VISION 20005/2014
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Wenn der Mensch sich neu schaffen will

Artikel drucken Die Gender-Gesellschaft: eine nicht überlebensfähige Fehlkonstruktion (Michael Gurtner)

Keiner vermag die Gesellschaft und die Welt an den vorgegebenen Ordnungen vorbei umzubau­en. Das wird auch das Los der Gen­der-Ideologie sein. Der fol­gen­de Beitrag macht das deutlich.

Jeder Gesellschaftstypus, welcher Art er auch sei, setzt sich aus Menschen zusammen und baut somit letztlich auf der menschlichen Natur auf. Sehr deutlich sichtbar wird dies am „kleinsten“ und überschaubarsten Beispiel, der Familie. Familie hat spezielle Voraussetzungen, die sie eben zur „Familie“ machen, und nicht zu „Dorf“, „Studenten-WG“ oder „Musikverband“.
Von „Familie“ kann man nur dann sprechen, wenn deren Wesenselemente allesamt vorhanden sind. Grundlegendes Kriterium ist dabei das Zeugen, Großziehen und Erziehen der eigenen Nachkommenschaft. Familie ist unbedingt auf Fortpflanzung angelegt und somit ihrem Wesen nach auf das gemeinsame und vereinte Vorhandensein der Wesenseigenschaften der Frau und der Wesenseigenschaften des Mannes angewiesen. Familie gründet in der Ehe und diese wiederum in der Natur des Menschen, der in seiner gesunden Form auf das gegenteilige Geschlecht hin orientiert und ausgerichtet ist.
Nun kann es sein, dass durch irgendwelche Umstände – Krieg, Unfall, Scheidung – Situationen entstehen, in welchen Vater oder Mutter fehlen. Das ist dann jedoch ein Mangel, welcher auf Grund „höherer Mächte“ eintritt, und als defizitäre Situation gesehen wird. Aus solchen Umständen sind große Persönlichkeiten herangewachsen, jedoch nicht wegen, sondern trotz einer defizitären Familiensituation. Das Wesentliche dabei ist, dass sie im rechten Verständnis dessen aufwuchsen, was Familie eigentlich ist und worin die Natur des Menschen besteht.
Anders hingegen ist es bei sogenannten Homo-Adoptionen: hier wird von vornherein ein völlig verkehrtes und verdrehtes Bild von Familie, Werten und menschlicher Natur vermittelt, und dies wird nicht ohne schwerwiegende Folgen bleiben können. Denn das vermittelte falsche Bild wird später vielleicht nicht von allen, aber doch von vielen der betroffenen Kinder als „legitime Familienform“ weitervermittelt werden, und so allmählich zum festen Bestandteil des gesellschaftlichen Grundbewusstseins.
Wir sprechen dabei nicht von einer künftigen Gefahr, einer Hypothese, sondern von einer Realität, die in den letzten Jahren, vorangetrieben durch eine massive und überaus aggressive ideologische Kampagne, bereits eingesetzt hat, und sich in kürzester Zeit noch weiter verschärfen wird. Es ist nicht im Kommen, wir stecken bereits mitten drin!
Auf längere Sicht gesehen ist dadurch, vor allem im Zusammenspiel mit anderen Faktoren (die massive Zunahme des Islam in den westlichen Ländern, beispielsweise), der Fortbestand unserer Zivilisation und Kultur, so wie wir sie bislang kannten, auf das Äußerste gefährdet. Europa als kultureller Begriff kann dadurch sogar untergehen.
Das ist keine Schreckensvision, sondern eine durchaus reale, konkrete, statistisch bereits festmachbare Gefahr, deren Entwicklungsprozess bereits eingeleitet ist und sich mit hoher Geschwindigkeit jenem Punkt nähert, an welchem er irreversibel wird.
Der Mensch wird seit den Revolutionsjahren der 60er Jahre systematisch dazu erzogen, gegen sein eigenes Wesen zu handeln. Auch die heutigen Geistlichen entstammen diesem Erziehungssystem und tragen es daher in ihr eigenes Wirken, falls sie nicht vorher der Irrigkeit der dahinterstehenden philosophischen Grund­ideen rational gewahr werden und dementsprechend nach ihren Maßen entgegenzuwirken suchen.
Die Homo- und Genderideologie greift alles an, was in der menschlichen Natur, d.h. im Wesen des Menschen gelegen ist. Damit ist aber der lebenserhaltende Nerv getroffen und verwundet! Der gläubige Katholik erkennt dieses Wesen als göttliche Schöpfungsordnung, gegen die zu handeln dem Menschen schadet. Der Atheist jedoch erkennt dasselbe an den objektiven Fakten, auch wenn er diese nicht auf Gott zurückführt.
Es wird das gesunde Selbstverständnis als Mann und Frau angegriffen: Man wird als das eine oder andere geboren, es ist eine Vorgabe der Natur, um die man ebensowenig gefragt wird, wie ob, wo oder wann man geboren werden will. Es ist ein unveränderliches biologisches Faktum, und es widerspricht jeglicher Vernunft zu behaupten, man könne sich sein Geschlecht frei wählen, oder es wäre lediglich eine soziale Rolle. Es ist ebensowenig der eigenen Wahl anheimgestellt wie man sich auch nicht wählen kann, ob man nicht lieber als Elch, Rabe oder Pottwal geboren sein möchte. Man ist aus objektiven biologischen Gründen Mensch oder Elch, und man ist dies aus denselben Gründen als Mann oder Frau.
