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Frauen brauchen Männer und umgekehrt

Artikel drucken Couchgeschichten eines Wiener Psychiaters (Christof Gaspari)

Erst kürzlich erklärte die Weltgesundheitsorganisation, den Wunsch eines Menschen, sein Geschlecht zu wechseln, künftig nicht mehr unter der Rubrik psychische Störung – lief bisher unter der Bezeichnung „Gender Incongruenz“ – zu führen. Denn in unserer von „Gender Mainstreaming“ geprägten Zeit darf das Geschlecht kein bedeutsames Merkmal des Menschen mehr sein – so die in Politik, Schule und Medien verbreitete Ideologie.
Was aber sagt die Wissenschaft zu dieser Gleichmacherei? Raphael Bonelli, Psychiater und Psychotherapeut in Wien, hat das in seinem kürzlich veröffentlichten Buch Frauen brauchen Männer – und umgekehrt eindrucksvoll zusammengetragen und gut lesbar dargestellt. Was dabei herauskommt: eine umfassende Darstellung der vielen Besonderheiten des Mann- bzw. Frauseins.
Den Menschen gibt es nun einmal in zwei „Ausfertigungen“: entweder als Frau oder als Mann mit je unterschiedlichen Stärken und Schwächen – und zur gegenseitigen Ergänzung und Bereicherung berufen. Eigentlich eine banale Feststellung, bei Bonelli aber durch eine Unzahl neuester wissenschaftlicher Nachweise belegt. Und daher ist dieses Buch so wichtig, weil in unserer verwirrten Zeit das Selbstverständliche oft erst dann ernst genommen wird, wenn man es mit „harten Fakten“ belegen kann.
Dass Frauen brauchen Männer… nicht zu einem nüchternen Faktencheck ausartet, dafür sorgen einerseits die zahlreichen Couchgeschichten eines Wiener Psychiaters, wie es im Untertitel des Buches heißt. Sie illustrieren, wie schwer sich die Generation der Unter-40-Jährigen, die „Millennials“, heute im Umgang miteinander tut. Und dazu tragen andererseits die Überlegungen bei, die Bonelli anstellt, um zu zeigen, wie Mann und Frau am besten mit ihren Stärken und Schwächen so umgehen können, dass sie nicht zu Entfremdung und Konflikt, sondern zu gegenseitigem Einvernehmen beitragen.
Was soll ich aus der Fülle des Gebotenen hervorheben? Da ist zunächst die Art der Betrachtung, die es gestattet, die Unterschiedlichkeit von Frauen und Männern in drei Bereichen darzustellen: dem körperlichen, emotionalen und kognitiven. Diese Bereiche beeinflussen sich gegenseitig.
Dabei wird deutlich, dass die besondere Begabung des Mannes in der körperlichen Stärke, seiner emotionalen Stabilität und in seiner sachlich, logisch möglichst folgerichtigen Art zu denken liegt.
Die Frauen wiederum zeichnet besonders der Schönheits- und Lebenssinn aus. Sie weisen mehr Empathie als die Männer auf, verfügen also über die Fähigkeit, andere Menschen zu erfassen und zu verstehen. Sie haben mehr emotionale Intelligenz und soziale Kompetenz. Ihre Art zu denken ist durch Assoziation gekennzeichnet.
Und mit ihrem geschlechtstypischen Potenzial müssen Frauen und Männer umzugehen lernen. Bonellis Buch ist da eine wertvolle Hilfe. In vier Kapiteln spricht der Autor ausführlich über „Liebestöter“, also Fehlhaltungen, die entweder den je eigenen Zugang verabsolutieren oder aber verleugnen und verdrängen. Beides ist bei Männern wie bei Frauen anzutreffen und ein sicheres Rezept, den Eros, die Faszination, die das andere Geschlecht ausübt, zu ruinieren.
Bonelli beleuchtet dabei typische Situationen, mit denen Millennials heute zu kämpfen haben und liefert damit für jedermann anregende Denkanstöße. Etwa: „Sich gegenseitig zu diagnostizieren, ist in der Partnerschaft ein absolutes No-Go. Es entfernt die Partner voneinander… Der Partner wird zum Patienten.“
Oder: „Eine Partnerschaft gelingt, wenn die beiden Profile zum gegenseitigen Vorteil genutzt werden können. In bewuss­ter Verschiedenheit und gegenseitiger Wertschätzung entsteht eine Win-Win-Situation. Respektvolle Kooperation statt verbissener Konkurrenz…“
„Die Agape (die schenkende Liebe) blickt nicht auf sich selbst, lässt sich von Enttäuschung nicht erschüttern, ist trotz heftiger Anfechtungen treu und konstant. Nur die Agape – nicht der Eros – kann auf lange Sicht die Defekte und Unzulänglichkeiten des anderen Geschlechts aushalten, um sie dann bei Gelegenheit wohlwollend und liebevoll zu optimieren.“
„Beide Aspekte der Liebe – Eros und Agape – befruchten einander. Das Geben und Nehmen, das Schenken und Begehren hält die Liebe lebendig. In verschiedenen Lebensphasen einer Partnerschaft kann die eine oder andere Seite der Medaille im Vordergrund stehen… Aber das eine ohne das andere ist armselig.“

Frauen brauchen Männer und umgekehrt. Couchgeschichten eines Wiener Psychiaters. Von Raphael M. Bonelli. Kösel-Verlag, 350 Seiten, 22,70€

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