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Die wahre Freiheit schenkte der Glauben

Artikel drucken Ein Topmanager blickt zurück auf eine Karriere, die im Gefängnis und in der Insolvenz endete

Erst als Chef des Medienriesen Bertelsmann, dann als Vorstandsvorsitzender des Karstadt Mutterkonzerns war er einer der Star-Manager: Ein Leben im Luxus. Dann der Absturz: Verurteilung zu drei Jahren Haft wegen Untreue, Verlust des Vermögens durch Privatinsolvenz, Scheidung nach 45 Ehejahren, eine schwere Auto-Immunkrankheit. Dr. Thomas Middelhoff weiß, wovon er redet, wenn er den Stellenwert der inneren Freiheit betont.

Herr Dr. Middelhoff, wann ist man für Sie ein freier Mensch? Worauf baut sich Ihrer Meinung nach Freiheit auf?
Thomas Middelhoff: Nach dem, was ich erlebt habe, hat Freiheit natürlich sehr viel mit physischer Freiheit zu tun. Der Inhaftierung in einem Gefängnis. Weisungsgebunden und in jeglicher Hinsicht unfrei. Ich glaube, jemanden in ein Gefängnis zu bewegen und der damit verbundene Freiheitsentzug, das ist eine der schlimmsten Strafen, die man sich vorstellen kann. Nach meinem Dafürhalten die stärkste Strafe. Die Todesstrafe braucht es für mich nicht. Wenn man weiter reflektiert, gibt es noch andere Fragen der Freiheit. Der geistigen Freiheit, der Freiheit von Konsum, von Statussymbolen. Durch die Tätigkeit als Freigänger in der Behindertenwerkstatt in Bethel sind mir viele Dinge sehr viel klarer geworden. Ich habe mich im Rahmen dieser Erfahrung von vielen Dingen frei machen können. Von Konsum oder Konsumsymbolen, von Statussymbolen. Früher war mir Reputation wichtig. Die Reputation ist mir genommen worden, ich habe sie verspielt. Die Meinung Dritter war mir wichtig. Auch hier habe ich mich frei machen können. Die geistige Freiheit, die eigentlich schon im Gefängnis einsetzte, als ich mich auf einmal mit Themen beschäftigt habe, die ich sonst nicht vor Augen hatte, war eine ganz besondere Erfahrung für mich.

Wenn Sie einem jungen Menschen erklären müssten, was Freiheit ist, was würden Sie ihm sagen?
Middelhoff: Innere Wahrheit gehört dazu. Auch sich selbst gegenüber. Ehrlichkeit. Natürlich gehört auch Verzeihen können dazu. Das was wir mehrfach täglich im Vaterunser beten: „Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Ich glaube, um frei zu sein, braucht man eine klare Definition für sich selber, wer man ist, welche Ziele man verfolgt und wessen es bedarf, um diese Ziele zu erreichen. Dass man sich mit dem definiert, was man von Gott mitgegeben bekommen hat: an Talenten, an Fähigkeiten, an Persönlichkeitsmerkmalen. Ich kann nur jedem raten, dass er sich selber frei macht von weltlichen Statussymbolen und von irgendwelchen Zwängen, die Erwartungen Dritter erfüllen zu müssen.

War „Big T“ – so wurden Sie früher genannt - auf seiner Yacht freier als heute? Haben Sie sich damals frei gefühlt?
Middelhoff: Ich habe mich damals frei gefühlt. Weil ich sagen konnte, wir fahren jetzt nach Mallorca oder Gran Canaria. Diesen Aspekt der Freiheit, der freien Wahl, den habe ich genossen. Eine andere Frage ist ja, braucht man notwendigerweise eine Yacht, um glücklich zu sein? Rückblickend ist meine Erkenntnis: Nein, braucht man nicht. Natürlich habe ich in der Hinsicht einen Vorteil gegenüber vielen anderen. Ich kann sagen: Ich habe eine Yacht gehabt. Ich kann aber als Zugabe noch hinzufügen: Die Yacht macht nicht glücklich oder frei. Sie hinter­lässt im Prinzip auch Leere. Durch Konsum und Anschaffung großer Dinge und Investitionen hat man keine Zunahme an Glück. Das hat mich das Leben gelehrt.

