerkirche, der schweigenden Kirche, mehr Gewicht hatte, als all die Gutachten, die Papst Paul Vl. zu diesem Thema erstellen ließ. Es hat ihm geholfen, diese mutige Entscheidung zu treffen, derentwegen er dann in einer schlimmen Einsamkeit geblieben ist.

Auch wenn ich keinen historischen Beweis habe, bin ich mir innerlich sicher, daß dieser Text aus Krakau Paul Vl. den Mut gegeben hat, Humanae vitae zu schreiben.

Dann gab es einen “Verrückten" in Spanien. Er lebte in den Baracken zusammen mit einer “Verrückten" (ich meine zwei “Verrückte in Christus": Kiko Arguello und Carmen Hemandez). Die beiden hatten den Mut, gegen den Strom “Ja" zum Leben, “Ja" zu Humanae vitae, zu sagen. Und wie stark war dieser Strom! Ich erinnere mich an die Veröffentlichung des Spiegel in Deutschland: Auf der Titelseite wurde Papst Paul Vl. mit der Pille in der Hand und mit seinem “Nein" lächerlich gemacht!

Aber von diesen “Verrückten in Christus" her entstand eine Wirklichkeit, die genauso wenig zu negieren ist wie die Wirklichkeit des demographischen Zusammenbruchs Europas: Es sind die Familien des neokatechumenalen Weges, die uns in diesem Europa das Zeugnis geben, daß Paul Vl. recht hatte, daß das Leben das große Geschenk Gottes und daß das “Ja" zum Leben eine Bedingung für ein wirkliches Leben, eine Bedingung für ein lebendiges Europa ist.

Aber wir Bischöfe hatten keinen Mut. Aus Angst verschlossen wir uns hinter den Türen, nicht aus Angst vor den Juden ( 1Joh 20,19), sondern wegen der Presse Und auch wegen des Unverständnisses unserer Gläubigen.

Weil wir keinen Mut hatten, veröffentlichten wir in Österreich die “Mariatroster Erklärung", so wie in Deutschland die “Königsteiner Erklärung". Dies hat im Volk Gottes den Sinn für das Leben geschwächt und die Kirche entmutigt, sich für das Leben zu öffnen. Als dann die Welle der Abtreibung kam, war die Kirche geschwächt, da sie den Mut des Widerstands nicht gelernt hatte, einen Mut, wie wir ihn in Krakau gesehen haben und wie ihn Papst Johannes Paul II. während seines ganzen Pontifikats gezeigt hatte, den Mut, ja zu sagen zu Gott, zu Jesus, auch um den Preis der Verachtung. Aus Angst waren wir hinter den verschlossenen Türen.

Ich denke, auch wenn wir damals nicht Bischöfe waren, so müssen wir diese Sünde des europäischen Episkopats bereuen, eines Episkopats, der nicht den Mut hatte, Paul Vl. kraftvoll zu unterstützen. Denn heute tragen wir alle in unseren Kirchen und in unseren Diözesen die Last der Konsequenzen dieser Sünde.

“Brüder, ich weiß, ihr habt aus Unwissenheit gehandelt", sagt Petrus zu den Juden, seinen Brüdern (Apg 3,17). “Ihr habt aus Unwissenheit gehandelt." Wenn wir die Konsequenzen dieses “Nein" zum Leben gekannt hätten, hätten wir niemals “Nein" zu Humanae vitae gesagt, hätten wir den Mut gehabt, unsere Brüder zu bestärken: “Habt Vertrauen, glaubt an das Leben!" Aber wir hatten keinen Mut. “Ich weiß, ihr habt aus Unwissenheit gehandelt, ebenso wie eure Führer.

Gott aber hat auf diese Weise erfüllt, was er durch den Mund aller Propheten im Voraus verkündigt hat: daß Sein Messias leiden werde" (Apg 3,17 f.): dieses Leiden, für das wir mitverantwortlich sind, ist das Leiden des “Nein" zum Leben. Wir kennen alle aus dem Sakrament der Buße den großen Schmerz, wenn die Sünde der Abtreibung gebeichtet wird, und die Traurigkeit, die aus dem “Nein" zum Leben hervorgeht. Wir sind mitverantwortlich für diese Traurigkeit Europas.

“Bereut also und ändert euer Leben'", sagt Petrus zu den Juden. Und er fügt hinzu: ,Kehrt um und ändert das Leben, damit eure Sünden vergeben werden und so der Herr Zeiten des Aufatmens kommen läßt" (Apg 3,19).

(...) Uns hat in den letzten 40 Jahren der Mut zum “Ja zum Leben" gefehlt. Möge uns der Herr den Mangel an Mut verzeihen und uns mit Kraft erfüllen, wie Er sie den Aposteln gegeben hat, als er sie von diesem Ort ausgesandt hat.

Auszug aus der Predigt im Rahmen des “Gemeinschaftstages der Bischöfe Europas" (24. bis 29. März 2008) zitiert in Kirche heute 10/08.

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