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Die Frau - Hüterin der Innerlichkeit

Artikel drucken Über den Vorrang der Frau (P. Marie-Dominique Philippe)

P. Marie-Dominique Philippe ist Gründer der Johannes-Gemeinschaft und einer der bedeutenden Theologen unserer Tage. Im folgenden Gespräch äußert er sich zur Stellung der Frau in der Schöpfungsordnung.

 

Für welche Ordnung ist die Frau verantwortlich?

P. Marie-Dominique Philippe: Um gut zu verstehen, was die Berufung der Frau nach dem Plan Gottes ist, muß man zuerst den Anfang des Buches Genesis lesen. Im ersten Bericht über die Schöpfung stehen der Mann und die Frau an deren Ende, geschaffen als Abbild Gottes" (Gen 1,27), gleich an Würde und dem ganzen Universum überlegen: sie sind dessen Regenten. Der zweite Schöpfungsbericht enthält eine Präzisierung: Gott, der Herr, baute aus der Rippe, die er vom Menschen genommen hatte, eine Frau" (Gen 2,22). Die Frau ist somit das zuletzt geschaffene Wesen unter allen Geschöpfen.

Nun wissen wir aber: Was am Ende einer Entstehungsgeschichte" steht - betrachtet man die Realität in ihrer Entwicklung -, wird zum Ersten aus dem Blickwinkel der Weisheit.

Die Frau ist Quelle der Liebe, wir sehen es ja im Familienleben. Es ist ihre Liebe als Ehefrau und Mutter, die in der Familie die Einheit, also auch den Frieden, bewahrt. Sie ist es, die die Liebe ihres Ehemanns erweckt. Sicher können die Rollen manchmal vertauscht sein, aber meist ist es die Frau, die die eheliche Liebe belebt und wiederbelebt - ein bißchen so wie beim Holzfeuer im Kamin: Die Flamme flackert auf, wird hell, verschwindet, um gleich wieder aufzulodern. Die Frau ist es, die brennt und unermüdlich Liebe erweckt.

Die Kirchenväter rückten das Wirken Gottes, der wie ein Chirurg Eva aus der Seite Adams hervorzieht, ins Licht. Die Väter betonten den Ursprung Evas und stellten fest, daß sie weder dem Kopf entsprungen war - dann wäre sie nämlich nur eine Arbeitskollegin geworden -, noch aus der Hand genommen war - sonst wäre sie eine Dienerin. Die Frau ist der Seite des Mannes entnommen, seinem Herzen: Das ist ihre Grundidentität, ihre eigentliche Würde. Indem sie Liebe erweckt, ist die Frau Quelle der Ordnung, und in dem Maß, in dem sie durch Selbsthingabe über sich hinauswächst, führt sie zum letzten Sinn: Es ist die Ordnung der Liebe.

Die Frau mag wohl Quelle der Liebe sein, aber ist sie nicht zunächst Quelle des Lebens durch ihre Mutterrolle?

P. Philippe: Ich würde sie nicht als Quelle des Lebens im eigentlichen Sinn des Wortes bezeichnen. Sie wirkt an der Entstehung des Lebens mit - mit ihrem Mann, aber auch mit Gott, was meist verkannt oder übersehen wird. Wenn die Frau empfängt, gibt sie dem Embryo ein Kapital an Erbanlagen mit: das Familienerbgut des Vaters und der Mutter. Sie überträgt ihm Anlagen und ist in dieser Hinsicht die materielle Ursache". Gott hingegen erschafft die geistige Seele, also philosophisch ausgedrückt, die formale Ursache": Gott blies in seine Nase den Lebensatem" (Gen 2,7). Die Seele eignet sich die Veranlagung an, nimmt sie in sich auf und erhebt sie zur Würde der nach dem Abbild Gottes geschaffenen" menschlichen Person. Selbst wenn wir den genauen Moment nicht kennen, in dem die Seele erschaffen wird, erscheint es mir wichtig, die materielle und formale Ursache auseinanderzuhalten und sie richtig einzuordnen: Die materielle ist der formalen untergeordnet. Diese Unterscheidung erlaubt es, die Rolle der Mutter zu präzisieren und zu würdigen, kommt ihr doch viel mehr Würde als einer einfach biologischen Funktion zu: Durch ihre Fruchtbarkeit ist sie gleichzeitig Gedächtnis und Hüterin der Familientradition, und sie wird zur Mitarbeiterin Gottes: Ich habe einen Mann vom Herrn erworben" (Gen 4,1), sprach Eva.

