VISION 20001/2022
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Glaube, der nach Freiheit schreit

Artikel drucken (Tatjana Goritschewa)

Ich gehöre zu der ersten Generation der Christen in der Sowjetunion. Unsere Bekehrung geschah vollkommen unerklärbar, durch die reine Gnade.
Wir waren in der Mitte des 20. Jahrhunderts in der sterilen Wüste geboren. Alles war unmöglich und verboten: eine bestimmte Literatur durfte man nicht lesen, nicht ins Ausland reisen und keine eigene Meinung haben. Aber in den 60- und 70er Jahren hat die sowjetische Jugend eine starke Sehnsucht nach anderen, wahren Werten gespürt. Der Nihilismus, die Verzweiflung waren absolut, so absolut, dass man keine Angst mehr vor den Starken dieser Welt gehabt hat.
Unser einziger Wunsch war, frei zu sein. Vor allem innerlich, geistig frei zu sein. Aber wir waren bereit für diese Freiheit alles zu opfern, ins Gefängnis zu gehen, das Leben zu verlieren. Gott hat uns zuerst geliebt. Fast alle kamen zum Christentum in einem reifen Alter. Die Einen durch die russische Literatur (Tolstoj, Dostojevskij, Gogol …), andere durch die westliche Existenzphilosophie – Kierkegaard, sogar Sartre (!!) – , die Dritten durch Jogapraktiken. In die wenigen Kirchen, die noch nicht zerstört waren, kam die russische Intelligenzija, Akademiker, Maler, Dichter, Wissenschaftler.
Die freiesten Menschen in der Welt haben den Gehorsam (Gott gegenüber) gewählt, um noch freier zu sein. Diese neuen Christen haben aktiv in der Öffentlichkeit gehandelt. Deswegen wurden sie verhaftet, in die Gefängnisse und psychiatrischen Kliniken geworfen. Aber man hat Märtyrer als Vorbilder gehabt. Die Verfolgten waren glücklich, für Christus zu leiden.
Es entstanden christlichen Gruppen für die Menschenrechte, die christlichen Untergrundseminare und die erste christliche Frauenbewegung. Man hat versucht, in der Mitte der sowjetischen Hölle eine neue Realität aufzubauen, das Gottesreich auf dieser Erde, aber diesmal mit Gottes Hilfe.

Die Autorin,  christliche Dissidentin und Herausgeberin von Untergrundzeitschriften, wurde 1980 aus der Sowjetunion ausgewiesen. Sie ist Autorin mehrer lesenswerter Bücher, ihr Text ein Auszug aus einem Brief aus St. Petersburg, verfasst am 27.12.2010.

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