VISION 20002/2007
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Erziehen: ein Dienst am Leben

Artikel drucken Die Kentenich-Pädagogik praktisch angewendet

Lehrer, die stöhnen, Eltern, die nicht weiterwissen und resignieren, Kinder, die Probleme machen: man hat das Gefühl, Erziehung ist zur Schwerarbeit geworden. Immer öfter liest und hört man von akuter Erziehungsnot.

Auf der Suche nach Freude und “Erfolg" beim Erziehen orientieren sich immer mehr Familien am pädagogischen System Josef Kentenichs, dem Gründer der internationalen Schönstattbewegung. Kentenich hat Erziehung als “Dienst am Leben" bezeichnet. Was das bedeutet, soll das Lebensbeispiel von Anni und Leopold H. verdeutlichen: Viele Eltern leiden darunter, daß die Kinder im Haushalt nicht mithelfen wollen, und würden gerne wissen, wie sie ihre Kinder dazu bringen könnten.

Die Eltern Anni und Leopold H. wissen es, weil es bei ihnen funktioniert: “Am Samstag ist unser Aufräumtag im Haus. Und da ist immer die ganze Familie beteiligt, die Mama, der Papa und die Kinder. Schon von klein auf durften die Kinder mithelfen. Und die hatten richtig Freude daran. Ihrem Alter entsprechend haben sie Aufgaben zugeteilt bekommen, und dann hat es immer viel Lob gegeben. Wenn etwas nicht so funktioniert hat oder kaputtgegangen ist, war das auch nicht schlimm: ,Beim nächsten Mal kannst du es!' Heute sind die Kinder groß und helfen noch immer mit, natürlich nicht jedes Mal mit Riesenbegeisterung. Aber es ist klar: Samstag tritt die ganze Familie an zum großen Aufräumen, und zum Schluß gibt es eine gemütliche Jause, wo wir alle beisammen sitzen."

Anni und Leopold H. haben eine langfristige Strategie angewandt, die dem Leben der Kinder dient. Das Gegenteil davon ist das kurzfristige Herstellen eines Zustands.

Das haben wohl schon viele Mütter verzweifelt probiert: “Bin ich die einzige, die hier arbeitet. Ich bin doch nicht euer Sklave. Helft gefälligst mit!" Falls dieser Frustausbruch - der übrigens durchaus gut tun kann und manchmal auch angebracht erscheint - bei den Kindern die notwendige Wirkung zeigt, dann wird das sicher nur ein, zwei Mal auf diese Art funktionieren. Aber letztlich bleibt bei den Kindern hängen, daß Hausarbeit mit Frust zu tun hat. Und das ist keine gute Voraussetzung für Motivation.

“Vertrauenspädagogik" ist ein wichtiger Leitstern der Erziehungslehre Kentenichs. Vertrauen in die Kinder und ihre Fähigkeiten ist die Basis für das Selbstvertrauen der Kinder.

Rita und Norbert K. wollten die Vertrauenspädagogik ausprobieren. Sie nahmen sich ein Herz, und ließen ihren 13jährigen Sohn allein mit dem Zug von Wien nach Bad Gastein fahren. “Du bist jetzt schon so alt, daß du die Oma allein besuchen kannst", haben sie dem Sohn klar gemacht.

Und Norbert K. berichtet: “Der Bub war nachher wie ausgewechselt. Vorher haben uns die Lehrer immer gesagt, daß er so unauffällig ist, nichts redet. Und auf einmal, waren die Lehrer ganz erstaunt über sein Selbstbewusstsein, und wie er sich plötzlich einbringt." Dem Kind etwas wirklich zutrauen, kann ganz schön viel auslösen.

In einem Vortrag hat Kentenich zu Priesterkollegen gesagt: “Wenn all unsere Tätigkeit nicht begleitet wird durch inniges, aufrichtiges Gebet, dann bauen wir auf Sand. Ein wahrer Erzieher ist nicht denkbar, es sei denn, er sei ein Mann des Gebetes." Das ist sicher der Kern der Kentenich-Pädagogik: das Zusammenspiel von Natur und Gnade, von Eltern und der großen Erzieherin, der Gottesmutter.

Bei einer Familie mit einer 15jährigen Tochter hört sich das so an: “Jetzt wo unsere Tochter auch abends allein fortgehen will, bleibt uns nichts anderes übrig, als sie der Obhut der Gottesmutter anzuvertrauen. So können wir ruhig schlafen, obwohl die Tochter unterwegs ist."