Aber auch die Familie wird angegriffen. Diese gesellschaftliche Grundgröße sorgt in ihrer biologischen Dimension für den Fortbestand der Gesellschaft, und in ihrer geistigen für deren Gesunderhaltung. Wo ein falsches Bild von Familie und Ehe gezeichnet wird (Gutheißen von homosexuellen Praktiken, Aufbrechen der Ehe als monogame Bindung von Mann und Frau, Anerkennung der freien Geschlechtswahl), dort wird die Gesellschaft unweigerlich geistig erkranken. Und diese Erkrankung wird sich in einem Gebärden bemerkbar machen, das man nicht als normal und gesund beschreiben können wird: in Anarchismus, an deren Ende die Implosion der staatentragenden Strukturen und Gefüge steht.
Denn mit der Gender- und Homoideologie ist unweigerlich der Versuch des Menschen verbunden, sich selbst zu entwerfen. Das setzt jedoch voraus, dass Gegebenheiten (oder theologisch gewandt: Gott und Sein Wille) nicht mehr anerkannt werden. Anfänglich mag dies punktuell sein, aber es wird zur allgemeinen Grundeinstellung anwachsen. Mit dieser aber muss eine Gesellschaft unweigerlich zuerst erkranken und schließlich in sich zusammenfallen.
Die Aufzucht von Kindern wird mehr und mehr eine mechanische Sache nach einem konstruierten Schema X und verliert ihre natürliche und menschliche Dimension des Großziehens. Der Staat und der demokratisch beschlossene Mehrheitswille sind es, welche diktieren, zu welchem Denken das Kind in staatlichen Erziehungsanstalten gedrillt zu werden hat. Sozial bestehen können nur jene Kinder, welche nicht von der kommunen Einheitsmeinung abweichen.
Das Problem ist auch hier: die Vorgaben sind nicht an die objektive Wahrheit gebunden, sondern haben sich bewusst von dieser abgelöst und sie durch ein mehrheitsfähiges Konstrukt ersetzt, welches nicht von der Natur übernommen sondern vom Menschen selbst bestimmt wurde und deshalb keine Wahrheit in sich trägt. Einem solchen Modell fehlt es sozusagen an einer „Seele“.
Wo der Mensch gegen seine eigene Natur handelt, dort wird er letztlich selbst unweigerlich zu demjenigen, der sich gegen sich selbst wendet. Der Mensch, der sich selbst schaffen möchte und sich selbst konstruiert, endet am Ende als Fehlkonstruktion. Und genau das ist der Punkt, an dem wir uns heute befinden: die neue Welt- und Gesellschaftsordnung ist von Grund auf ein Fehlkonstrukt, das uns langsam auf den Kopf zu fallen beginnt.
Es geht hier nicht um bloße kulturelle Äußerlichkeiten, die dabei wären, sich ändern. Das Problem liegt wesentlich tiefer, denn es berührt das Substanzielle des Menschen, sein Menschsein und nicht allein seine Moden. Es geht nicht mehr, so wie vor 100 Jahren, um die einfache Frage, ob Frauen Hosen tragen dürfen oder nicht, da dieses Beinkleid als Männerkleid galt.
Um es an diesem Beispiel anschaulich-plakativ zu sagen: die Frage ist nicht, ob Hose oder nicht, sondern die Frage ist: Warum die Hose? Solange es nicht darum geht, sich als Frau männlich zu verhalten, war und ist es eine reine Modefrage, und letztlich dem Geschmack anheimgestellt.
Dasselbe äußere Zeichen verändert vollkommen seine Bedeutung, wenn sich die Motivation änderte würde: Sobald es darum gehen würde, die eigene Weiblichkeit durch die Kleidung in eine erwünschte Männlichkeit umzuwandeln, wären die Effekte vollkommen andere. Dasselbe gilt auch umgekehrt: wenn man bereits hört, dass in Schulen Buben angehalten werden, an bestimmten Tagen in Mädchenkleidern (Röcke, Kleider) zu erscheinen, ist das etwas ganz anderes, als wenn in Schottland Jungen dazu aufgefordert würden, in Nationaltracht zu kommen.  
Denn die Gefahr besteht nicht in den Äußerlichkeiten als solche, sondern sie besteht dann, wenn eine entsprechende Ideologie dahinter steht. Wenn sich in den deutschsprachigen Komödien der 50-er bis 70-er Jahren Männer oft ungewollt in Frauenkleidern wiederfanden und vielleicht sogar männliche Heiratswillige ein Auge auf sie geworfen haben und begannen, ihnen den Hof zu machen, so hatte das humoristische Gründe, weil die Situation eine groteske war.
Damals war das rechte Familienbild gefestigt, deshalb konnten diese Szenen komisch wirken und hatten für Gewöhnlich nichts Unanständiges.
In unserer heutigen Situation wären dieselben Szenen ihrer ursprünglichen Harmlosigkeit beraubt. Heute geht es um eine bewusst angestrebte Desensibilisierung, um die Gender-Ideologie besser indoktrinieren zu können. Darum kann man gewisse Phänomene nicht als bloße Äußerlichkeit abtun. Dasselbe Verhalten, das eigentlich harmlos wäre, kann mit dem entsprechenden ideologischen Hintergrund brandgefährlich für die Gesellschaft werden. Durch ständiges Vorführen bestimmter Dinge und Situationen soll bewusst eine Akzeptanz geschaffen werden – bis hinein in die Schul- und Kinderbücher!
Die Gesellschaft wird via „gender“ von Grund auf verändert. Man handelt frei nach dem Motto: Willst Du die Gesellschaft ändern, so ändere die Familie. Und es funktioniert. Grundvoraussetzung dafür ist eine Gottlosigkeit, die selbst Seine offensichtlichsten Werke der Natur nicht mehr anzuerkennen bereit ist. Die katastrophalen Auswirkungen werden nicht bloß so „passieren“ – denn sie sind bewusst gewollt, angestrebt und aktiv gefördert!

Der Autor ist Theologe aus der Erzdiözese Salzburg.

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