VISION 20001/2022
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Die Stille Gottes hat mich geprägt

Artikel drucken Zwei Jahre als Geisel von Dschihadisten

Als Missionar im Niger, einem der ärmsten Länder Afrikas, tätig, wurde der italienische Priester 2018 entführt und zwei Jahre als Geisel festgehalten. Im folgenden Gespräch blickt er zurück auf diese zwei für ihn so prägenden Jahre.

Was geschah damals am 17. September 2018, als Sie in einem Dorf im Südwesten des Niger entführt wurden?
Pier Luigi Maccalli: Es war am Abend. Ich war zuhause in unserer Missionsstation von Bomang, einem Dorf 125 Kilometer südwestlich von Niamey, der Hauptstadt des Niger, in meinem Büro. Vor dem Schlafengehen bereitete ich eine kurze Predigt für die Messe am folgenden Tag vor. Plötzlich hörte ich Lärm vor dem Fenster. Ich dachte, es sei ein Tier. Als der Lärm andauerte, ging ich mit einer Lampe hinaus. Da umstellten mich mit Gewehren bewaffnete Leute, feuerten drei Schüsse in die Luft ab. Dann verlangten sie, ich sollte alles Geld der Pfarre herausgeben, was ich auch tat. Dann fesselten sie mir die Hände hinter dem Rücken, drängten mich hinaus, und wir marschierten bis zum Ende des Dorfes. Dort waren Motorräder. Sie setzten mich auf einen der Rücksitze, und wir fuhren los. (…)

Wohin haben die Entführer Sie gebracht?
Maccalli: Schon in der ersten Nacht überquerten wir die Grenze. Ich erkannte einige Orte, die ich als Missionar besucht hatte, insbesondere die Strohhütte des Dorfes Tula, wo ich die Messe gefeiert hatte. Dann kamen wir nach Burkina Faso. Dort hat man mich unter Sträuchern versteckt. Dort blieben wir zwei Tage. Am dritten wechselten wir den Standort. Und dann begann eine 17-tägige Reise auf dem Motorrad nach Mali.

Wie haben Sie das erlebt?
Maccalli: In der Nacht, in der ich entführt wurde, fragte ich die Entführer: „Wer seid ihr? Was wollt ihr?“ Sie sagten, wir würden zum Chef fahren und dann weitersehen. Diesen Chef habe ich nie gesehen. Am 5. Oktober waren wir schon weit vom Ort meiner Entführung entfernt. Am Abend kamen sie mit einer Kette daher. Sie haben mich an einen Baum gebunden. Auf diese Weise verbrachte ich 22 Tage. Dann kam ein Wagen, und man verlegte mich aus dieser Gegend mit Bäumen und Büschen in eine Wüste mit Sand und Dünen. Am 28. Oktober erschien ein Mann, der sehr gut Französisch sprach. Ich verlangte von ihm Erklärungen. Er teilte mir mit, dass wir ein Video drehen würden, das der italienischen Regierung beweisen sollte, dass ich noch am Leben sei. Ich sollte sagen, dass ich Geisel der GSIM sei, der Gruppe für die Unterstützung des Islams und der Muslime. Ich sagte, dass ich davon noch nie etwas gehört hatte. Sie gaben zur Antwort: „Du kennst Al Kaida. Wir sind davon eine Untergruppe.

