VISION 20005/2014
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Zivil wiederverheiratet: Was dann?

Artikel drucken Versuch einer verständlichen und liebevollen Hilfestellung (P. Max Huot de Longchamp)

Eigentlich wissen die meisten Gläubigen, dass die Wiederverheiratung nach einer Scheidung aus der Sicht der Kirche – also aus unser aller Sicht und nicht nur aus der des Papstes und des Erz­bischofs – unmöglich ist. Dennoch scheinen sich viele mit dem Zustand gut zu arrangieren.

Seien wir ehrlich: Ist es nicht nur eine Minderheit unter den Praktizierenden, die sich als Betroffene vom Kommunizieren abhalten lässt? Und was die Hirten anbelangt: Sind es nicht nur wenige, die sich trauen, betroffene Personen zu ermahnen, statt so zu tun, als merkten sie nichts? Klar, man muss die Menschen respektieren; sicher, man muss Mitleid mit den „vom Leben Verletzten“ haben – vor allem wenn ihr Herz verletzt worden ist. Letztendlich aber haben weder Gedankenlosigkeit noch Feigheit jemals irgend jemanden geheilt.
Bei der Behandlung dieses Themas geht es aber auch um die peinlich genauen Gläubigen, die sich im Gegensatz dazu in einer solchen Situation der Verzweiflung ergeben: Sie sehen keinen Ausweg, meinen, damit sei das Leben als Christ zu Ende, und Gott liebe sie nicht mehr.
Mit beiden Gruppen wollen wir das christliche Leben wiederentdecken und zwar als das, was es ist: ein Weg der Umkehr, den Jesus all jenen erschlossen hat, die sich – weil sie sich als Sünder erleben – nicht mit ihren Sünden abfinden, eben weil die Sünde unglücklich macht und Gott genau das nicht will. Die Umkehr ist übrigens nicht allein den Wiederverheirateten vorbehalten: Sie ist ein Angebot an alle, wie weit sie im christlichen Leben schon gekommen sein mögen.
Wenn wir jetzt über eheliche Konstellationen sprechen, die dem Evangelium widersprechen, so gilt es zunächst demütig einzugestehen, dass wir das Thema als Sünder unter Sündern abhandeln.
Zunächst sei daran erinnert, dass die Kirche sich außerstande sieht, die Unauflöslichkeit der Ehe in irgendeiner Form abzu­schwächen, weil sie darin einen Anspruch sieht, den Gott selbst erhoben hat. Sie besteht darauf, ihn mit Gewissheit empfangen zu haben. Man landet daher zwangsläufig in einer Sackgasse, wenn man die Diskussion über die Scheidung in der Katholischen Kirche auf der Ebene menschlicher Vorschriften abhandelt.
Allerdings ist die Kirche auch von der Überzeugung getragen, dass Gott niemals etwas Unmögliches fordert. Mehr noch: dass Gott nie etwas von uns verlangt, was uns nicht glücklich machen würde. Wenn Er uns daher die Unauflöslichkeit offenbart hat, so nur, weil Er uns auch die Mittel gibt, sie – in Fülle – zu leben. Jenen helfen, die in einer dem Willen Gottes nicht entsprechenden ehelichen Situation leben, heißt also, ihnen beizustehen, diesen Willen besser zu begreifen und anzunehmen. Ihn zu umgehen, wäre gleichbedeutend damit, sich dem wahren Glück zu verschließen.
Das bessere Verständnis setzt eine bessere Erklärung voraus: Oft fehlt einfach die Kenntnis von der christlichen Sicht auf die Ehe und deren Stimmigkeit. Obwohl die Ehe einen solchen Stellenwert im Leben hat, muss man zugeben: Im allgemeinen wird man recht ungenügend auf sie vorbereitet. Es wird nicht viele Getaufte geben, die imstande wären, auch nur fünf Minuten lang darzulegen, wozu sie sich mit ihrem schicksalhaften Ja verpflichtet haben!
Wie auch immer, ob es nun darum geht, eine Ehe zu schließen oder eine zu retten, wir müssen uns endlich die Zeit nehmen und entsprechende Mittel einsetzen, um klarzustellen, was die Ehe überhaupt ist.
Nach dieser grundsätzlichen Klarstellung gilt es, die Situationen zu unterscheiden.
Zunächst einmal: Die Trennung der Gatten ist in den Augen der Kirche noch keine ordnungswidrige Situation, ob sie nun durch zivilrechtliche Scheidung zustande kommt oder nicht. So schmerzlich dies auch sein mag, die Trennung kann ein letzter Ausweg sein, um dem anderen treu zu bleiben, wenn das Zusammenleben wesentliche Güter der Ehe gefährden würde: z. B. die Sicherheit der Kinder oder ein Mindestmaß an persönlichem Gleichgewicht, auf das zu verzichten von niemandem verlangt wird.