„Geld ist gedruckte Freiheit", hat Dostojewski einmal gesagt. Viele Menschen sind der Meinung, Geld mache frei. Ist das so? Sie selbst haben sich damals an der Hotelbar mal gesagt: „Jetzt bist du frei.“ Das war, nachdem Sie die vielen Millionen Bonus für den AOL-Deal bekommen haben.
Middelhoff: Damals an der Bar in New York war meine Annahme, dass Geld frei machen würde. Ich hätte Dostojewski zu 100 Prozent zugestimmt. Damals habe ich mir gesagt, ,,Jetzt bist du wirtschaftlich frei.“ Tatsächlich ist aus dieser gemeinten, der gefühlten Freiheit eine Katastrophe entstanden. Denn mit der damit verbundenen Gier bin ich in mein Unglück gelaufen. Letztendlich habe ich dadurch alles verloren. Ich kann nur jedem, der glaubt, Geld mache frei, sagen: Das ist ein Irrglaube. Geld macht überhaupt nicht frei. Frei macht die Tatsache, wie man sich selber definiert. Wie unabhängig oder abhängig man ist, von anderen, von der Meinung anderer. Die geistige Freiheit: die Freiheit, die man im Glauben findet.

Der 14. November 2014. Mit Sicherheit das schlimmste Ereignis Ihres Lebens. Noch im Gerichtssaal sind Sie festgenommen worden. Vor den Augen der Familie. Was ist Ihnen da durch den Kopf gegangen?
Middelhoff: Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Ich war eigentlich unter Schock. Da gingen Gedankenstürme durch meinen Kopf und mein Gefühlsleben. Scham für und vor der Familie, vor der Öffentlichkeit. Die Frage, wie kann ich denen das überhaupt alles erklären. Dann natürlich das Gefühl der relativen Ungerechtigkeit. Dieses Urteil hatte ich nicht erwartet. Ich fühlte mich juristisch nicht schuldig. (…) Dann kam es aber noch schlimmer. Es wurde übergangslos darauf hingewiesen, dass ein Haftbefehl gegen mich zu verlesen sei. Wegen Fluchtgefahr. Weil ich meinen ersten Wohnsitz in Frankreich hatte. Das war natürlich ein totaler Schock. Der Gerichtssaal musste geräumt werden. Meine Familie – ich werde nie das Bild meiner Frau vergessen, die ihre linke Hand vor ihren Mund presste und einen Weinkrampf bekam, meine Jungs fassungslos, guckten mich mit geröteten Augen an. Das ist wirklich schwer zu ertragen.

Werden Sie das jemals zu 100 Prozent verarbeiten können?
Middelhoff: Nein, das werde ich nicht. Ich gebe mir große Mühe. Es wirft mich nicht aus der Bahn. Es ist immer mal wieder ein Warnsignal. Aber dieses Gefühl, im Verhältnis zur Familie versagt zu haben, das werde ich nie verarbeiten können.
(…)
Kann man in einer Zelle frei sein?
Middelhoff: Ja, kann man. Wenn man dort wirklich vergeis­tigt arbeitet. Wenn man die Situation als Chance sieht. Ich habe selten so viel gelesen wie in der Gefängniszelle. 99 Prozent verbringen ihre Zeit vor dem Fernseher. Ich habe mich mit dem beschäftigt, was mir hilft. Was mich weiterbringt. Was mich verstehen lässt, wie ich in diese Situation kommen konnte. Ich habe im Gefängnis zwei Bücher geschrieben. Morgens bin ich sehr früh aufgestanden und habe den Tag mit der Bibellektüre begonnen.

Sie kommen aus einem katholischen Haushalt. Sie hätten im Gefängnis Ihren Glauben auch verlieren können. Warum ist Ihr Glaube im Gefängnis noch stärker geworden?
Middelhoff: Ich war immer schon praktizierender Christ, aber eben nur formal praktizierend. Wenn ich über einen Sonntag beispielsweise in New York war, bin ich immer schön in die St. Thomas Cathedral, 5th Avenue in die Kirche gegangen. Den richtigen Zugang zu Gott aber, den habe ich nicht wirklich gefunden. Im Gefängnis kam dann relativ schnell der Gedanke auf, es muss ja Gründe geben, warum du hier bist. Und was für einen Grund könnte es geben, dass Gott der Meinung ist, dass du hier bist? Und auf der anderen Seite hatte ich das Gefühl entwickelt, egal was dir hier passiert, Gott lässt dich nicht fallen. Die Erkenntnis, dass Gott mir etwas zeigen wollte und seine Hände dabei schützend unter mich gehalten hat, das hat den Glauben in mir stärker werden lassen.
Bei alldem, was mir passiert ist, hätte ich auch richtig ins Bodenlose stürzen können. Freiheit verloren, Reputation verloren, Gesundheit verloren, Vermögen verloren, Familie verloren, ich hätte auch irgendwo unter der Brücke enden können. Das ist aber nicht passiert. Auf Basis dieser Erfahrung kann ich eigentlich allen Menschen nur Mut machen. Allen, die mal eine ganz schreckliche Phase durchleben müssen, kann ich nur Mut machen. Es gibt viel schlimmere Einzelschicksale als das subjektiv Empfundene, und sie können sich darauf verlassen, dass Gott einen nicht fallen lässt.