Wie war Ihre Reaktion?
Maccalli: Da wurde mir klar, in welcher Lage ich mich befand. Ich begriff, dass ich Widerstand leisten – und auf einen guten Ausgang hoffen müsse. Der Ort, an dem ich mich befand, war komplett aus der Welt. Dünen, wohin man blickte. Dort haben sie mir die Ketten abgenommen. Es war ein Gefängnis mit offenem Himmel. (…)

Ohne mit jemandem sprechen zu können…
Maccalli: Ja. Die ersten sechs Monate war ich allein. Im März 2019 kam eine weitere Geisel, ein Italiener dazu. Luca (Tacchetto) war drei Monate nach mir entführt worden, im Dezember 2018, mit seiner kanadischen Freundin Edith. Die Entführer haben sie getrennt… (…)

Hat man versucht, Sie zu bekehren?
Maccalli: Klar, fast täglich! Bis zum letzten Tag. Sie erklärten mir, es sei ihre Aufgabe zu versuchen, mich zu bekehren. Würden Sie das unterlassen und eines Tages vor Allah stehen, würde er sie fragen, warum sie dieser ungläubigen Geisel nicht angeboten haben, gläubig zu werden. Ich gab ihnen immer zur Antwort: „Danke für Eure Sorge, aber ich halte an meiner Entscheidung fest, immer Jünger Christi zu bleiben.“

Was taten Sie tagsüber?
Maccalli: Am Morgen, wenn man uns die Ketten abnahm, machte ich einen Spaziergang, betete, nahm mir Zeit körperlich und seelisch auszuspannen. Ich machte mir einen Tee und das Mittagessen, das ich gegen 11:30 einnahm. Nachmittags musste man bei großer Hitze darauf warten, dass die Sonne weniger intensiv strahlte. Vor Sonnenuntergang machte ich wieder eine kleine Runde. Dann wurden uns wieder für die Nacht Ketten angelegt. Im letzten Jahr, nachdem Luca und Edith geflohen waren, bekamen wir auch Ketten an die Füße. (…)

Wie war Ihr Verhalten den Entführern gegenüber?
Maccalli: Meiner Meinung nach geht es bei der Mission zunächst um ein zivilisatorisches Werk, um die Achtung vor den Personen: um Gesundheit, persönliche Entfaltung, Bildung, um jedem die Chance zu geben, ein schönes, dem Menschen entsprechendes Leben zu führen. Ich habe mich daher bemüht, so gut wie möglich, mit diesen jungen Leuten auszukommen, für die ich betete: „Vater, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun! Sie sind so jung, indoktriniert, meist Analphabeten. Sie kennen nichts anderes, sind verletzt…“ Ich bemühte mich, kein Urteil zu fällen, sie nicht zu verurteilen, ihnen zu vergeben. Ich dachte, andere als diese Jungen, die mich bewachten, seien verantwortlich. Ich habe versucht, mich der Aufforderung des Evangeliums, unsere Feinde zu lieben, anzunähern. Deren Bedeutung wurde mir so recht bewusst, als ich den Koran las. Dort suchte ich nach einer ähnlichen Stelle – fand aber keine. Da gab es keine Botschaft von der Vergebung oder der Liebe, vor allem denen gegenüber, die nicht zu deinem Umfeld gehören. Da sagte ich mir: Das ist der hohe Maßstab des Evangeliums. Das hat meine Begeisterung verstärkt für die Mission, die ich aus Liebe zum Evangelium lebe.

Gab es in diesen zwei Jahren lichte, außergewöhnliche Erfahrungen?
Maccalli: Die Wüste hat mir drei Dinge geschenkt. Erstens eine intensive Beziehung mit allen unschuldigen Opfern. Zweitens, dass man auf das Wesentliche gestoßen wird. Mir wurde klar: Am schwersten zu ertragen, war nicht die Entbehrung konkreter Dinge, sondern das Fehlen von Beziehungen, die Unmöglichkeit, in Kontakt zu treten mit meiner Familie, mit Freunden, mit Gemeinschaften, mit Menschen, die ich liebe. Der Mensch ist Beziehung, ein Gewebe aus Liebe und Freiheit. Das dritte Geschenk: die große Stille.

