VISION 20001/2007
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Mach' etwas Schönes aus Deinem Leben

Artikel drucken Die Sonntagskultur: ein Vorgriff auf das Schöne, das uns erwartet (Von Urs Keusch)

Mir ist in den vergangenen Jahrzehnten als Seelsorger immer wieder aufgefallen, wie sehr die sensiblen Menschen, die tief empfindenden und religiösen Menschen an den Kränkungen, der Mißachtung, der Geringschätzung, der Zerstörung der Natur und der Schöpfung leiden und mitleiden - eine Zerstörung, die vor allem mit der technischen und Industriellen Revolution seit über 200 Jahren globale und gigantische, ja, apokalyptische Ausmaße angenommen hat. Die Welt ist eine andere geworden. Max Thürkauf sagte einmal: “Das Antlitz des Materialismus ist die Häßlichkeit."

Wie oft haben mir Menschen - meistens waren es Frauen - gesagt: “Die Natur, die Schöpfung ist für mich der Ort, wo ich auftanken kann, wo ich Gottes zärtliche Liebe und Nähe erfahren kann, wo mir Kraft geschenkt wird für den Alltag. Nirgends kann ich besser zu Gott finden als in der Natur."

Warum ist das so? Warum ist die Schöpfung ein Ort der zärtlichen Begegnung mit dem Geheimnis der schöpferischen Liebe Gottes? Eine große, eine sensible Frau, die Jüdin Simone Weil, hat darüber nachgedacht - und es wurden ihr wunderbare Einsichten geschenkt. Sie schreibt in einem ihrer Werke: “Die Schönheit der Welt ist Christi zärtliches Lächeln für uns durch den Stoff hindurch. Er ist wirklich gegenwärtig in der Schönheit des Alls." Ein anderes Zeugnis eines Naturwissenschaftlers: “Die Schönheit der Schöpfung ist ein Spiegel für das Antlitz Gottes" (Max Thürkauf).

Warum ist das so? Weil die Schöpfung durch Ihn und auf Ihn hin geschaffen ist (Kol 1,15-20). Weil Er das All trägt und erhält durch sein machtvolles Wort (Hebr 1,3).

In der Schönheit der Natur, der Schöpfung, des ganzen Universums leuchtet die Schönheit und Herrlichkeit des Antlitzes Christi auf. “Es gibt gleichsam eine Art Inkarnation Gottes in der Welt, deren Merkmal die Schönheit ist", fährt Simone Weil fort. Sie geht noch weiter und nennt die Schönheit der Schöpfung ein Sakrament: “Das Schöne ist wirklich die Gegenwart Gottes im Stoff, die Berührung mit dem Schönen im vollen Sinne des Wortes ein Sakrament."

Das Erlebnis der Schönheit in der Schöpfung ist darum eine wirkliche Kommunion mit dem Geheimnis der Liebe Gottes: mit Seinem Leben, mit Seiner Schönheit, mit Seiner Wahrheit, mit Seiner Güte und Weisheit. Die Schöpfung in ihrer unbeschreiblichen, herrlichen Schönheit trägt die göttliche Schönheit des Antlitzes Christi. Denn “Er ist der Schönste von allen Menschen" (Ps 45,3).

Man kann heute die Menschen nicht genug ermutigen, sich bewußt dem Schönen zuzuwenden, es aufzusuchen, es selber in ihrem Leben zu pflegen. Denn “das Häßliche wirkt depressiv, es ist der Ausdruck einer Depression. Es nimmt die Kraft, es verarmt, es drückt..." (Friedrich Nietzsche)

Gerade sensible Menschen, die in ihrer Lebensfreude und Vitalität durch das Häßliche, das sie umgibt - in den Medien, in der Depressivität der Massen, in den Betonwüsten etc. - stark angefochten sind: ihnen kann nicht genug angeraten werden, sich ganz bewußt und entschieden dem Schönen hinzugeben, nicht nur in der Kunst, vor allem der Musik, sondern vor allem in dem ursprünglich Schönen der Natur, der Schöpfung Gottes.

Das zarte Erlebnis der Schönheit in der Natur weckt die Liebe, es weckt die Lebensfreude, es weckt die Kraft, diese Welt und das eigene Leben zu lieben als ein herrliches Geschenk aus dem Geheimnis der Liebe Gottes. Und dieses Erlebnis befähigt uns, uns selbst für die Bewahrung der Schöpfung einzusetzen und selbst zu meiden, was die Natur, was die Schöpfung kränkt. “Wirklich, die Welt ist schön. Sind wir im Freien allein und aufmerksam, so bringt uns irgend etwas dazu, unsere Umwelt zu lieben." (Simone Weil)

Mutter Teresa hat immer wieder jungen Menschen und Paaren gesagt: “Machen Sie aus dem Leben etwas Schönes!" Was könnte das heißen?

Gib vor allem dem Sonntag wieder ein schönes Gesicht! Bereite Dich (zusammen mit Deiner Familie, wo das möglich ist) schon am Samstag darauf vor. Bereite Dich aufmerksam auf die Begegnung mit dem Herrn in der Heiligen Kommunion vor. Räume die Wohnung auf, mach sie sauber, mach sie schön. Zünde eine Kerze an, denn jeder Sonntag ist ein Ostermorgen. Ziehe Sonntagskleider an. “Zum Haus Gottes wollen wir ziehen in festlicher Schar, mit Jubel und Dank in feiernder Menge" (Ps 42,5).

