VISION 20001/2007
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Zu jeder Zeit zutreffend

Artikel drucken Über den Stellenwert der Apokalypse

Die Apokalypse wird von der Verkündigung gemieden. Und dennoch: Das Buch, auf das die Heilige Schrift hinausläuft. Es zeigt uns Jesus in Seiner Herrlichkeit. Gespräch mit einem der großen Theologen des 20. Jahrhunderts.

Hat der heilige Johannes für eine bestimmte Zeit geschrieben?

P. Marie-Dominique Philippe OP: Für alle Zeiten. Die Apokalypse ist wahr für alle Perioden der Kirchengeschichte. Johannes hat kein mehr oder weniger chiffriertes Geschichtsbuch geschrieben. Man sagt, er habe für die große Verfolgung zur Zeit Neros geschrieben. Stimmt - aber nicht nur für sie! Die Apokalypse ist jenseits einer rein historischen Betrachtung anzusiedeln. Sie muß als Wort Gottes gesehen werden, das Johannes in der Ekstase erfahren hat, um unseren Verstand zu erleuchten, unsere Hoffnung zu stärken und um uns zu mehr Liebe zu verhelfen. Die Apokalypse ist wahr zum Zeitpunkt, da sie der Jünger empfangen hat, wahr, als der heilige Thomas sie kommentiert hat, und sie ist heute wahr. Ich hätte fast gesagt: Sie wird wahrer, weil wir uns dem Ende nahen - und sie ist ja für das Ende geschrieben. Ich glaube, sie ist tatsächlich in besonderer Weise für uns geschrieben, denn wir leben in Auseinandersetzungen solcher Intensität, daß wir überhaupt nichts mehr verstehen würden, wenn uns die Apokalypse nicht erleuchtete.

Inwiefern erleuchtet sie uns heute?

P. Philippe: Sie zeigt uns Jesus in Seiner Herrlichkeit - die einzige Vision, die wir besitzen. In den eschatologischen Kämpfen verdanken wir ihr den Blick auf den großen Sieg des Kreuzes.

Sie sprechen von besonders intensiven Kämpfen in unserer Zeit. Was meinen Sie damit?

P. Philippe: Ich denke, wir erleben derzeit jene äußersten Angriffe, von denen die Apokalypse spricht. Äußerst im Sinne von den “letzten" wie auch im Sinne von dem “was extrem ist, was weit über alles hinausgeht". Ich frage mich allerdings, ob es nicht eher äußerst im Sinne von den “letzten" ist. Jedenfalls ist es das Ende einer Generation, die Liquidierung einer ganzen Kultur, die christlich war, aber heute in keiner Weise mehr ist. Paul VI. sprach von “apokalyptischen Erschütterungen"! Wir stehen mitten in einem eschatologischen Zeitalter. Das letzte Zeichen, das dem Ende nächstgelegen, ist die Angst. Und unsere Periode ist von Angst erfüllt. Erinnert sei an das Wort von Johannes Paul II. bei seinem ersten Frankreichbesuch: Die Menschheit erlebt eine bisher nicht gekannte Versuchung, eine “Meta-Versuchung", also eine über andere Versuchungen hinausgehende: jene, daß der Mensch sich selbst rettet.

Können Sie das näher ausführen?

P. Philippe: Ich sehe heute zwei große Angriffe des Dämons. Der erste wendet sich gegen unsere Vernunft. Sie wird auf den Verstand, die Logik reduziert. Keine Rede von Metaphysik, von "Warum?": Nützlich ist nur die Frage nach dem "Wie", nach der Effizienz. Mathematik und Wissenschaften beherrschen alles. Die Vernunft wurde vom Sein selbst, das die religiösen Traditionen Gott nennen und das sie selbst entdecken könnte, abgekoppelt. Wenn der Mensch seinen Schöpfer entdeckt, reagiert er in zweifacher Weise: Er zieht seine Schuhe aus wie Mose und legt - wie die Hochbetagten in der Apokalypse - seine Krone ab, um seine Armut zu bekennen und anzubeten. Heute krönt sich der Mensch selbst, denn sein Verstand erkennt sich nicht mehr als gottesfähig an, wie Thomas dies ausgedrückt hat. Satan unternimmt alles, damit unser Verstand einzig und allein auf technische Effizienz ausgerichtet bleibt, auf die Beherrschung der Welt - und nur ja nicht auf die Suche nach der Wahrheit und letztlich auf Betrachtung und Anbetung.

Sie sprachen von einem zweiten Angriff.

P. Philippe: Er setzt am Geheimnis der Fruchtbarkeit an. In der Apokalypse zeigt uns der heilige Johannes, daß der bösartigste Angriff des Teufels gegen die Frau, die das Geheimnis der Liebe und der Fruchtbarkeit symbolisiert, gerichtet ist. Satan fällt über die Frau her - man sieht das ja gut mit der Abtreibung, den genetischen Manipulationen, dem Überhandnehmen von Leihmutterschaft... Er hat es erreicht, daß die Frau Männlichkeit einfordert, um ihr eigenes Geheimnis zu vernachlässigen. Da die Frau Hüterin des Innersten im Herzen des Menschen ist, hat ihre Zerstörung gleichzeitig die Zerstörung der Menschheit zur Folge. Die Zeugung ist der fundamentalste Ausdruck des Bundes, den Gott mit dem Menschen geschlossen hat: Gottes Geschöpfe, der Mann, die Frau, sind Quelle des Lebens. Sie nehmen selbst an der Schöpfung durch Gott teil. Das erträgt Satan nicht. Diese grundlegende Allianz, dieses Geheimnis der Fruchtbarkeit, greift er mit aller Gewalt und aller “Intelligenz" an. Auf allen Ebenen: auf biologischer, spiritueller...

P. Marie-Dominique Philippe OP war Professor für Philosophie an der Uni Freiburg und Gründer der Johannes-Gemeinschaft und ist im August 2006 gestorben. Mit ihm sprach Luc Adrian in "Famille Chrétienne" v. 2.3. 95.

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