Hat diese Sie näher zu Gott geführt?
Maccalli: Diese Stille, die mich umfangen hat, die um mich herum und in mir war, diese Stille Gottes hat mich zutiefst geprägt. So entdeckte ich, dass Gott Stille ist. Ich verkündige einen Gott, der das Wort ist: Das Wort ist Fleisch geworden. Als Missionare tragen wir diese Gute Nachricht bis zu den Enden der Erde. Aber dieses Wort ist in der Stille gezeugt. Sie ist wie der Uterus, in dem das Wort Gestalt annimmt. Jesus hat 30 Jahre in der Stille Nazareths verbracht, bevor er Seine Mission begann. Er starb am Kreuz und wurde in die Stille des Grabes gebettet. Das erste Wort als Auferstandener ist: „Shalom!“ Ich glaube, dass der Friede einer von Stille umhüllten Verkündigung bedarf. Jesus zog sich in die Stille der Nacht zurück, um zu beten, um eins mit dem Vater zu sein. Die Stille Gottes ist es, die das schöpferische Wort zeugt. Mittlerweile halte ich an jedem Tag einen Raum für die Stille frei.

Haben Sie diese Gegenwart Gottes während Ihrer ganzen Gefangenschaft erfahren?
Maccalli: Ja. Im Gebet erlebte ich eine gewisse Ruhe. Sogar, wenn ich zu Gott schrie. Denn mein großer Kampf glich dem des Hiob. Es war ein Kampf mit Gott, weil ich verstehen wollte, was mir da zustieß. Dann sagte ich mir aber auch, dass Jesus selbst am Kreuz geschrien hatte: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Warum sollte ich es dann nicht auch sagen? Ich sagte es aus der Tiefe meines Herzens. Es war kein verzweifeltes Gebet, sondern ein Schrei zu Gott. Wenn man leidet, kann man dies auf zweierlei Weise ausdrücken: schreien oder weinen. Mein Beten bestand aus Schreien und Tränen. (…) In Momenten großen Leidens schreit unsere menschliche Natur hin zu jener Gegenwart, an die man glaubt, die man nicht mit den Sinnen erfasst, die aber irgendwie gegenwärtig ist. Ich fühlte Seine Gegenwart, selbst in dieser Situation großen inneren Leidens.

Fiel es Ihnen nicht schwer zu beten, da sie nicht ein einziges Buch besaßen?
Maccalli: Nein. Aus dem Stoff, der uns vor der Sonne schützte, habe ich mir einen Zehner-Rosenkranz angefertigt, den ich stets ums Handgelenk trug. Ich betete auch Psalmen. Jeden Tag den Psalm 130: „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir“ (Ps 130), „Der Herr ist mein Hirte … Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht… Denn Du bist bei mir“ (Ps 23) Wenn ich zum Himmel blickte, konnte ich nicht anders, als sagen: „Sehe ich den Himmel … Mond und Sterne, die Du be­fes­tigt, was ist der Mensch, dass Du an ihn denkst?… Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott.“ Manchmal war es wie von Herz zu Herz mit Gott. Ich habe sogar irgendwie Messe gefeiert. Auch wenn ich keinen Wein hatte, bin ich abseits auf eine Düne gestiegen. Das war für mich der Wüsten-Altar. Auf diesem Altar hielt ich inne, dachte an ein Evangelium, betete für alle, die ich im Herzen trug und für alles, was so geschah, für den Frieden. Dann sprach ich die Wandlungsworte: Das ist mein Leib, hingegeben für euch, mein gebrochenes Herz. Ich habe Dir nichts anderes anzubieten, Herr. Jetzt, da ich wieder Eucharistie feiern kann, denke ich wieder daran. Und es verleiht Tiefe dem, was ich tue, was ich sage, den Messen, die ich als Priester seit 35 Jahren feiere.
Das Gespräch führte Jean-Marie Dumont für Famille Chrétienne v. 3.11.21

Pier Luigi Maccalli wurde zusammen mit anderen Geiseln im Herbst 2021 im Austausch gegen Djihadis­ten, die in Malis Hauptstadt Bamako gefangen waren, freigelassen.

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