VISION 20001/2007
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Nie warst Du mir näher, Du großer Gott

Artikel drucken Ein Alltag geprägt von der Last der Behinderung

Ich war jung und bin auf die Berge gestiegen. Oben, hoch oben, habe ich Deine Größe geschaut, und konnte staunen und dich preisen um Deiner Herrlichkeit willen.

Ich war jung und bin geschwommen, viel geschwommen, weit geschwommen im Meer, durch hohe Wogen, die Wellen haben mich umgeben von allen Seiten. Leicht ist es gewesen, den Psalm zu sagen: “Von allen Seiten umgibst Du mich, o Herr..."

Ich war jung und die Mühe gering, noch vor dem Morgen aufzustehen und auf die Sonne zu warten... Der Morgenstern schickt sich dem Dämmern voran, rund und groß glänzend, und das Lied vom “Morgenstern der finster'n Nacht, der der Welt viel Freuden bracht..." - das Lied singt sich von allein.

Ich war jung und im Gehen und Laufen, Tanzen und Springen habe ich Deine Gegenwart erfahren und erspürt und begangen.

Nun bin ich alt. Die Gesundheit ist gebrochen. Das Leben eine Mühsal. Die Hand - schon einmal operiert - läßt ein Werkzeug fallen. Es sollte nur ein Haken in die Wand geschlagen werden... Da liegt der Hammer nun am Boden, dreimal überlege ich mir, wie werde ich mich am besten bücken, ohne selber zu Boden zu gehen. Denn wieder aufstehen ist schwer, seitdem das Kniegelenk sich verschoben hat.

Die weiten Wege, das Gehen auf dem Waldboden, das Steigen über Gestein sind nicht mehr möglich. An schlechten Tagen brauche ich die Krücke selbst im ebenen Zimmer, die Teppiche sind aufgerollt, Stolpern ist gefährlich...

Eng geworden ist es um mich.

Du, der Große, den ich gelobt im Unendlichen, wie läßt Du mich kleinlich abmühen im Kleinen. Es ist mir recht zum Verzagen. Ein Blumengeschirr will ich auf den Balkon tragen zum Umpflanzen - und kann es nicht halten mit nur einer Hand, weil die andere die Krücke hält. Ratlos bin ich, und da ruf ich Dich an, daß Du mir zu Hilfe kommst, ja: “... eile mir zu helfen..."

Und nimmst Du es mir bitte nicht übel, daß ich Dich mit solchen Lappalien strapaziere, aber allein schaff' ich das nicht, der Blumentopf mit der Erde ist für die eine Hand zu schwer. Und mein Blick fällt auf den Servierwagen, mit dem gelingt dann der Transport. Ich danke Dir, daß Dir der Anlaß nicht zu gering gewesen, mir Deine Hilfe zu zeigen...

Da hast Du Dich nun auf etwas eingelassen, Du mit Deiner Hilfe mit den geringen Dingen. Nun rufe ich Dich an bei den geringfügigsten Schwierigkeiten, die mir widerfahren - bei meiner Behinderung aber schwer wiegen. Ob ich nun den Schlüssel nicht ins Schloß bringe oder die leeren Flaschen über die Stiegen hinunter zu tragen Mühe habe - immer, wenn ich Angst habe, das bring' ich jetzt allein nicht zuwege, immer dann red' ich Dich an um Deine Hilfe. Und danke Dir und lobe Dich um dieser Deiner Hilfe willen: ob beim Niederbücken, beim Zusammenlesen.

Bei all den vielen Mühen des Alltags lobe ich Dich - so wie ich Dich geliebt und gelobt um Deiner Sonnenaufgänge willen - und wegen der Berggipfel - und dem Wogengang - und der Mondspiegelung in den Wellen...

Wo bist Du, wenn ich Dich anrufe? Im Zenit des blauen Himmels? In der versunkenen Meerestiefe? Ich komme ja gar nicht dazu, nach Deiner Größe Ausschau zu halten, beschäftigt wie ich bin mit dem Gelingen oder Nichtgelingen der täglichen kleinen Handgriffe. Die geringsten Dinge halten meine Mühe in Atem: Der Schraubdeckel des Marmeladenglases läßt sich nicht aufdrehen und den zu Boden gefallenen Euro bekommen die Finger erst nach dem dritten Mal Bücken zu fassen.

Wo hältst Du Dich auf, Du Großer, Du Erhabener, der Du wohnst in der Macht und der Herrlichkeit? Woher kommst Du, wenn ich Dich zu Hilfe rufe? In die geringen Dinge - so klein sie sein mögen und ohne Bedeutung, in die geringen Dinge wohnst Du Deine Gegenwart ein - und hast Deine Größe klein gemacht. Singt das Lied nun “Kleiner Gott, wir loben Dich"?

Aber nicht genügt es Deiner Liebe, Dich anheimzugeben an die geringen Dinge und die minderen Vorkommnisse. Inmitten meiner Schwachheit suchst Du Dir Deinen Wohnplatz in mir. Und wenn ich Dich anrufe um Deine Hilfe - woher kommst Du?

Aus mir selber trittst Du hervor. In mir hast Du Gegenwart bezogen. Nie warst Du mir näher, Du mein großer Gott, als in den geringen Dingen. Soll ich so Dein Geheimnis von Weihnachten verstehen?

Elisabeth Sefcik Arnreiter

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