VISION 20001/2020
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Europa: Christen im Abseits

Artikel drucken Öffentliche Benachteiligung von Christen nimmt deutlich zu (Martin Kugler)

Nur schlechte Nachrichten würden die Leute interessieren, heißt es meist, wenn von medialer Reichweite die Rede ist: Only bad news are good news. Erstaunlicherweise gilt das nicht für eine der größten Tragödien unserer Zeit: die weltweite Ver­folgung von Christen, die noch dazu zahlenmäßig zunimmt.

Die Öffentlichkeit wird zwar – dank der Arbeit von Organisationen wie „Open Doors“ oder „Kirche in Not“ – besser informiert als in früheren Zeiten, doch findet dieses Wissen kaum Niederschlag in Nachrichtensendungen oder TV-Dokumentationen unserer Länder. Und äußert sich daher auch nicht in Maßnahmen von Wirtschaft und Politik, um dieser Tragödie Einhalt zu gebieten.
Ist dieses Phänomen ein Hinweis dafür, dass auch in Europa Christen an den Rand gedrängt werden?
Im vorigen Sommer meinte der damalige britische Außenminister Jeremy Hunt, dass Großbritannien und andere westliche Regierungen sich bisher kaum um verfolgte Christen gekümmert haben, da ihnen postkoloniale Schuldgefühle im Nacken sitzen „vielleicht aufgrund einer fehlgeleiteten political correctness oder einer instinktiven Abneigung, über Religion zu sprechen“. Er liegt sicher richtig mit dieser Analyse, sollte sie jedoch auf Europa ausdehnen, wo wir uns – mit den Worten von Papst Franziskus – durchaus vor einer „höflichen“ Verfolgung hüten müssen, die sich mit Begriffen wie „Kultur, Modernität und Fortschritt“ verkleidet und so gerechtfertigt wird.
Den meisten Christen ist gar nicht bewusst, dass viele ihrer Geschwister auch in westlichen Ländern diskriminiert werden. Es herrscht viel Unwissen, Gleichgültigkeit und bei den politischen Eliten eine starke Befangenheit.
Die meisten westlichen Medien neigen zu der eigenartigen Ansicht, nur Minderheiten könnten diskriminiert werden und Angehörige einst mächtiger Religionen sollten nicht als Opfer gesehen werden. Christen sind demnach für unsere Leitmedien per Definition niemals „Opfer“. Und doch spürt man in vielen Bereichen der Gesellschaft subtile oder nicht so subtile Ressentiments gegen Christen, die ihren Glauben nicht verstecken und auch im öffentlichen Raum ihrem Gewissen gemäß zu handeln versuchen.
In Vision 3/19 war im Zusammenhang mit dem Vandalismus in Westeuropas Kirchen von entwürdigenden Aktionen und Einschränkungen der Meinungsfreiheit die Rede. Als weitere Beispiele wären Theater, Museen (explizit kirchenfeindliche Ausstellungen) und zunehmend Universitäten zu nennen, wo christliche Gruppen, die sich für den Lebensschutz der Ungeborenen einsetzen, keine Flugblätter verteilen durften und keine Hörsäle für Vorträge bekamen. Solche Einschränkungen, die z.B. ein kommunistischer Studentenverein niemals erfahren würde,  erleiden diese Gruppierungen nicht, weil sie gegen Regeln verstoßen würden, sondern weil man ihre Botschaft einfach ablehnt. Weil sie etwas sagen, was man dort nicht sagen darf. Das betrifft Bereiche der Bioethik, Kritik an der Genderideologie, Strömungen des Feminismus oder an Themen der Sexualpädagogik, Themen also, die für Christen sehr wichtig sind, weil sie das Herz der menschlichen Natur betreffen. Hier gibt es mehr und mehr einen engen Korridor erlaubter Überzeugungen, mit antichristlicher Schlagseite definiert und von christlicher Seite öffentlich kaum in Frage gestellt.
Toleranz ist ein Leitbegriff unserer Kultur, gilt jedoch nicht für bestimmte Gruppen: nicht für Pro-Life-Gruppen, kaum mehr für Leute, die das Konzept „Ehe für alle“ ablehnen oder muslimische Einrichtungen kritisieren und Religionsfreiheit einfordern.
