VISION 20001/2022
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Gott hat Zukunft für uns – eine Zukunft voller Leben

Artikel drucken Die Berufung der Christen: Anderen Hoffnung zu vermitteln (Anna Diouf)

Was das gesellschaftliche Umfeld für wertvoll und wichtig für das Leben hält, diese Wertung färbt automatisch auf den einzelnen Menschen ab. Sich diesem Einfluss zu entziehen, fällt schwer. Für Christen stellt dies eine Herausforderung dar: Sich die Sichtweise Gottes in Erinnerung zu rufen, um auf Seinen Wegen zu bleiben.


Die deutsche Sprache kennt einen schönen, leider aus der Mode gekommenen Ausdruck für Schwangerschaft: „Guter Hoffnung sein.“ Einerseits spiegelt sich darin eine Haltung wider, die ein Kind als etwas Positives betrachtet: Es ist weder ein unerwünschter Eingriff in den eigenen Lebensentwurf, noch eine Bedrohung der Selbstverwirklichung, noch – rein materiell betrachtet – eine finanzielle Katastrophe, sondern ein Segen. Diese lebensbejahende und das Leben ehrende Einstellung verdanken wir dem jüdisch-christlichen Menschen­bild: Der Mensch ist von Beginn an von Gott gewollt und um seiner selbst willen geliebt.
Diese Überzeugung war in Europa so lange eine selbstverständliche Grundlage der gesellschaftlichen Ordnung, dass nur noch wenigen bewusst ist, dass es sich, ganz abseits vom Glauben, um eine bahnbrechende kulturelle und soziologische Errungenschaft handelt: Denn daraus ergibt sich, dass wir letztlich nicht von der Wertschätzung oder Zustimmung anderer abhängen.
Niemand muss durch Leistungen seinen Wert beweisen. Weder intellektuelle Exzellenz noch moralische Höchstleistungen definieren uns: Gottes Liebe spricht ihr „Ja“ zu uns, und es ist Seine unendliche Würde, an der wir als Seine Geschöpfe und als Seine Kinder Anteil haben.
Ausgerechnet den Begriff „Hoffnung“ als Ausdruck für Schwangerschaft zu bemühen, hat aber noch eine weitere Dimension: Schließlich ist eine Schwangerschaft mit vielen Unsicherheiten und Sorgen verbunden, sie ist beschwerlich und keineswegs ohne Risiko für die Mutter.
Heute wird Hoffnung häufig als Schön-Wetter-Tugend betrachtet: Wir sprechen oft erst dann davon, wenn sich eine positive Entwicklung bereits abzeichnet. Im Christentum dagegen ist ihr Symbol der Anker. Er bezeichnet das, woran man inmitten der Unsicherheit und Gefahr festhält, gerade gegenüber einer Zukunft, die noch im Dunkeln liegt.
Dieser Hoffnungsbegriff ist nur deshalb nicht irrational und die Wirklichkeit verweigernd, weil er auf dem Evangelium beruht: Wir wissen durch die Überlieferung, dass die Erlösungstat bereits geschehen ist. Die Zukunft liegt in der Hand Gottes, der unser Heil bereits erwirkt hat – durch die Empfängnis und Geburt eines Kindes.
In der Menschwerdung Christi erfährt der Begriff „gute Hoffnung“ also seine tiefste Berechtigung, denn dieses Kind bietet nicht zuerst die Aussicht auf ein besseres irdisches Leben, sondern schenkt das ewige Leben, ist das Leben selbst. Unser Hoffen richtet sich nicht auf einen Wunsch, sondern auf eine Wirklichkeit.
Eine Gesellschaft, die sich vom Christentum entfremdet hat, teilt diese Sichtweise nicht mehr.  Christliches Menschenbild und christlicher Hoffnungsbegriff sind unverständlich geworden. Der Mensch ist nicht mehr Ebenbild Gottes, das zum Guten berufen und zur Liebe befähigt ist. Er wird eher als Quelle der Probleme betrachtet, denen wir gegenüberstehen: Als Plage, die den Planeten auslaugt, als Gefahr für den Nächsten. Die Tugend des Menschen dagegen, unser Durchhaltevermögen in schwierigen Situationen, unsere Innovationskraft, all das Potenzial des Menschseins wird ausgeblendet und nicht mehr ausgeschöpft. So kann auch das Kind nicht mehr als lebendige Hoffnung und als Grund zur Freude betrachtet werden. Im Gegenteil.
Insbesondere in den jüngeren Generationen gewinnt eine Perspektive an Bedeutung, die den Menschen für einen Schädling hält. Und dies ist keine übertriebene Schreckensvision mehr. Tatsächlich wird immer wieder gerade in Bezug auf das Kind die Behauptung laut, Kinder seien „klimaschädlich“. Im Extremfall wird bereits propagandistisch dafür geworben, weniger oder keine Nachkommen zu zeugen. Dies ist der bisherige Höhepunkt einer zerstörerischen Entwicklung, die von Angst, Panik und Verzweiflung geprägt ist, die blind ist für das Gute: Zukunft soll ermöglicht werden, indem wir auf Zukunft verzichten.
Wir Christen haben jedoch keinen Grund, angesichts dieser Verwirrung zu verzagen. Die „Zeichen der Zeit“ fordern uns vielmehr heraus, mit neuem Mut für das Evangelium einzustehen. Denn sobald wir etwa die Sozialen Medien und die politischen Debattenräume verlassen, treffen wir auf Mitmenschen, die sich sehnlichst wünschen, hoffen zu können. Wir sind also gerufen, die christliche Hoffnung als Realität sichtbar zu machen: Durch unsere Freude, unsere Zuversicht, unsere Tatkraft. Wie sprechen wir über die Zukunft? Gehen wir mit innerem Frieden an die Herausforderungen unserer Zeit? Zeugen unsere Worte und Taten von unserer Liebe und Hochachtung für das Leben? Ist unser Glaube ein Mittel, um die Augen vor der Wirklichkeit zu verschließen, oder öffnet er uns die Augen für eine tiefere Wirklichkeit?
Wer nicht an das Evangelium Jesu Christi glaubt, muss es an unserem Beispiel erkennen können, um es bekennen zu lernen: Gott hat Zukunft für uns, und diese Zukunft ist voller Leben.

Die Autorin ist Redakteurin bei EWTN.TV.

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