VISION 20001/2007
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Unvorstellbar wunderbar - und was für ein Genuß!

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Wie nahe sind wir dem Ende? - eine meist ängstlich gestellte Frage. Sie verstellt die Sicht auf die Herausforderung der Gegenwart und das Wunderbare, das uns erwartet. Gespräch mit dem Autor des Buches Der Geist der letzten Tage.

An welcher Stelle des Dramas der Weltgeschichte befinden wir uns Ihrer Ansicht nach in unserer Zeit? Am Anfang oder eher am Ende?

Jean-Marc Bot: Seit der ersten Ankunft Christi in der Geschichte befinden wir uns in der Endzeit. Aber wie lange diese dauert, das weiß Gott, der Vater, allein. Unser Zeitalter hat vieles mit anderen Epochen der Weltgeschichte gemeinsam. Das Besondere an ihr ist, daß erstmals - und zwar seit den beiden Weltkriegen - Gut und Böse miteinander auf Weltebene konfrontiert sind. Die Krise ist weltweit geworden, sowohl was ihre Ausdehnung wie auch ihre Intensität betrifft.

Aber es geht doch immer noch um denselben Einsatz?

Bot: ..., der das Heil der Menschen und der Welt, der Geschichte und der Zeit ist - für die Ewigkeit. Und es ist stets derselbe Kampf zwischen Satan, der als Herrscher der Welt regieren, alle Macht an sich reißen will, und Christus.

Sollte man da nicht ein christliches Machtzentrum einrichten, um die Macht des Bösen zu bekämpfen?

Bot: Davon träumen einige Katholiken - die einen unter dem Banner von Krone und Kreuz, die anderen unter dem von Hammer und Sichel. Jedes Zeitalter wollte Jesus zu einem zeitlichen Herrscher umfunktionieren. Aber dieser wiederholt, was Er schon Pilatus gesagt hat: “Mein Reich ist nicht von dieser Welt." Seit Paul VI. haben die Päpste übrigens nicht mehr von der “Christenheit" gesprochen, sondern von der “Zivilisation der Liebe". Manche Katholiken haben das noch nicht wahrgenommen, andere wollen es nicht wahrhaben.

Warum hat man da zurückgesteckt?

Bot: Weil “gute Strukturen" - vorausgesetzt sie sind gut - nicht notwendigerweise eine Bekehrung zum Evangelium erzeugen. Weil man die Zivilisation der Liebe zunächst nicht durch politische Mittel herbeiführen kann, sondern vor allem durch die ansteckende Kraft der Liebe und das Feuer von Pfingsten. Daher setzen sich die Päpste ohne Unterlaß für die massive spirituelle Erneuerung der Basis ein, in der Hoffnung, daß dies langfristig auch die Mächtigen “anstecken" werde. Man kann hoffen, daß wir eine Periode vor uns haben, in der die Kultur, das geistige Klima im Gefolge einer gottgewirkten Evangelisation christlich durchstrahlt werden.

Sie erwähnen eine Reihe von Gesetzmäßigkeiten, von denen Jacques Maritain gesagt hat, daß sie die geschichtliche Entwicklung prägen...

Bot: Ja. Das zentrale und wichtigste Gesetz ist das des gleichzeitigen Fortschritts von Gut und Böse. Genau das ist der Grund, warum Christen nicht von einem idealen Zeitalter der Geschichte oder der gesellschaftlichen Herrschaft des Guten träumen dürfen, in der es gelingen würde, das Böse allgemein auszumerzen. Alle Ideologien des Fortschritts und alle Traditionalismen sind diesem Traum gefolgt. Die Verheißung Christi hingegen ist, daß dieses Reich zwar kommt - aber erst am Ende der Geschichte. Der Realismus der Hoffnung verlangt von uns, auf die Wiedererlangung des irdischen Paradieses innerhalb der Geschichte zu verzichten. Dieser Traum endet immer mit einem Albtraum.

Woher läßt sich dieses Gesetz ableiten?

Bot: Aus dem Gleichnis vom Weizen und vom Unkraut. Es erteilt uns drei weitere entscheidende Lehren: Die erste betrifft die Verzögerung des Gerichts: Dem ungeduldigen Wunsch nach Gerechtigkeit stellt Jesus Vorsicht, Geduld und Respekt entgegen. Träumen wir also nicht zu schnell von einer Endlösung, die auf menschlicher Gerechtigkeit beruht. Diese ist zu unscharf, um vor Irrtümern gefeit zu sein...

Zweite Lehre: Wir müssen zur Kenntnis nehmen, daß ein Schleier des Nichtwissens unser Urteilen behindert. Die Demut verbietet uns, letztgültige Urteile aufgrund trügerischen Scheins zu fällen. Die Achsen des Guten und des Bösen liegen anders, als wir spontan annehmen. Auf diesem Gebiet ist allein Gott unfehlbar.

Die dritte Lehre betrifft die “Söhne des Reichs" und jene des Bösen. Gott bleibt es vorbehalten, den guten Weizen vom Unkraut im Hinblick auf die ewige Bestimmung zu unterscheiden. Bis zum Endgericht bleiben die Karten gemischt. Wir haben wirklich keine Ahnung, wer verlorengeht und wer gerettet wird... Also richten wir nicht, damit wir nicht gerichtet werden!