Die Kinder brauchen Stabilität, um Halt und Sicherheit zu bekommen. Wenn ein Kind es schafft, den Papa durch Trotz von einem Nein zu einem Ja zu bringen, wird dadurch das Kind geschwächt. Ein Nein muß ein Nein bleiben, auch wenn das Kind bei der Supermarktkasse so ein Theater macht, daß schon alle Leute böse schauen. Wenn man mit dem Kind ein Abkommen trifft (“Am Samstag bekommst du beim Einkaufen etwas, das bis zu 2 Euro kosten darf. Das suchst du dir selber aus."), dann ist dieser Einkaufsstreß leichter zu bewältigen.

Zur Erziehung gehört aber auch Flexibilität. Kentenich spricht deshalb von “Bewegungspädagogik". Erziehen ist demnach nicht statisch, sondern erfordert, auf jedes Kind und seine momentane Situation ganz speziell einzugehen.

Wer zwei Kinder gleich erzieht, erzieht mindestens eines falsch. Jeder Mensch ist ein Original, und hat seinen ganz persönlichen Lebensplan von Gott bekommen. Deshalb ist das Beobachten ein ganz wichtiger Vorgang bei der Kentenich-Pädagogik. Ohne Beobachten ist ein effektives und Ressourcen sparendes Erziehen nicht möglich. Die Erziehungsarbeit wird leichter, wenn man weiß, was das Kind jetzt braucht.

So berichtet eine Mutter: “Wir haben bemerkt, daß unser Sohn sich in der Mittelschule überhaupt nicht wohl fühlt. Wir hatten zwar das Gefühl, daß er genauso wie sein großer Bruder auch von seinen Fähigkeiten her die Schule schaffen müßte. Aber das Umfeld hat dort für ihn nicht gepaßt. Da haben wir ihn in die Hauptschule gegeben, und dort ist er jetzt in allen Gegenständen in der 1. Leistungsgruppe. Jetzt fühlt er sich wohl. Und nach der 4. Klasse stehen ihm ja wieder alle Türen offen."

Erziehung als Thema ist heute “in". Die Zeitungen sind voll davon und das Fernsehen beschäftigt sich in speziellen Sendungen, wie beispielsweise “Die Super-Nanny" damit. Es entsteht dadurch aber der Eindruck, daß Erziehung heißt: Da ist ein Kind, das ein Problem hat oder ist und jetzt tue ich etwas. Erziehung ist aber “Dienst am Leben" und beginnt spätestens bei der Geburt des Kindes. Erziehung braucht Zeit und die Bereitschaft, sich darauf einzulassen.

“Die Kinder sind unsere größte Kapitalanlage", hat Josef Kentenich in einem Vortrag gesagt. Kinder sind keine Nebensache, die auch noch irgendwie mitläuft, sondern unser wichtigster Beitrag für die Zukunft. Hier wird ein Umdenken notwendig sein. Erziehung ist gar nicht so schwierig, wie es heute aussieht. Mit der Bereitschaft der Eltern, ihre Kinder als die größte Kapitalanlage zu sehen, ist schon viel getan.

Herta und Martin Schiffl

Eine Projektgruppe der Schönstattbewegung bearbeitet derzeit die Pädagogik ihres Gründers. Im März 2007 wird am Sonntagberg der 1. österr. Lehrgang “Kentenich-Pädagogik" der Akademie für Familienpädagogik Schönstatt am Kahlenberg starten.

Infos bei: Hertha + Martin Schiffl, Familienbüro, Schönstatt am Kahlenberg, A-1190 Wien, Tel: 01 / 320 13 07 / 110


 Erziehen mit Freude

Erziehen mit Freude, ein Büchlein (44 Seiten A5) der Akademie für Familienpädagogik, Schönstatt am Kahlenberg soll ein kleiner Beitrag sein, zu mehr Freude beim Erziehen. P. Josef Kentenich, Gründer der internationalen Schönstatt Bewegung und ursprünglich Lehrer an einem Gymnasium, und seine Pädagogik stehen im Mittelpunkt dieses Buches. Die Kentenich Pädagogik kennenlernen, die eigene Erziehertätigkeit reflektieren und Gott um Unterstützung bitten: Darum geht es in diesem Buch, das in neun Kapitel aufgeteilt ist und daher auch als Novene gebetet werden kann.

Zu bestellen bei Fam. Schiffl, 02163 2101 oder im Schönstatt-Familienbüro, 01 320 1307 / 110, familienbuero@schoenstatt.at , Preis: 5 Euro+Versandkosten

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