VISION 20005/2011
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Leben an der Seite eines Alkoholikers

Artikel drucken Japanreise in blau. (Emilie Köhle)

Du kannst ihn nicht ändernEingeladen zu einem Professjubiläum sitze ich an einer langen Tafel einer Frau gegenüber. Wir kommen ins Gespräch. Und sie erzählt mir, sie habe ein Buch geschrieben – unter Pseudonym. Ob ich interessiert wäre, für VISION 2000? „Gut, aber ich kann nicht versprechen, dass ich es auch besprechen werde…“
Es lag dann tatsächlich im Briefkasten. „Japanreise in blau“ – klingt interessant, also beginne ich zu lesen. Bei der Lektüre wird bald klar, dass der Titel falsche Assoziationen erweckt. Die Japanreise gibt nämlich nur die Rahmengeschichte ab – meinem Eindruck nach eine eher konstruierte – für die Autobiographie einer Österreicherin, Kitty heißt sie im Buch, die einen Großteil ihres Lebens hierzulande verbracht hat.
Aber dieser Rückblick auf das Leben der Autorin hat es dafür in sich. Er beginnt mit Streifzügen durch eine Kindheit, die man sich mittlerweile kaum mehr vorstellen kann: ein Bergbauernhof im heutigen Nationalpark Hohe Tauern gelegen, 11 Geschwister, ein hartes, arbeitsreiches Leben, aber auch viel Spiel, vor allem mit den Brüdern, strenge, gläubige Eltern, wirkliche Persönlichkeiten,Gebet von Kindheit an…
Mit diesem Kapital ausgestattet überwindet Kitty so manche Schwierigkeiten der Jugendzeit und schafft ihr ersehntes Ziel, Lehrerin zu werden. Dieses Kapital wird es dann vor allem aber ermöglichen, dass sie es 40 Jahre lang neben ihrem Mann, einem Alkoholiker und Spieler, aushält.
Sie hatte ihn während der Ausbildung kennengelernt. Natürlich war ihr Merkwürdiges an ihm aufgefallen. Aber weil Horst ein außergewöhnlich intelligenter und begabter Mann ist, erkennt Kitty das Ausmaß seines Versagens erst im Laufe der Jahre. Da ist vor allem das endlose Studium, das materielle Probleme aufwirft. Kitty muss ihre Tätigkeit als Lehrerin, die sie wegen der Geburt zweier Söhne unterbrochen hatte, wieder aufnehmen.
Langsam wird das Leben zum Martyrium: Verzweiflung, Depression, Selbstvorwürfe, fruchtlose Debatten, immer häufigere, beleidigende „Ausrutscher“ des Ehemanns gefolgt von Zerknirschung, die Kinder, die „schwierig“ werden, Flucht in die heimatlichen Berge, die Entscheidung, sich zu trennen, die dann doch wieder rückgängig gemacht wird, nicht zuletzt um der Kinder willen… Der Leser begleitet Kitty durch diese schier unvorstellbaren Jahre – und fragt sich immer wieder, wie er selbst in dieser Situation gehandelt hätte.
Was ihr Stütze war? Gebet und Glaube – und die Al-Anon-Gruppe (Angehörige von Alkoholikern), zu der sie stößt. „Für mich begann eine Zeit von harter Arbeit und großer Selbstdisziplin. Aussagen wie: Du kannst nicht die ganze Welt verändern! Du kannst auch nicht deinen abhängigen Partner verändern! Du kannst nur bei dir selbst anfangen und dich ändern! Motivierten mich enorm.“
Sie betet, wo immer sich die Gelegenheit dazu ergibt: „Gott gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“
Bei Al-Anon lernt sie auch, sich auf das Heute zu konzentrieren, sich nicht von ängstlichen Vorstellungen – so berechtigt sie auch sein mögen – ruinieren zu lassen. Vergiss das Gestern und denk nicht an Morgen – diese zwei Tage, „die wir frei halten sollten von Angst und Bedrückung“!
„Japanreise in blau“ ist ein Buch, das Mut macht, auch in schwierigsten Situationen nicht aufzugeben – vor allem wenn man liest, was die Autorin nach Horsts Tod im Rückblick auf die gemeinsam verbrachte Zeit schreibt: „Es hatte auch frohe und glückliche Tage gegeben, Tage voll Hoffnung und Zuversicht besonders mit den Kindern, doch auch mit Horst. Eigentlich hatte ich ein reiches, erfülltes Leben gehabt!“

Christof Gaspari
Japanreise in blau. Von Emilie Köhler.209 Seiten.
Novum pro-Verlag: Rathausg. 73, A-7311 Neckenmarkt, 0043 (0) 2610 43 111 28,
www.novumpro.com).

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