Ein weiteres Gesetz wird als das der Intensivierung des Konflikts bis zu seinem Höhepunkt am Ende der Zeiten bezeichnet. Das ist ja ein richtiges Programm...

Bot: Da Gut und Böse gleichzeitig wachsen, erhöht sich die geistige Spannung im selben Maß. Die ganze Welt befindet sich in einer Dauerkrise, stürmische Zeiten und Flauten wechseln einander ab. Weltweit kann man beobachten, wie der Spieleinsatz in allen Bereichen anwächst. Je weiter die Zeit voranschreitet, umso höher die Spannung zwischen dem Wort und dem Anti-Wort. Der Fortschritt im Bereich der Kommunikationsmittel gibt den Takt an.

Wir gehen auf den “Endkampf" zu, um ein von den Kommunisten gebrauchtes Wort zu verwenden. In diesem Kampf stehen einander nicht klar unterscheidbare Lager von Guten und von Bösen gegenüber, sondern die von Augustinus unterschiedenen zwei Reiche: jenes, das auf der Liebe zu sich selbst bis zur Verachtung Gottes aufbaut, und jenes, das auf der Liebe zu Gott bis zur Selbstverachtung gründet. Zwei Haltungen, die tief im Inneren des Menschen miteinander ringen, und nicht zwei soziale oder religiöse Blöcke, die von außen erkennbar wären. Die beiden Reiche nenne ich den Christus- und den Antichristenpol. (...) Nur Gott kann die Tiefe und Echtheit des Glaubens erforschen. Je größer der Druck wird, umso mehr werden die Leute dazu gedrängt, sich in der Tiefe zu offenbaren. Das wird wie ein Vorgriff auf das Endgericht sein - das, was Jesus die “Ernte" nennt. Zug um Zug wird der Schleier über die Zugehörigkeit der einen und der anderen zu den jeweiligen Polen gelüftet.

Hat man davon nicht schon eine gewisse Vorahnung heute?

Bot: Meiner Ansicht nach besteht da noch keine Klarheit. Denn die beiden Pole sind noch nicht geeint. Der Christuspol ist weiterhin uneins: einerseits sind die Christen untereinander gespalten; andererseits haben Christen und Juden nicht zusammengefunden. Eines der wichtigsten Kennzeichen der Periode des Endes ist die Vereinigung dieses Christuspols. (...)

Ein anderes Gesetz behauptet, man könne das Ende der Zeiten “beschleunigen".

Bot: Durch unsere Heiligung und unsere Evangelisation. Der Heilige Petrus spricht ausdrücklich davon, “die Ankunft des Herrn zu beschleunigen". Wie? Indem man zur Reifung der Ernte beiträgt, die Heiligkeit in der Welt mehrt - in Qualität und Quantität. Tag und Stunde sind das Geheimnis Gottes. Aber sie hängen von Faktoren ab, die wir zum Teil beeinflussen: die Verstärkung der Heiligkeit. Das Martyrium erscheint als eine der Formen besonderer Heiligkeit. Und die Mehrung der Zahl der Geretteten: Die Apokalypse spricht vom Ende, wenn die Erwählten vollzählig sind. Eines ist sicher: Je näher das Ende kommt, umso wichtiger wird eine tiefe spirituelle Verankerung - und Mut.

Sie nennen eines Ihrer Bücher “Vivement le Paradis!" (Das Paradies, aber rasch!) Warum nicht “Vivement le Ciel!" (Den Himmel, aber rasch)?

Bot: Das Wort Paradies ist konkreter. Es ist dringend notwendig, unsere Vorstellungen über das Jenseits zu beleben, davon bin ich überzeugt. Ohne Bilder, wird die Hoffnung abstrakt - und oft leer. Daher greife ich das Wort Paradies auf, so wie Dante, so wie Jesus, der dem guten Schächer sagt: “Heute noch wirst Du mit mir im Paradies sein." Ich versuche Woody Allen Lügen zu strafen, der gesagt hat: “Die Ewigkeit dauert lange, besonders gegen Ende." Denn wir werden eine Überraschung nach der anderen, ein wunderbares Staunen nach dem anderen erleben...

Wird uns die selige Schau über jede Vorstellung hinaus erfüllen?

Bot: Und zwar genau weil sie nicht nur eine Schau sein wird, sondern ein Hören, Berühren, Schmecken, Riechen, ein Baden in Glückseligkeit! Nicht nur unsere Intelligenz, unser Herz, unsere Gefühle, unsere fünf Sinne werden erfüllt sein. Es wird die höchste Erfahrung umfassenden Genusses sein!

Der Autor ist Dompfarrer von Saint Louis, der Kathedrale von Versailles und Autor von “L'esprit des derniers temps", einem Buch über die Frage des Endes der Zeiten. Das Gespräch führte Luc Adrian in “Famille Chrétienne" v. 20.-26.3.2004

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