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Ein Prophet der Freude

Artikel drucken Philipp Neri-Biographie (Paul Türks; Wolfram Schrems)

Philipp Neris Zeitgenosse Ignatius empfiehlt in seinem Exerzitienbuch während der geistlichen Übungen nichts zu lesen außer - und auch nur in Maßen - die Bibel und Biographien der Heiligen. Der Rezensent kann bestätigen, daß das ein brauchbarer Rat ist. Die Lektüre der Heiligenbiographien - nahrhafte Kost - verfehlt normalerweise bei Exerzitien ihre Wirkung nicht. Vorausgesetzt natürlich, es handelt sich um gute, realistische, vom Licht des Glaubens beleuchtete, aber nicht unerträglich frömmelnde Lebensbeschreibungen.

Eine solche legt Paul Türks, Priester des von Philipp Neri gegründeten Oratoriums, dem interessierten Leser vor. Er bietet auf über 200 Seiten ein geistesgeschichtliches Bild Roms im 16. Jahrhundert, in dem mit der Renaissance und dem Humanismus das Heidentum geradezu propagiert wurde und das Volk sich von der Kirche immer mehr abwandte."

In Philipp brannte ein Feuer, womit seine Umgebung anzustecken ihm gegeben war. Der Heilige war ganz brennend vor Liebe." Der Autor illustriert das mit zahlreichen, häufig skurrilen und überraschenden Anekdoten und Aussprüchen Philipps. Seine Person und sein Wesen tritt dem Leser deutlich vor Augen - so beispielsweise seine souveräne innere Weltdistanz: Weder das Leben am Hof noch im Beruf oder bei der Arbeit ist ein Hindernis, wenn man Gott dienen will."

Philipp hatte mit einzelnen Päpsten, Kardinälen und anderen Würdenträgern immer wieder große Schwierigkeiten. Und zwar mit solchen, die man später als Heilige erkannte (Papst Pius V. und Kardinal Karl Borromäus) ebenso wie mit solchen - Bürokraten und Neidern -, die auf Philipp eifersüchtig waren.

Dennoch: Obwohl auch Philipp die Reform mit ganzem Herzen herbeisehnte, ... vergaß er nie Gehorsam und Achtung gegenüber der Autorität der Kirche, eine Achtung und einen Gehorsam, ohne die jeder Versuch einer Reform der Kirche die Übel nur vergrößert und verschlimmert."

Der Rezensent kann das Buch also sehr empfehlen, zum einen, weil es flüssig und unterhaltsam - bei souveräner Beherrschung der historischen Quellen - und mit großer Liebe geschrieben ist. Zum anderen, weil Philipp Neri selbst, der vor Eifer für Gott brennende und zugleich im Weltgetriebe so gelassene Prophet des weltüberwindenden Humors in der Kirche Christi, die Lektüre lohnt.

Philipp könnte heute ideologische Verbissenheit und bedrücktes Lebensgefühl gleichermaßen lösen und Feuer dahin werfen, wo nur mehr Langeweile, Überdruß und Ironie herrschen. Und im übrigen findet es der Rezensent sehr tröstlich, daß die Kirche am selben Tag so unterschiedliche, ja gegensätzliche Typen der Verwirklichung des christlichen Glaubens als heilig erklärt hat wie Teresa von Avila, Ignatius von Loyola, Franz Xaver, Isidor, den Arbeiter, und eben Philipp Neri.

Wolfram Schrems

Philipp Neri - Prophet der Freude.
Von Paul Türks.
Verlag Neue Stadt. München 1995

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