Kann es zu einer Konkurrenz zwischen der ehelichen und der mütterlichen Liebe kommen?

P. Philippe: Ist die Frau eine wahre Ehegattin, so wird sie auch eine echte Mutter sein. Liebt sie ihren Mann aufopfernd, so wird sie das auch als Mutter tun. So wie sie die Liebe ihres Mannes entfacht, so wird sie es auch verstehen, das Herz und den Intellekt ihrer Kinder zu erwecken. Sie wird sie Schritt für Schritt auf echte Werte hin ausrichten, auf Werte, die zu ihrer Vervollkommnung und Vollendung beitragen können. Sie wird sie vor Verführungen und Versuchungen, die sie von diesem Weg abhalten könnten, bewahren. Sie wird manche Entwicklungshemmungen erraten und manche affektiven Hemmungen. Sie wird es auch verstehen, im richtigen Augenblick zurückzutreten, damit der Jugendliche zu einer wahren Autonomie findet und auf seine Weise seine Verantwortung wahrnimmt.

Handelt es sich um eine wahrhaft christliche Mutter, so wird sie das Vorhandensein einer noch schlummernden Berufung erahnen. Darauf weist der Heilige Vater in seinem Gründonnerstagbrief an die Priester hin: Wieviele von uns verdanken ihre Priesterberufung ihrer Mutter!"

Die Mutter ist es, die das Kind zu seinem Glück führt. Wenn es auch zutrifft, daß ihrer Gegenwart umso mehr Bedeutung zukommt, je jünger das Kind ist, was einen gewissen Verzicht ihres Mannes verlangt, so ändern sich die Rollen in der Jugendzeit, wenn die Rolle des Vaters wichtiger ist: Er öffnet den Weg nach außen.

Handelt es sich aber um eine wirklich spirituelle eheliche Liebe, die aus der Selbstüberwindung gelebt wird, dann wird sich jeder von beiden im rechten Moment seiner Aufgabe stellen. Ist es nicht das Besondere an der Liebe, daß man dem anderen den Vorrang einzuräumen versteht?

Gibt es eine spezifische Form weiblicher Intelligenz?

P. Philippe: Von ihrer Natur her hat die Frau eine Nahebeziehung zum Stofflichen, was ihr eine größere Sensibilität und eine größere Ehrfurcht vor dem Leib verleiht, als der Mann sie besitzt. Vielleicht ist das auch auf ihre Verletzlichkeit zurückzuführen. Der Mann neigt leichter dazu, seinen Körper zur Selbstbestätigung und für Lusterfahrungen einzusetzen: Das sieht man besonders deutlich bei Wettkämpfen, wenn, ohne die Folgen zu bedenken, alle Arzneimittel recht sind, wenn sie nur die Leistung optimal steigern. Normalerweise hat die Frau einen wacheren und feineren Sinn für den Körper. Macht sie es aber dem Mann nach, um ihm auf seinem Terrain den Rang abzulaufen, so treibt sie es schlimmer als er, wird zur Rivalin statt zur Gefährtin. Die Frau ist weder dem Mann unterlegen, noch sogar auf ihn bezogen. Um seine Gefährtin und Hilfe zu sein, seine socia" (wie es die Theologen im Mittelalter ausdrückten), bedarf es einer vollständig erworbenen und gegenseitig anerkannten Autonomie, wobei Vorsicht geboten ist.