Im Gefängnis geht es immer auch um Schuld und Schuldeingeständnis. Erst wenn man sich die Schuld eingesteht, sich selbst und dem Rest der Welt ehrlich eingesteht: „Ich bin es gewesen“, erst dann kann man frei sein. Kann man ganz frei sein ohne Schuldeingeständnis?
Middelhoff: Ich halte das für eine ganz zentrale und wichtige Frage. Wenn man sich im Gefängnis aufhält, und Sie begegnen Mithäftlingen, dann ist es in der Regel so, dass jeder unschuldig im Gefängnis sitzt. Jeder beteuert seine Unschuld. Bei mir kam erschwerend hinzu, dass ich mich tatsächlich juristisch unschuldig gefühlt habe und das auch heute noch tue. Wenn man sich mit seiner juristischen Schuld befasst und dann zwei Schritte weiter geht, dann kommt man auch zu der Frage, gibt es eigentlich eine moralische Schuld? Und die halte ich eigentlich für sehr viel gravierender. Und ich habe im Sinne von moralischer Schuld große Fehler gemacht in meinem früheren Leben.
Da habe ich Teile meines Charakters, meiner Prägung, die ich eigentlich durch mein Elternhaus mitbekommen habe, verloren. Und das bedauere ich zutiefst. Das kann ich aber leider nicht ungeschehen machen. Meiner Meinung nach bin ich irgendwelchen Dritten dafür aber keine Rechenschaft schuldig. Ich bin Gott gegenüber Rechenschaft schuldig. Ich lege keine Buße vor anderen Menschen ab. Was ich zu büßen und zu bereuen habe, das mache ich mit Gott aus.
Vor kurzem hat der Harvard Professor Clayton Christensen bei einem TED Talk sehr treffend gesagt, „der normale Mensch heute definiert sich immer relativ zu anderen. Also das, was der andere hat, darf ich auch haben und was der andere nicht haben darf, darf ich auch nicht haben.“  
In der letzten Sekunde seines Lebens tritt man nämlich vor jemand anderen, und der urteilt nicht horizontal, sondern vertikal. Also nicht, hat Middelhoff sich gegenüber X, Y oder Z richtig verhalten, sondern hat sich Middelhoff gegenüber mir, den Werten und Prinzipien gegenüber, richtig verhalten? Das habe ich einen Teil meines Lebens nicht getan, und das bedauere und bereue ich zutiefst.
(…) Meine Frau und ich haben uns am 19. Mai 1971 kennengelernt. Wir sind eine wahnsinnige Lebens- und Wegstrecke zusammen durch dick und dünn gegangen. Sie hat mir nie einen Anlass gegeben, und trotzdem habe ich sie tief verletzt. Und das bereue ich. Mit dieser Schuld kann ich nur schwer umgehen.

Nach Ihrem 17. Lebensjahr waren Sie nicht mehr beichten. Bis Sie im Gefängnis saßen. Warum der Gang zur Beichte?
Middelhoff: Das war ein inneres Bedürfnis. Das erste Bedürfnis war, das Alte Testament oder überhaupt die Bibel zu lesen. Kurz nach diesem Impuls des Bibellesens kam der Gedanke: Wann warst du eigentlich zum letzten Mal beichten? Das hat mich offensichtlich vorher schon im Unterbewusstsein beschäftigt. Für mich war jetzt und hier der richtige Ort, die Beichte abzulegen. Hier in der kleinen improvisierten Sakristei der Gefängniskapelle. Das war schon eine interessante Erfahrung. In ihrer Wirkung enorm befreiend. Ich hatte das Gefühl, dass Tonnenlasten von mir genommen wurden. Ich glaube, wenn man das, was man falsch gemacht hat, vor Gott trägt und bereut, und dann Vergebung erfährt, das macht frei…

Das Gespräch führte Tobias Liminski für Grandios 4/2019 – siehe Besprechung der Zeitschrift Grandios auf Seite 21.

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