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Gehört der Islam zu Deutschland?

Artikel drucken Notwendige Klarstellungen (Christine Schirrmacher)

Der Islam gehöre zu Deutschland, diese Aussage des deutschen Ex-Präsidenten Wulff  hat sich im Vorjahr auch Kanzlerin Merkl zu eigen gemacht. Aber haben die beiden Politiker recht mit der Behauptung, der Islam sei Teil der europäischen Kultur? Analyse einer Islamforscherin:

Es ist unstreitig, dass der Koran ein Gottes- und Menschenbild entwirft, das sich fundamental von der jüdisch-christlichen Botschaft unterscheidet. Islam bedeutet „Unterwerfung, Hingabe“. Unterwerfung unter Allah und sein Gesetz ist die erste Glaubenspflicht des Islam.
Muhammad war bekanntlich nicht nur Verkündiger, sondern ab 622 n. Chr. in Medina auch Gesetzgeber und Feldherr. Auch nach der Kalifenherrschaft 661 n. Chr. blieb das Ideal der weltlichen und geistlichen Herrschaft in einer Hand lebendig. Im 10. Jahrhundert gewann das religiös begründete Gesetz, die Scharia, Gestalt, die gerade keine Trennung in weltliche und geistliche Belange kennt.
Weder Aufklärung noch Religionskritik noch eine kritische Aufarbeitung der islamischen Geschichte gibt es in islamischen Gesellschaften bisher. Ein Euro-Islam oder „Islam light“ ist zwar in den Schriften mancher Menschen- und Frauenrechtler auszumachen. Aber sein Einfluss auf die offizielle Lehre ist gering. Reformdenker werden im Nahen Osten verfolgt.
Der in Europa in Verbänden und Dachverbänden organisierte Islam ist vor allem ein politischer Islam, der gerade diesen ganzheitlichen Herrschaftsanspruch des Islam befürwortet und als Minderheit die Deutungshoheit über die gesamte islamische Gemeinschaft in Europa beansprucht. Sämtliche in Europa ansässige islamische Ausbildungsinstitute für Theologen lehren einen solchen Scharia-Islam.
Mit dem Festhalten an der Scharia kann es jedoch keine Begründung für ungeteilte Menschen- und Freiheitsrechte, für Religionsfreiheit sowie Frauen- und Minderheitenrechte geben. Ein solcher Islam ist nicht grundgesetzkompatibel und ein solcher Islam gehört keinesfalls zu Deutschland.
Unser Grundgesetz baut auf einem jüdisch-christlichen Wertekanon von der Verantwortung, Würde und Freiheit aller Menschen unabhängig von Geschlecht, Religion und Herkunft auf. Durch diesen Wertekanon im Verbund mit Religionskritik und Aufklärung entstand die Trennung von Kirche und Staat, Gewaltenteilung und Rechtsstaatlichkeit, das Gewaltmonopol des Staates sowie Religions-, Meinungs- und politische Freiheitsrechte.
Wenn der politische Islam auf Mitbestimmung pocht, dann gerade nicht, weil er Andersdenkenden diese Rechte dauerhaft einräumen würde. Die Kairoer Menschenrechtserklärung etwa, die sich 57 islamische Staaten zu eigen gemacht haben, gewährt nur demjenigen Menschenrechte, der als praktizierender Muslim nach den Regeln der Scharia lebt.
Wollte der Bundespräsident nun sagen: Bisher haben das Juden- und Christentum Deutschland geprägt, aber nun darf es auch der Islam sein. Das wäre fatal, denn die schariabefürwortende Variante des Islam kann die Werte und Freiheiten unserer Gesellschaft nicht begründen. Diese Rechte befürworten kann nur ein unpolitischer Islam, ein spiritueller Glaube, der sich von jeglichem politischen Anspruchsdenken losgesagt hat. (…). Ein solcher Islam wird von vielen Muslimen bei uns gelebt, aber als strukturell organisierter Islam ist er derzeit nicht existent.
Er kann auch nicht aus den Gesellschaften des Nahen Ostens zu uns kommen, denn kein islamisch geprägter Staat dort ist ein Rechtsstaat, keiner bietet wirkliche Freiheits-, Frauen- oder Menschenrechte, keiner kennt die Gewaltenteilung, keiner ist eine Demokratie.
Es scheint schwer vorstellbar, dass das angesichts der Berufung aller arabischen Verfassungen auf die Scharia als Gottesgesetz und eines immer noch beträchtlichen Einflusses der muslimischen Gelehrtenwelt auf Gesellschaft und Politik im Nahen Osten bloßer Zufall ist.(…)
Ja, Deutschland ist längst multi-kulturell und multi-religiös. Christen sind dazu aufgerufen, allen Menschen gleichermaßen mit Achtung und Wertschätzung zu begegnen. Aber andererseits darf unter dem drohenden Vorwurf des Rassismus die notwendige inhaltliche Auseinandersetzung mit den Werten eines schariageprägten Islam nicht abgewürgt werden. Respektvoller Umgang ja – aber weder Meinungs- noch Freiheitsrechte dürfen mit Rücksicht auf muslimische Befindlichkeiten eingeschränkt werden.
Sich der eigenen Wurzeln zu versichern, bedeutet noch keine Arroganz. Zu wissen, was die unaufgebbaren Schätze der eigenen Tradition sind, macht erst fähig zur Begegnung und zum Dialog. Daran festzuhalten, dass aus den eigenen Grundlagen Werte wie Gleichberechtigung, Religionsfreiheit, Freiheitsrechte und die Trennung von Kirche und Staat hervorgingen und diese Grundlagen auch zu benennen, hindert nicht daran, Menschen aus anderen Kulturkreisen wertzuschätzen und offen aufzunehmen. Es hindert aber an einer unguten Gleichmacherei zwischen grundsätzlich unterschiedlichen Wertesystemen.
Es ist nach 50 Jahren Migrationsgeschichte an der Zeit, nicht nur bei Äußerlichkeiten stehen zu bleiben, sondern auch die weltanschaulichen Grundlagen der Religionen zu thematisieren sowie die Werte, die sie hervorbringen. Das mag nicht allen gleichermaßen gefallen. Trotzdem sollten wir an dieser Aufgabe festhalten, um Klarheit über hiesige und aus anderen Kulturen stammende Wertegerüste zu gewinnen.

Prof. Christine Schirrmacher ist Islamwissenschaftlerin und Leiterin des Instituts für Islamfragen der Deutschen Evangelischen Allianz in Bonn.
Ihr Beitrag ist ein Auszug aus einem Kath.net-Artikel  v. 13.10.10

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