Wo der Sonntag im Leben der Menschen und der Familie sein schönes Gesicht zurückerhält, dort ersteht die Freude am eigenen Leben wieder auf, dort grünen und blühen Alt und Jung, dort gießt der Himmel aus goldenen Schalen überfließend seinen Segen über die Menschen und Familien aus.

Mach aus Deinem ganzen Leben etwas Schönes, ob Du alt bist oder jung, allein oder verheiratet, gesund oder krank oder behindert. “Mit Gott fang an, mit Gott hör auf, das ist der schönste Lebenslauf." Gib Gott den ersten und bevorzugten Platz in Deinem Leben. Denn “Die Augen des Herrn ruhen auf denen, die ihn lieben." (Ps 34,19)

Mach Deinen Ort, wo Du lebst: deine Wohnung, dein Haus, dein Büro, dein Heim... zu einem Ort, der Wohnlichkeit ausstrahlt, Reinlichkeit, Ordnung, Harmonie. Stell ein Blümlein auf den Tisch!

Kleide Dich selbst schön und würdevoll: die Frau als Frau, der Mann als Mann. Meide alles Häßliche, Mondäne, Nachlässige in der Kleidung. Vergiß nie: Du bist nach dem Bild Gottes geschaffen. Du bist ein Bruder Jesu, Seine Schwester. “Halt an diesem stolzen Bewußtsein fest!" (vgl Hebr 3,6).

Du gehörst zur Familie Gottes. Du repräsentierst Deinen Glauben: nämlich Jesus Christus, die wahre Schönheit Gottes, den “schönen" Hirten, wie es im griechischen Urtext heißt. “Ich für meinen Teil wünsche, daß der fromme Mann, die fromme Frau stets die bestgekleideten, aber am wenigsten auffallenden und aufgeputzten in ihrer Umgebung seien" (Hl. Franz von Sales)

Simone Weil sagt einmal auch: “Die Schönheit ist für die Dinge, was die Heiligkeit für die Seele ist." Heiligkeit ist darum auch Schönheit und Schönheit liebt Heiligkeit und sie will zu ihr hinführen. Darum kann uns die ganz bewußte Hinwendung zum Schönen, die bewußte Aufmerksamkeit und Pflege des Schönen im eigenen Leben bewahren vor dem Ersticken in den Fluten des Häßlichen, Gemeinen und Dämonischen, die uns heute so ungehindert, frech und dunkel umspülen. “Fluten auch hohe Wasser heran, ihn werden sie nicht erreichen. (Ps 32, 6).

Noch ein wichtiger Gedanke: Der russische Philosoph Nikolai Berchiajew schrieb vor über 70 Jahren: “Der technische und ökonomische Fortschritt der modernen Zivilisation macht die menschliche Persönlichkeit zu seinem Werkzeug. Er fordert von ihr eine unaufhörliche Aktivität, will jeden Augenblick ihres Lebens für seine Zwecke ausnützen... Das bedeutet aber, daß der Mensch zu beten aufhört, die Schönheit nicht mehr schauen, nach der Wahrheit nicht mehr dürsten kann, - daß seine Beziehung zu Gott gelöst wird. Denn in der Kontemplation (Gebet) tritt der Mensch in Berührung mit der Sphäre der höheren Mächte und Werte. Wird die Kontemplation endgültig beseitigt, so muß der Mensch die geistigen Inhalte seines Lebens einbüßen, er wird in seinem Schaffen gelähmt und in seiner Existenz bedroht."

Dieses Wort kann nicht ernst genug genommen werden! Ohne Gebet können wir den dunklen zerstörerischen Mächten in unserer Welt nicht standhalten, sie nicht erkennen, sie nicht durchschauen und durchbrechen. Ohne Gebet erlahmen wir in der göttlichen Hoffnung, der Glaube verliert sein Licht, die Liebe bricht ein und mag sich nicht mehr zu erheben.

Das Gebet aber öffnet ein Oberlicht am Himmel. Durch dieses fließen uns Licht und Tröstung zu und alle Kräfte der Zuversicht. Im Gebet werden uns die Gaben der Erkenntnis geschenkt, tiefere Einsichten in die geistigen und verborgenen Hintergründe unserer Zeit, und wir vermögen die Zeichen der Zeit so zu deuten, daß wir von ihnen nicht übermäßig geängstigt werden.

Wer betet, der glaubt. Er glaubt dem Herrn, daß Er wiederkommt, daß Er herrlich im Kommen ist. Er glaubt, daß auch unsere verwundete Welt an der Auferstehung des verwundeten Leibes Christi Anteil hat und neu und herrlich und noch viel schöner geschaffen wird.

Er glaubt, daß alles, wirklich alles, auch das Böse in der Welt, einem verborgenen wunderbaren göttlichen Plan dienen und zur Verherrlichung der Barmherzigkeit unseres Vaters beitragen muß. “Alles jeglicher Art wird gut werden"¸ sagt Christus in den mystischen Schriften zur Hl. Juliana von Norwich. Und ihre Ermahnung gilt daher auch uns: “Unsere Seele soll beruhigt sein und in Frieden und in der Liebe bleiben und nicht all der Stürme achten, die uns an der wahren Freude in Gott hindern können."

Im Gegenteil: Wir wollen beten und hoffen, daß der Herr bald wiederkomme! Maran ata! Komm, Herr, Jesus! Komm!

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