Wie konnte es so weit kommen? „Wir sind Zeugen zweier Strömungen, die zusammenfließen,“ sagt Dominique Rey, Bischof von Fréjus-Toulon, „einerseits ein Laizismus, der (..) die Gläubigen in die Privatsphäre verbannt und für den jedes religiöse Bekenntnis banal erscheint oder gar stigmatisiert gehört – und andererseits ein überwältigendes Aufkommen des Islam, der die Ungläubigen und diejenigen angreift, die den Koran ablehnen. Auf der einen Seite werden wir von den Medien verspottet ..., auf der anderen gibt es die Stärkung des islamischen Fundamentalismus. Dies sind zwei gemeinsam auftretende Realitäten“ (Interview mit der italienischen Zeitschrift Il Timone, August 2019).
Zu diesen beiden Strömungen kommt noch ein religiöser Analphabetismus fortgeschrittenen Grades bei Führungskräften, der zu Missverständnissen darüber führt, was persönlicher Glaube und legitime Rolle der Religion in der Öffentlichkeit bedeuten. Aus dieser Schieflage lassen sich manche Verhaltensweisen erklären, für die man sonst nur Feigheit oder Opportunismus als Motive parat hätte: das Schweigen gegenüber dem Genozid an Chris­ten im Nahen Osten, den Massakern in Teilen Nigerias und die Ignoranz gegenüber christlichen Konvertiten unter Asylwerbern oder das unbeholfene Kleinreden der zahllosen Akte des Vandalismus an und in Kirchen Frankreichs, Spaniens und auch Deutschlands.
„In der Vergangenheit,“ so Bischof Rey weiter, „lebten selbst diejenigen, die sich als Nichtchristen bezeichneten, in einem vom Christentum geprägten kulturellen Kontext (...) und so wurde der Ausdruck des Heiligen respektiert, auch wenn man kein Christ war. Wir stehen vor einer ernsthaften Bedrohung der Religionsfreiheit. Säkularismus darf keine Ablehnung des Religiösen sein, sondern ein Neutralitätsprinzip, das jedem die Freiheit gibt, seinen Glauben auszudrücken.“
Angesichts dieser Lage ist es die Aufgabe von Bischöfen, Pries­tern und Laien, den wahren Charakter der Menschenrechte und besonders der Religionsfreiheit gelegen und ungelegen zu erklären und so die Rechte aller Gläubigen zu schützen. Heute wird praktizierter Glaube in der westlichen Welt zunehmend mit Bigotterie, Intoleranz oder gar Rassismus gleichgesetzt, vor allem in den Köpfen junger Menschen. Gymnasien und Universitäten lehren nicht mehr die Bedeutung und den Wert der Religionsfreiheit – in den USA einst als „erste Freiheit“ bezeichnet –, sondern einen diffusen, relativistischen Toleranzbegriff.
Diese Entwicklungen sind für alle Bürger gefährlich. Die Gründer der USA wollten z.B. sicherstellen, dass die Religion eine zentrale Rolle im öffentlichen Leben spielt. Sie sahen im Christentum zurecht eine Quelle der Menschenwürde, der Gleichheit und anderer Grundfreiheiten. Sie wussten, dass Religion die Macht der Regierung einschränkt, eine „tugendhafte Bürgerschaft“ unterstützt und den Erfolg der Demokratie selbst gewährleistet.
Heute wird Religionsfreiheit fälschlicherweise eher als Schutz gegenüber Bevormundung durch Religion verstanden und gelehrt, um den praktizierten Glauben vom öffentlichen Leben fernzuhalten und die Öffentlichkeit vor der Religion zu schützen. Die Gründerväter unserer freiheitlichen Verfassungen sahen es genau umgekehrt: Religionsfreiheit als Garantie für die freie Ausübung des Glaubens gegenüber der Regierung.
Was können wir Christen also tun, um den notwendigen Freiraum gegen ein immer enger geschnürtes Korsett zu verteidigen? Über die notwendige Macht des Gebets hinaus sollten wir Antworten auf die herrschende Intoleranz besser verstehen und dann beginnen, unsere Umgebung für das Schicksal jener unserer Geschwister zu interessieren, deren Rechte auch in Europa eingeschränkt werden, sobald sie ihren Glauben in Beruf und öffentlichem Engagement ernstnehmen.



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