VISION 20005/2011
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Wer in Gottes Plan einwilligt, findet das Glück

Artikel drucken Schwierig, an Gottes gute Vorsehung zu glauben – aber heilsam (Christof Gaspari)


Dass Gott alles in Händen hält, dass alles „durch Ihn (Christus) und auf Ihn hin geschaffen“ ist (Kol 1,16), sieht der moderne Mensch nur ganz schwer ein. Ihn umgibt ununterbrochen Menschenwerk. Er ist in Systeme eingespannt, die einer rein weltlichen Logik der Nützlichkeit folgen…

Ein paar Schlaglichter auf das Alltagsleben zeigen: Alles spielt sich im Menschenwerk ab, besonders in der Stadt. Ein Blick aus dem Fenster: die Häuserfront gegenüber; auf dem Weg zum Arbeitsplatz: die Straßen- oder U-Bahn, das Auto, die Autobahn, der Stau in der Autoschlange, Infos und Musikberieselung aus dem Radio, das Handy; am Arbeitsplatz: Büros, Bildschirme, Telefone, Maschinen, Arbeitshallen, Apparate, die Shopping City; daheim: Waschmaschine, Mikrowelle, Geschirrspüler, Fernsehen, Video, Internet… Im Großraumbüro, in der Shopping City, im vollklimatisierten Hotel, bekommt man nicht einmal mehr das Wetter mit.
Man muss schon einen Blick zum Himmel werfen, in den Park gehen, einen Ausflug machen, um mit Gottes Schöpfung konfrontiert zu werden. Aber selbst da ist es nicht naheliegend an den Schöpfer zu denken. Denn im Biologie-Unterricht hat man uns beigebracht, dass alles durch einen ziemlich blinden Zufall entstanden sei. Gott wird bestenfalls am Anfang eine Rolle zugebilligt, quasi als Auslöser des Urknalls. Aber seither nähmen die Dinge ohne Ihn seinen Lauf.
Im öffentlichen Leben spielt Gott ebenfalls nur eine marginale Rolle: bei feierlichen Beerdigungen wird Er erwähnt, an arbeitsfreien Tagen erinnert man sich, dass die meisten Feiertage christlichen Ursprungs sind, bei Hochzeiten in königlichen Familien wird Wert auf kirchliches Zeremoniell gelegt… Aber dort, wo die wirklich relevanten Entscheidungen fallen, wird Gott nicht in die Überlegungen einbezogen: in den Parlamenten, den Gerichten, den Vorstandssitzungen der Großkonzerne…
Ich erinnere mich gut an eine ÖVP-Tagung zum Thema Lebensschutz. Da erklärte ein Vortragender, seines Zeichens Professor der Philosophie, im pluralistischen Staat könne man die christlichen Moralvorstellungen nicht mehr als Grundlage der Gesetzgebung heranziehen. Da er auch einen „Biologismus“ ablehnte, also aus der Naturbeobachtung rührende Erkenntnisse, die Rückschlüsse auf das Wollen des Schöpfers ermöglicht hätten, war der Weg frei für die Entwicklung einer Ethik des Lebens, die reines Menschenwerk war.
Der moderne Mensch ist eben daran gewöhnt, Religion als Privatsache anzusehen. Jeder habe da seine eigene Wahrheit: Du die Deine, ich die Meine. Genaues wisse man da nicht. Schließlich hätten die Buddhisten, die Hindus, die Indianer, die Muslime auch tiefe Einsichten.
Und dennoch: Da bleibt ein tief im Menschen verankertes Wissen bestehen, dass Gott nahe ist, dass Er angerufen werden kann und dass wir uns von Ihm Hilfe erwarten dürfen. Das Zeugnis von Prableen Kaur, einer 23-jährigen Frau, die sich während des Wütens des Massenmörders Anders Breivik auf der norwegischen Insel Utoya aufgehalten hatte, rief mir unlängst diese Tatsache in Erinnerung.
Sie schreibt: „ Ich dachte: Jetzt werde ich sterben. Ich stürzte, aber ein Junge half mir auf. Wir sind in den Wald gelaufen. Ich habe mich umgesehen: Ist er da? Schießt er auf uns? Kann er mich sehen? Ein Mädchen hatte einen gebrochenen Knöchel, ein anderes war schwer verletzt. Ich habe versucht zu helfen, bevor ich weiter in Richtung Ufer gelaufen bin. Dort haben wir uns hinter einer Art Mauer versteckt. Ich habe gebetet, gebetet, gebetet. Und gehofft, dass Gott mich sieht.“
Gebetet, gehofft, dass Gott mich sieht – dass Er mich hört. Ähnliches, wenn auch nicht so spektakulär, habe ich erlebt in der Zeit, als ich noch dem Glauben fernstand. Meine damals neun Monate alte Tochter war erkrankt, auf dem Kopf übersät mit Furunkeln, davon eines besonders gefährlich an der Nasenwurzel. Als ich sie und meine Frau im Spital verließ, erklärte mir der Arzt, die Überlebenschance sei 50%, je nachdem wohin sich das Furunkel öffnen würde. Zutiefst geschockt erinnerte ich mich auf dem Heimweg an Gott, den es für mich eigentlich ja gar nicht gab, und ich bot Ihm für die Heilung meiner Tochter einen Deal an – den ich zu meiner Schande erst Jahre später eingelöst habe.
