VISION 20002/2016
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Gib der Seele ihren Sonntag

Artikel drucken Über die Notwendigkeit aus der Alltagsroutine auszusteigen (Sophia Benedict)

Noch vor 20 Jahren machten alle Geschäfte um 18 Uhr zu, samstags waren sie nur bis Mittag offen. Bei Verstoß drohten hohe Strafen. Jetzt aber haben die großen Geschäfte bis 20 Uhr abends geöffnet. Die Besitzer kleiner Läden und Boutiquen können da nicht mithalten. Sie müssten Mitarbeiter anstellen, und das können sie sich vielfach nicht leisten. Oder sollten sie auf ihr Privatleben verzichten?

Und nun kommt es zum Anschlag auf den Sonntag, die letzte Festung der Geistigkeit – im breitesten Sinne des Wortes. In einem christlichen Land hat das zur Folge, dass dieses sein Gesicht und seine Seele endgültig verliert, somit seine gesamte christliche Kultur.
In einem christlichen Land wird nämlich am Sonntag nicht gearbeitet. Sonntags – so sagen es die Russen – baut kein Vogel sein Nest und flicht kein Mädchen seinen Zopf. Gott ruhte am siebenten Tag, nachdem Sein Werk geschaffen war. Und Er hat befohlen, an diesem Tag „da sollst du keine Arbeit tun noch dein Sohn noch deine Tochter noch dein Knecht ... dein Sklave, noch deine Sklavin, noch dein Ochse, noch dein Esel…“ Ob das nicht nach dem Urheber der ersten Gewerkschaftsideen klingt?
Jesus hat die Händler aus dem Tempel vertrieben. Der Sonntag an und für sich ist schon ein Tempel. Deshalb muss er eine handelsfreie Zone bleiben! Es reicht schon, dass „das Goldene Kalb“ während der Woche den Ton angibt. Geld ist wichtig – wir müssen irgendwie weiter leben. Aber wenigstens ein Tag in der Woche muss der Seele gewidmet sein. Sollen wir auch den Sonntag den wirtschaftlichen Notwendigkeiten unterwerfen? Dann entziehen wir diesem Tag seine Seele. Und unsere Seele verliert dadurch etwas Wesentliches.
Wenn wir uns die wohlverdiente Erholung rauben, entziehen wir unseren Familien jene wunderbaren Stunden, die wir einander widmen könnten. Der eine begibt sich an diesem Tag zur Morgenmesse, ein anderer macht einen Spaziergang, um Gottes wunderbare Schöpfung – die Schönheit der Natur – zu bewundern, ein anderer liest seinen Kindern ein gutes Buch vor, wieder ein anderer betreibt Sport, um seinen Körper – auch ein Werk Gottes – fit zu halten und noch ein anderer widmet sich dem Nichtstun, das auch sehr wichtig ist, da Langweile ein gewisses schöpferisches Potenzial in sich trägt.
Ja, ja, es ist so! Unsere Psyche benötigt nach langen Anstrengungen eine echte Ruhephase, die bis zur Langeweile reichen kann. Denn gerade in diesem Zustand baut sich schöpferische Energie auf. Keine Kopfhörer! Keine Musik! Keine Ablenkung! Gönnen Sie sich ein wenig Langeweile! Das ist sehr wichtig! Ohne diese Phasen wird ihre Psyche aufgebraucht, Sie verlieren ihre schöpferischen Fähigkeiten, werden zu einer Maschine, die nur noch fähig ist, nach einem vorgegebenen Programm zu arbeiten. Sogar der Boden verliert seine Fruchtbarkeit, wenn man ihm im siebenten Jahr keine Erholung gönnt.
Ein stiller Sonntag, dem die Hast entzogen ist, wenn die Straßen leer sind, sich das Leben verlangsamt, ein Tag, an dem sich Ruhe ausbreitet und sogar die Vögel leiser singen, an dem man ruhig dem Klang der Kirchenglocken lauschen kann – dieser Tag ist ein wunderbares Geschenk, das sogar schlechtes Wetter nicht verderben kann.
Am Sonntag ruht Gott in deiner Seele, und du gibst dich Gott zurück.

Die Autorin ist Wissenschaftsjournalistin, Übersetzerin, Fachautorin.

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