VISION 20006/2018
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Was die Krise uns lehrt

Artikel drucken Ohne Komplexe zur Sexuallehre der Kirche stehen (Von Christof Gaspari)

Krise bezeichnet eine problematische, mit größeren Gefahren verbundene Situation, die zu Entscheidungen herausfordert. Viele Ereignisse der jüngsten Vergangenheit machen deutlich, dass sich die Kirche in einer solchen Lage befindet. Wir haben dies von verschiedenen Seiten beleuchtet und wollen nun der Frage nachgehen: Vor welche Herausforderungen stellt uns die derzeitige Krise?

Zur Beantwortung dieser Frage ist es notwendig, die Situation möglichst klar zu erkennen. Versuchen wir ein paar Punkte herauszuarbeiten.
Die Tatsache, dass Priester Kinder missbrauchen ist an sich unsagbar skandalös. Denn durch diese Übergriffe zerstören Personen, die in der Heiligen Messe Christus vergegenwärtigen, das Bild des Herrn in ihren jugendlichen Opfern. Wer „einen von diesen Kleinen zum Bösen verführt,“ sagt uns der Herr, für den wäre es besser „mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer“ geworfen zu werden. Harte Worte. Da gibt es nichts zu beschönigen.
Wer wirksam etwas dagegen unternehmen will, muss die Tragödien in ihrem Kontext sehen. Ein großer Teil der Missetaten spielte sich um 1980-1990 ab, als die sexuelle Revolution richtig Fahrt aufgenommen hatte und viele in der Kirche einen Frühling der großen Freiheit anbrechen sahen. Ab der Jahrtausendwende hat die Kirche dann spät, auch nur teilweise, auf die Exzesse reagiert, aber sie hat, insbesondere auf Betreiben von Kardinal Joseph Ratzinger, begonnen, den Skandal aufzuarbeiten.
Da ist, wie die jüngsten Ereignisse zeigen, noch vieles zu tun. Aber es kommt in Gang. Die Öffentlichkeit und die Medien sorgen dafür, dass die Sache nicht einschläft – durchaus auch aus Schadenfreude. Man würde sich wünschen, dass sie mit gleichem Eifer die weitaus zahlreicheren Übergriffe in anderen Bereichen aufdeckten und anprangern.
Zum Kontext der derzeitigen Krise gehört auch die klare Erkenntnis: Missbrauch in der Kirche hängt eng mit dem Thema Homosexualität zusammen. Eine kürzlich an der „Catholic University of America“ veröffentlichte Untersuchung von Paul Sullins über den Missbrauch in der US-Kirche hat das noch einmal bestätigt:
– „Der Anteil homosexueller Männer unter Priestern sei in den 1950er Jahren doppelt so hoch gewesen wie in der Gesamtgesellschaft, in den 1980er Jahren acht Mal so hoch. Diese Entwicklung korreliere stark mit der Zunahme sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen.
– Ein Viertel der Priester, die in den späten 1960er Jahren geweiht worden sind, berichteten von einer homosexuellen Subkultur in ihrem Seminar. In den 1980er Jahren war es mehr als die Hälfte. Auch dieser Trend korreliere stark mit der Zunahme sexuellen Missbrauchs.
– Vier von fünf Opfern, die älter als sieben Jahre waren, waren Jungen…“
Dieser Tatsache stellt sich ein großer Teil der Hierarchie nicht oder nur widerwillig. Verständlich, denn sobald sie zum Thema Homosexualität klare Kante zeigen würde, geriete sie in eine heftige Konfrontation mit dem Zeitgeist. Denn dieser hat die Gender-Ideologie auf seine Fahnen geheftet und propagiert konsequent: Das Geschlecht des Menschen sei kein prägendes Merkmal, sie stehe jedem nach Belieben zur freien Verfügung, du darfst „lieben“, wen du willst…
Und die Speerspitze dieser Ideologie ist die Homosexuellen-Bewegung. Sie betreibt diese Einebnung gezielt. Die „Ehe für alle“ ist eine ihrer Errungenschaften, die Erzeugung von Nachkommenschaft für gleichgeschlechtliche Paare steht auf dem Programm.
In diesen Fragen sind unsere Hirten äußerst zurückhaltend. Sie werden nicht müde zu betonen, man dürfe homosexuelle Personen nicht diskriminieren. Ja, man müsse sich ihrer in den Pfarren besonders annehmen, wie P. James Martin SJ sogar in einem Vortrag beim Weltfamilientreffen in Dublin betonte. Und ähnliches ist immer wieder aus bischöflichem Mund zu hören.
Dass wir jeden Menschen achten, schätzen, ja lieben sollen, ist eine Wahrheit, die nicht oft genug wiederholt werden kann, weil jeder pausenlos gegen sie verstößt. Daher die Betonung der Wertschätzung auch von homo­sexuellen Personen. Unbedingt ergänzt werden müssten diese Aussagen allerdings durch die klare Feststellung des Weltkatechismus: Homosexuelle Handlungen „sind in keinem Fall zu billigen.“ (Nr. 2357)
Aber wie viele unserer Hirten trauen sich, solche Klarstellungen zu Themen der Lebensgestaltung zu äußern – zu Abtreibung, vorehelichen Beziehungen, Selbstbefriedigung, Empfängnisverhütung, usw., usw., die alle zum Kanon des heute propagierten erfüllten Sexuallebens? Und selbst wenn sich jemand ein Herz nimmt und die Lehre der Kirche in Erinnerung ruft, bekommt er – auch von Amtsbrüdern – zu hören, man dürfe die Menschen nicht überfordern und die Theologie sähe das heute aufgrund neuer Einsichten anders.
