VISION 20006/2012
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Jeder kann sich entfalten, wenn er wirklich geliebt wird

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Verlobungszeit – Zeit, einander kennenzulernen, seine Bereitschaft zu prüfen, ob man sich ein Leben lang an den anderen binden will. Im folgenden ein Interview mit einem Priester, der Einkehrtage für Verlobte anbietet. Seine Überlegungen bieten durchaus Anregugen auch für Ehepaare.

Was ist der Schlüssel zu einem fruchtbaren Dialog?
P. Geoffroy-Marie: Als Erstes ist die Bereitschaft zu nennen, mit dem Herzen verstehen zu wollen. Jeder muss bereit sein, seine Idealvorstelllungen, falsche Gewissheiten, die gewohnte Art, etwas zu tun, in Frage zu stellen – auf die Gefahr hin, sich zunächst verunsichert und arm zu fühlen. Andernfalls bleibt jeder in seinem Schneckenhaus, was die Öffnung für den Anderen verhindert. Sich mehr Klarheit über sich selber zu verschaffen und sich vom Anderen angenommen zu fühlen, bringt neues Vertrauen und Zuneigung in die Beziehung. Als Zweites geht es darum, den Schwächen Rechnung zu tragen. Je besser sich Verlobte kennen, um so mehr nehmen sie ihre Grenzen wahr. Das kann ganz schön Angst machen! Allerdings hängt der Erfolg der ehelichen Liebe nicht von der Summe der guten Eigenschaften, sondern von der Fähigkeit ab, eins zu werden. Durch die Liebe wird es möglich, Schwächen in Gelegenheiten, einander mehr zu lieben, umzuwandeln. Ist es nicht genau das, was die barmherzige Liebe Christi uns bezeugt? Die unbegrenzte Barmherzigkeit eröffnet der Liebe Zukunft.

Geht es darum, alles im Detail zu besprechen, da sich doch jeder weiterentwickelt?
P. Geoffroy-Marie: Sich wesentliche Fragen zu stellen, ist wichtig, weil sie konkrete Auswirkungen auf das Alltagsleben haben. Sag mir, was deinem Leben Sinn gibt, und ich sage dir, was du am Wochenende machst: Theater, Messe, Caritas, Fußballmatch, Fischengehen… 90% des gemeinsamen Lebens ist mehr oder weniger deutlich ausgesprochener Ausdruck dessen, was dem Leben Sinn gibt. Das Paar passt sich dauernd an: Man ist mit 30 nicht derselbe wie mit 60. Wie bei einer Klettertour passt sich jeder an Merkmale der Felswand und die Leistungsfähigkeit des Partners an. Es kann sogar zu radikalen Veränderungen kommen: Bekehrung oder Glaubensverlust, körperliche Beeinträchtigung, psychische Zerreißprobe… Selbst wenn man sich entwickelt und die eine oder andere Eigenschaft etwas verbessern kann, so bleibt doch manche Grundgegebenheit ein Leben lang gleich: der Charakter, die Intelligenz, die Erziehung, die Geschichte…  

Belastet man sich da nicht mit zu vielen Fragen?
P. Geoffroy-Marie: Wenn sich Verlobte zu viele Fragen stellen, kommen sie nicht weiter. Dann erstarrt die Liebe. Verliebtheit reicht allerdings genauso wenig! Jedes Paar muss das rechte Maß zwischen Liebe und Erkenntnis finden. „Gerechtigkeit und Friede küssen sich“, heißt es im Psalm. Für mich liegt darin das Geheimnis der ehelichen Liebe. Aus Liebe sind die Partner bemüht, einander immer besser kennenzulernen und zu verstehen. Und dieses tiefere Verständnis drängt sie dazu, einander mehr zu lieben.

Um diese empfindliche Balance zu verwirklichen, muss man sich da nicht selbst gut kennen? Ist das mit 20 überhaupt möglich?
P. Geoffroy-Marie: Mit 20 ebenso wie mit 30 befindet man sich noch in den Anfangsstadien der Reife. Wartet man aber, dass man das Alter der Weisheit erreicht, besteht die Gefahr, dass man nie heiratet! Gott hat das nicht so vorgesehen. Denn die Eheschließung ist nicht der Abschluss der Liebe, sondern der Startschuss, um die Liebe im Alltag zu erlernen. Wie zerbrechlich und stark ist die Liebe doch am Tag der Hochzeit! Zerbrechlich wegen unserer menschlichen Befindlichkeit, stark als Keim der Liebe, die imstande ist, ein Leben lang zu wachsen und viel Frucht zu bringen. Die Kirche sieht das ganz klar: Zwar weiß sie um die menschliche Schwäche, sie vertraut aber auch der Natur des Menschen und der Gnade Gottes. Jeder Mensch kann sich entfalten und sein Bestes geben, wenn er wirklich geliebt wird. Darauf setzt die Kirche, auch wenn vieles scheinbar dagegen spricht.

Lernt man sich durch voreheliches Zusammenleben im Alltag nicht besser kennen?
P. Geoffroy-Marie: Die Kirche besteht darauf, dass Mann und Frau, bevor sie zusammenleben, das Sakrament der Ehe empfangen müssen. Dadurch fühlen sich viele christliche Verlobte hin- und hergerissen. (…) Das Zusammenleben vermittelt fraglos eine gewisse Kenntnis des Anderen. Die Qualität des Dialogs ist jedoch freier und tiefer, wenn die Verlobten nicht all die Last des gemeinsamen Lebens (Rechnungen, Wäsche, Budget, Wohnung…) zu tragen haben. Und was die sexuelle Harmonie betrifft: Sie ist eher Frucht der Übereinstimmung der Herzen als der körperlichen Technik. Sie entwickelt sich zunehmend mit einem harmonischen Eheleben und einem Dialog in Wahrheit.
(…)
Das Warten ist sicher eine schwere Prüfung für das Gefühlsleben, für die sexuelle Sehnsucht. Es stellt einen Liebesbeweis des Paares dar, das Gott in seine Liebe einbeziehen will. Und das stärkt die Tugend der Keuschheit. Sie ist unentbehrlich für das gesamte Eheleben.
Auszug aus einem Interview in Famille Chrétienne v. 11.-17.1008. P. Geoffroy-Marie Mitglied der Gemeinschaft Saint-Jean und Co-Autor von Le Couple durable (Ed. Du Jubilé/Sarment).

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