Meist nimmt sich das Mädchen den älteren Bruder zum Vorbild und vergißt dabei, daß sie damit auf Entwicklungsmöglichkeiten verzichtet, die ihrer besonderen Entfaltung dienen und zu rechter Zeit zu einem Gleichgewicht und zum sozialen Frieden beitragen. Durch ihre Fähigkeit, sich dem konkreten Gegenüber zuzuwenden, entwickelt die Frau eine intuitive Form der Intelligenz: Sie erkennt, welche Beziehungen herzustellen, welche Fäden zu knüpfen sind, während der Mann eher zur Abstraktion, zur Konsequenz, zu Logik neigt.

Durch ihr ausgeprägtes Vorstellungsvermögen versteht es die Frau, Situationen vorwegzunehmen und wahre Schätze an Einfällen zu entwickeln, sowohl im Gefühls- wie im künstlerischen Bereich. Dadurch ist sie eher in den der Wirtschaft nachgeordneten sozialen Sphären zu Hause. Sie versteht es, ein Klima zu schaffen, die Atmosphäre menschlich zu gestalten. Normalerweise ist ihr Verstand stärker philosophisch als der des Mannes, denn die Liebe drängt dazu, immer tiefer den Sinn zu entdecken - das ist ein Privileg. Wenn sie dieses mißachtet, so verhindert sie nicht nur, daß sie selbst ihr Glück entdeckt, sondern sie enthält es auch dem Manne vor, um ihn der Welt der Effizienz und des Wettbewerbs zu überlassen. Wer viel arbeiten muß, tut sich mit der Läuterung schwer, und es ist Aufgabe der Frau, ihn zu seinem Herzen zurückzuführen. Die intellektuelle Entwicklung der Frau wurzelt in ihrem Herzen und ist auf den Sinn ausgerichtet: Sie ist es, die vorbereitet und die vollendet.

Ist die Frau letztendlich die Hüterin und die Garantin der Wahrheit, die freimacht"?

P. Philippe: Ja, durch Vermittlung der heiligsten Jungfrau Maria. Gewissermaßen dem Herzen des Menschen entnommen, besitzt die Frau von ihrem Naturell her eine größere Innerlichkeit als der Mann, sie ist jungfräulich. Es ist die Liebe, die sie in dieser Reinheit bewahrt. Um in ihr zu bleiben, braucht sie einen großen Durst nach Wahrheit, eine Bereitschaft, auf das Scheinen" zu verzichten, eine gewisse Stille anzunehmen, nach dem Vorbild der Gottesmutter, die alles in ihrem Herzen bewahrte" (Lk 2,51).

Wenn die Frau diese Innerlichkeit nicht mehr bewahrt, diesen Raum der Zweckfreiheit, steht sie nicht an erster Stelle in der Ordnung der Liebe. Das ist ihre besondere Würde, verborgen zu sein wie eine Quelle und fruchtbar wie eine gut getränkte Erde. Aus dieser Innerlichkeit erlangt sie ihren Schwung und schöpft sie ihren Wagemut. Durch ihre intuitive Intelligenz und geniale Vorstellungsgabe bietet sie dem Käfig der Logik, in dem sich der Mann viel leichter einsperrt, die Stirn. So wie sie durch ihre biologische Ausstattung Mutter ist, so ist sie durch ihre Begabung zur Innerlichkeit fähig, intellektuell und spirituell fruchtbar zu sein. Läßt sie sich wirklich vom Heiligen Geist erfassen, wird sie zum Zeichen der Hoffnung. In Zeiten schwerer Krise, wie wir sie heute erleben, in einer Krise, deren Ausmaß und Tiefgang rapid zunehmen, ist die Hoffnung wichtiger denn je: Denn bei Gott ist nichts unmöglich." (Lk 1,37)

Auszug aus einem Interview mit P. Marie-Dominique Philippe, dem Gründer der Johannes-Gemeinschaft. in Famille Chrétienne" v. 7.9.95. Das Gespräch führteMaryvonne Gasse.

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