Was wurde nicht alles an den Theologischen Fakultäten gelehrt, was im Widerspruch zur Lehre der Kirche stand! Wie viele kirchliche Mitarbeiter, ja Priester verkündeten gerade in Fragen der Moral – aber nicht nur da – einfach Irrlehren. Ich kenne nicht wenige, die in kirchlichen Ausbildungsstätten ihren Glauben verloren und gegen eine Christentum-Light-Ideologie ein­getauscht haben. Diese ist das Ergebnis fortgesetzter Versuche, Kompromisse mit dem rund um uns herrschenden Denken zu schließen. Damit muss endlich Schluss sein! Dafür zu sorgen, fällt  in die Zuständigkeit unserer Hirten. Die vom Zeitgeist bestimmte Medienkritik kann einfach nicht bestimmend sein für das, was die Kirche lehren darf.
Denn die Welt braucht es so dringend, dass man ihr die Lehre Christi – sicher auf verständliche Weise – vor Augen führt. Die ganze Lehre, wohlgemerkt und nicht nur die Teile, die als Bestätigung weltlicher Sichtweisen aufgefasst werden können. Und weil, wie wir von der Fatima-Seherin Sr. Lucia gehört haben, dass sich die letzte Schlacht zwischen dem Herrn und der Herrschaft Satans um Ehe und Familie geschlagen wird, ist diesem Sektor besondere Aufmerksamkeit zu schenken.
Fangen wir doch damit an, Keuschheit zu thematisieren! Holen wir diesen heute geradezu verpönten Begriff aus der Mottenkiste heraus. Kaum jemand traut sich, ihn in den Mund zu nehmen. Und dennoch ist die Haltung, die er beschreibt, von so zentraler Bedeutung.
Ich habe Madeleine Rivest, die viele Vorträge zu diesem Thema gehalten hat (siehe S. 28-29) gefragt, wie sie es den Hörern nahebringt. Ihre Antwort  war einfach: Man müsse mit den Grundwahrheiten anfangen. Und das erste, was die Menschen wissen müssen ist: Du bist ein Kind Got­tes und deine Sexualität ist dir von Gott geschenkt. Als Gottes Werk ist sie schön – soweit sie nach Seinen Wegweisungen gelebt wird. Schon im ersten Buch der Hl. Schrift ist nachzulesen, wie Gott sich das vorstellt: Der Mann verlässt seine Familienbanden und bindet sich an seine Frau (ein lebenslanger Bund, wie Jesus klarstellt). Lebenslange Bindung also als Voraussetzung für das sexuelle Einswerden – und zwar ein fruchtbares. Das bedeutet keusch zu leben.
Und damit bin ich bei einem weiteren Punkt, auf den uns die jetzige Krise stößt: Wir Christen müssen wieder lernen, zunächst in unserem Denken, dann aber auch in unserem Reden von Gott und Seiner Lehre, von Seinen Worten und Seiner Wegweisung auszugehen – und uns nicht von weltlichen Tabus einschüchtern zu lassen. Christus ist gekommen, um die Welt zu erneuern. Seine Lehre hat Europa Jahrhunderte hindurch geprägt, die Menschen aus dem Heidentum zur Erkenntnis des wahren Gottes und damit zu bisher ungeahnter Blüte geführt. Welch ein Versagen, wenn die Kirche jetzt, Schritt für Schritt dem Neuheidentum Raum gibt! (Siehe S. 10)  
Genau das geschieht aber, wenn unsere Hirten Irrlehren in der Kirche dulden, wenn sie bei schwerwiegendem Fehlverhalten von Priestern – und das betrifft nicht nur den Kindesmiss­brauch, sondern auch systematische Verstöße gegen den Zölibat – ein Auge  (ja, beide) zudrücken. Wir brauchen mutige, konsequente Hirten. Zugegeben: Sie haben es schwer. Sie stehen im Blickpunkt der Medien und müssen mit heftiger Kritik rechnen, sobald sie durchgreifen. Daher müssen wir Laien für sie beten, beten und noch mal beten, sie unterstützen und ermutigen.
Als Laien sollten wir noch etwas beitragen: Wir müssen lernen, unseren Priestern und Bischöfen – selbst dem Bischof von Rom – ihre Aufgabe, die ganze tradierte Lehre zu verkünden, in Erinnerung zu rufen, wenn die Sorge besteht, dass es diesbezüglich ein Manko gibt. Selbstverständlich respektvoll – sie sind ja Nachfolger der vom Herrn eingesetzten Apostel –, aber auch mit Bestimmtheit und nach ausreichendem Gebet um den Heiligen Geist. Der Herr selbst ermutigt uns zur brüderlichen Korrektur.
Meist geschieht das Gegenteil: Wir schweigen und machen unseren Unmut über die Hirten privat und öffentlich kund. Wir richten über Personen – wozu wir nicht berechtigt sind –, vermeiden es aber, unsere Kritik an die Betroffenen heranzutragen. Den Bruder zu ermahnen, dazu ermutigt uns Christus. Denn jeder Gläubige ist mitverantwortlich dafür, dass die Botschaft Jesu Christi authentisch in unserer Zeit verkündet wird. Hierin äußert sich auch die ernstzunehmende Berufung der Laien, die das 2. Vaticanum ins Licht gerückt hat.
Um beurteilen zu können, was katholische Lehre kennzeichnet, sei die Lektüre des Katechismus der Katholischen Kirche empfolen. Er gibt wunderbar Auskunft darüber, was der tradierte, der in der Schrift begründete, in der Tradition bewahrte, zu allen Zeiten geglaubte und von den Päpsten jeweils bezeugte Glaube ist. Ihn vor Irrlehren zu bewahren, ist nicht nur Aufgabe des Papstes und der Bischöfe, sondern auch der Laien.

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