Weiters ist manchmal die Frage zu stellen, ob die gefährdete Ehe überhaupt eine echte Ehe ist. Menschliche Handlungen müssen aus freien Stücken erfolgen, also bewusst und gewollt. Um diese Freiheit zu schützen, hat die Kirche das Jawort der Brautleute an Bedingungen geknüpft: ein Mindestalter, das Fehlen von Zwang, das Wissen über die wesentlichen Merkmale der Ehe.
Besteht ein begründeter Zweifel über die psychische Fähigkeit eines der Gatten zum Zeitpunkt der Heirat oder über dessen Reife, seine Aufrichtigkeit, sollte man nicht zögern, die Gültigkeit einer Ehe überprüfen zu lassen. Im Gegensatz zu einem weitverbreiteten Klischee ist dies kein Privileg der Prinzessinnen von Monaco!
Die Trennung der Gatten stellt deren Treue nicht notwendigerweise infrage. Dennoch sei betont: Eine so schwierige Situation verlangt von denen, die sich in ihr befinden, einen klaren Blick auf das Wesen der Ehe: Sie ist primär eine geistige und erst dann eine sichtbare Realität. Sie besteht ja in Gott, der sie begründet hat, fort. Das heißt: Diese manchmal unvermeidbare Trennung wird sich nur dann positiv auswirken, wenn sie im tiefen Glauben an den, der uns liebt und uns liebesfähig macht, gelebt wird – auch jenseits sichtbarer Zeichen der Liebe.
Offen gesagt: Ist das nicht letztlich die Wahrheit jeder Liebe, ob sie nun zu gelingen scheint oder nicht?
Das bedeutet auch: Diesen schwer getroffenen Brüdern und Schwestern gegenüber ist unser geschwisterliches Entgegenkommen besonders gefordert. Wie kommen wir der verlassenen Familienmutter, welche die Last der Erziehung ihrer Kinder allein zu tragen hat, zu Hilfe? Welchen Platz räumen wir jenen, die keine Familie mehr haben, in unserem Leben ein? Wie verhalten wir uns zu Kindern ohne Eltern, denen nichts als der Fernseher bleibt, wenn sie aus der Schule heimkommen?
Nehmen wir nun aber an, dass es um eine gültige Ehe geht und dass einer der Gatten (oder beide) nach der Trennung in einer (durch zivile Trauung besiegelt oder auch nicht, für die Kirche ist das egal) neuen Beziehung lebt. In diesem Fall wird die Treue zum Evangelium verlassen, die Situation ist irregulär.
Zunächst sei festgehalten: Beide Partner der neuen Verbindung sind von der Regelwidrigkeit der neuen Verbindung betroffen. War einer der beiden bisher unverheiratet, ist er dennoch für die neue Situation und deren Folgen mitverantwortlich. Um welche Folgen handelt es sich?
Auf der persönlichen Ebene muss der Gläubige sich klar und unzweideutig seiner Lage bewusst sein: Er stellt sich außerhalb des Willens Gottes. Somit gibt es für ihn nur einen christlichen Weg, nämlich zur Normalität zurückzukehren unter Benützung der üblichen Mittel: Buße und Umkehr.
Auf der sichtbaren Ebene dessen, was die Kirche gutheißen kann oder nicht, ist sie außerstande, einem Gläubigen, der im offenen Widerspruch zum Evangelium lebt, ein Sakrament zu spenden. Genau das ist aber im Fall des Zusammenlebens nach einer Scheidung der Fall, solange nicht Buße und Versöhnung stattgefunden haben. Da geht es einfach um die Kohärenz zwischen verkündetem und gelebtem Glauben. Wie sollte man das Sakrament der Buße feiern für Gläubige, die entschlossen sind, in einer dem Evangelium widersprechenden Situation zu verbleiben?
Mildern wir nun diese scheinbare Strenge durch folgende wichtige Bemerkung ab. Ein Sakrament nicht zu spenden, bedeutet nicht, jemanden der Niederträchtigkeit zu zeihen. Festzustellen, dass eine Situation objektiv gesetzeswidrig ist, heißt nicht, ein Urteil über die mehr oder weniger große Schuld des Betroffenen zu fällen. Er mag diese Situation, in der er nun gefangen ist, womöglich gar nicht so recht erkannt und gewollt haben.
Im Angesicht Gottes wird die tatsächliche Verantwortung am Grad des Festhaltens des Sünders an seinem Vergehen bemessen. Klarerweise besteht zwischen dem vollen Bewusstsein und dem festen Willen, Böses zu tun, und der weitgehenden Unbewusstheit, wenn jemand einfach tut, was alle machen, eine Abstufung. Jeder hat so – trotz allem – die Möglichkeit auf dem durch die Taufe eröffneten Weg voranzukommen.
Oft wird einem entgegengehalten, dass größere Schuld, etwa gegen die Gerechtigkeit, nicht von den Sakramenten ausschließt. Von außen gesehen, mag das so scheinen. Dann liegt aber Missbrauch vor. Denn es gibt keine Rückkehr zum sakramentalen Leben nach einer schweren Sünde ohne vorhergehende Buße und Versöhnung.