Die meisten Menschen haben eben ein oft verschüttetes, unterdrücktes, verdrängtes Wissen um die Nähe Gottes und um dessen Macht, in unser Leben einzugreifen. Dieses Wissen gilt es zu mobilisieren und zur Entfaltung zu bringen – und das nicht nur in äußersten Notsituationen. Wenn uns Gott in Notsituationen helfen kann – warum sollte Er es dann nicht auch im übrigen Leben tun wollen? Israel hat diesen Gott jedenfalls als einen Beistand erlebt, von dem der Psalmist sagt: „Der Herr ist gnädig und barmherzig. Er hat seinem Volk seine machtvollen Taten kundgetan…“ (Ps 111). Und beim Propheten Joel lesen wir über Gott: „Denn er ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Güte, und es reut ihn, dass er das Unheil verhängt hat.“ (2,13)
Bei diesen zwei Schriftstellen erscheinen mir zwei Punkte bedenkenswert. Gott hat sich dem Volk durch machtvolle Taten kundgetan. Sein Wirken war somit nicht auf den Privatbereich des jeweiligen Bittstellers beschränkt, sondern offenkundig vor den Augen des Volkes, ja „vor den Augen der Völker“, wie es im Psalm 118 heißt. Wirkt Er somit tatsächlich in der Geschichte, in der „großen“, in das, was wir Weltgeschichte nennen?
Selbstverständlich: Wenn wir an Gottes Heilswirken im eigenen Leben glauben, impliziert dieser Glaube, dass Er auch die gesamte Geschichte lenkt. Denn was ist denn die Geschichte anderes als das Geflecht von Entscheidungen und Handlungen einzelner Menschen. Jeder von uns schreibt Geschichte. Sicher, in den Geschichtsbüchern wird wenig vom Wirken der meisten von uns berichtet werden. Aber das liegt an der Unmöglichkeit das unüberschaubare Gewebe der Interaktionen der Milliarden von Menschen, die den Erdkreis bewohnen, zu überblicken.
Die Entscheidungen der „Großen“ werden mitbestimmt von deren Kontakten, Hoffnungen, Informationen, Begegnungen, Launen, Ängsten, Sorgen…, alles Faktoren, die vom unüberschaubaren sozialen Umfeld beeinflusst sind – mitbestimmt aber auch von Intuitionen, Einfällen, Impulsen, deren Ursprung im geistigen Bereich liegt, wo Gott und Seine Engel um das Heil der Menschen ringen.
Auf einen zweiten Punkt möchte ich noch zu sprechen kommen. Beim Propheten Joel lesen wir, Gott habe das Unheil, das Er verhängt hatte, gereut. Irgendwie kommt einem diese Aussage merkwürdig vor. Wie kann der allmächtige, gütige Gott etwas tun, was Ihm später leid tut? Diese menschliche Art zu reagieren ist für Gott nicht wirklich vorstellbar. Sehr wohl bringt dieser Satz aber zum Ausdruck, dass von Gott auch Unheil „verhängt“ wird, was schwer zu verstehen ist.
Einen Zugang haben mir die Worte des Herrn eröffnet, die der Psalmist festgehalten hat: „Doch mein Volk hat nicht auf meine Stimme gehört; Israel hat mich nicht gewollt. Da überließ ich sie ihrem verstockten Herzen, und sie handelten nach ihren eigenen Plänen.“ (Ps 81,12f) Das „verhängte Unheil“ hat seinen Ursprung in der Gottferne, in unseren eigenen, fern von Gott erstellten Plänen. Weil Gott unsere Freiheit achtet, lässt Er zu, dass wir solche Pläne aushecken und auch umsetzen.
Aber Er zieht sich nicht in einen Schmollwinkel zurück, sondern nützt das, was weltweit an Unheil gewirkt wird, um es zum Instrument Seines Heilswirkens zu machen. Das ist verstandesmäßig schwer zu erfassen, drückt aber aus, dass Gott zwar unsere Freiheit achtet, dass er aber jenseits dieser Freiheit weiterhin souverän in Seinem Heilswirken bleibt.
P. Werenfried van Straaten hat einmal ein sprechendes Bild für dieses Geheimnis entworfen: Die Schöpfung sei wie ein herrliches Mosaik aus der Hand Gottes hervorgegangen. Durch den Einbruch des Bösen handelten wir Menschen nun aber wie schlimme Kinder, die fortgesetzt mit Steinwürfen dieses Bild zu zerstören versuchen – und der Herr, in Seiner Güte, lasse die so entstanden Scherben zu einem stets schöneren Bild in Seiner gütigen Hand zusammenfallen.
Auf diese Weise wird das, was wir hier aus irdischer Sicht als Katastrophe erkennen, durch Gottes souveränes Wirken zum Werkzeug, mit dem Er unser ewiges Heil wirken will. Gott kämpft gewissermaßen an einer anderen Front als wir irdisch gesinnten Menschen. Wir ringen um Wohlstand, Ansehen, Gesundheit, usw... und kämpfen gegen Krankheit, Tod, Schmerz, Leid, Armut, Bedürftigkeit. Wenn nun Gott solche Übel zulässt, so nur insofern, als sie uns den Weg ebnen zu dem einzig wirklichen Gut, um das es sich zu kämpfen lohnt: der ewigen Glückseligkeit in Seinem Reich.
Keine Frage: All diese Überlegungen sind nicht wirklich imstande, das Geheimnis der Vorsehung Gottes zu durchschauen. Denn Gottes Gedanken sind nicht unsere Gedanken. Dass der Vorsehung zu folgen, aber entscheidend für des Menschen Erfüllung ist, geht klar aus den Worten Papst Benedikt XVI. in der Enzyklika Caritas in veritate hervor: „Jeder findet sein Glück, indem er in den Plan einwilligt, den Gott für ihn hat, um ihn vollkommen zu verwirklichen: In diesem Plan findet er nämlich seine Wahrheit, und indem er dieser Wahrheit zustimmt, wird er frei.“

Christof Gaspari

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