An dieser Stelle sei angemerkt, dass eine außereheliche Beziehung meist erkennbarer und längerwährend ist als eine Ungerechtigkeit oder eine Lüge. Das zwingt die Kirche dazu, in diesem speziellen Fall die allgemeine Regelung hervorzuheben. Das ist jedoch keineswegs Ausdruck einer besonderen Feindseligkeit gegenüber den Geschiedenen.
So mancher, der das liest, wird nun erklären, seine erste Ehe sei sicher nicht gültig gewesen. Aber die Kirche werde die Ungültigkeit nie feststellen können, weil die Fakten zu weit zurückliegen oder weil der Gatte sie nicht eingestehen würde…
Muss man auch in diesem Fall auf die Sakramente verzichten? Selbst wenn man ehrlich überzeugt ist, dass die neue Verbindung alle Merkmalle einer wahren Ehe aufweist? Wenn ihr nur die Nichtigkeitserklärung der Kirche fehlt?
Um darauf zu antworten, sollte man klarstellen, was ein Sakrament ist. Es ist das sichtbare Zeichen der unsichtbaren Gnade, die Gott uns in bestimmten Situation schenkt: das ewige Leben in der Taufe, die Vergebung bei der Beichte… Es gibt viele Umstände, in denen man Gnade ohne äußere Zeichen empfängt. Wer also zurecht glaubt, in einer regulären Ehe zu leben, aber nicht die Möglichkeit hat, dies von der Kirche klarstellen zu lassen, darf wissen: Er ist, so wie er lebt, in Gottes Gnade. Er kann damit rechnen, in den Genuss aller Sakramente, die er eigentlich empfangen dürfte, zu kommen.
Was seine äußeren Handlungen aber anbelangt, ist die Kirche verpflichtet, sich an das zu halten, was sie sieht. Daher kann sie die Sakramente nicht feiern. Das heißt aber nicht, dass Gott dem Seine Gnade vorenthält, der außerstande ist, deren Zeichen zu empfangen.
(…) Wer also vom sichtbaren Empfang der Sakramente ausgeschlossen ist, sollte keinesfalls auf deren geistigen Empfang verzichten. In diesem Grenzfall, wo es sich nur um eine scheinbar irreguläre Situation handelt, möge sich der betroffene Gläubige in derselben Situation fühlen wie andere – Kranke und Verfolgte beispielsweise –, die daran gehindert sind, ihren Glauben zu feiern. Sie alle sind im Herzen der Kirche.
Wie aber kommen die wirklich in der Situation der Irregularität leben, aus dieser Lage heraus? Wer in einer Beziehung lebt, die den Bruch einer gültigen Ehe darstellt, muss klar das Ziel anpeilen: den normalen Zustand wiederherzustellen und daher Schluss damit zu machen, wie ein Ehepaar zu leben mit jemandem, der es nicht wirklich ist.
Das wird einigen Lesern sehr hart vorkommen! Sie mögen noch einmal lesen, was weiter oben gesagt worden ist, bevor sie uns vorwerfen, wir hätten kein Verständnis! Noch einmal: Es ist die Liebe, die Christus retten will, selbst wenn sie krank ist – ja gerade dann.
Selbst wenn jemand die Zielvorstellung, wie „Bruder und Schwester“ zu leben, verwirklicht hat, hat er gegenüber der christlichen Gemeinschaft weiterhin eine Verpflichtung: Jenen, die nichts davon wissen können, dass keine Irregularität mehr vorliegt, keinen Anstoß zu geben. Die Betreffenden werden daher darauf achten, dass sie die Sakramente so empfangen, dass niemand in ihrer Umgebung auf die Idee kommen könnte, sich in der kirchlichen Praxis getäuscht zu haben.  Konkret bedeutet das: kein Empfang dort, wo ihre scheinbar irreguläre Situation öffentlich bekannt ist und es indiskret wäre, die notwendigen Erklärungen zu geben. Es gibt genügend viele Kirchen im Land, wo man diesen Eindruck vermeiden kann. (…)
Nicht überrascht darf man sein, wenn es nach einem ersten heroischen Entschluss zu einem Umfaller kommt, vielleicht auch zu weiteren: Was da geschieht, ist eigentlich nur das, was im normalen Leben eines Christen sonst auch passiert. Wundern wir uns also nicht, aber resignieren wir auch nicht. Die eigentliche Katastrophe wäre es, würde man auf das Voranschreiten verzichten.
Auch möge der betroffene Gläubige sich nicht auf die Frage der Sakramente, die er noch nicht empfangen darf, fixieren, sondern aus jenen leben, die er bereits empfangen hat: aus der Taufe, der Firmung und – der Ehe, die ja lebendig bleibt in dem Kampf, den er führt, um sie jenseits des äußeren Anscheins am Leben zu erhalten.

Der Autor ist Priester der Diözese Bourges, Moderator der Association Saint Jean de la Croix und Autor zahlreicher Bücher, sein Beitrag ein Auszug aus einem Artikel in „Famille Chrétienne v. 15. Mai 1997

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