VISION 20005/2011
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Du wirst sehen, alles, alles wird gut sein

Artikel drucken Angesichts der Erschütterungen des Glaubens heute die Zuversicht bewahren (Urs Keusch)

Es stimmt: An Gottes gütige Vorsehung zu glauben, ist schwierig, besonders wenn man in scheinbar ausweglose Lebenslagen geraten ist. Allen, die von Verbitterung und Resignation bedroht sind, will der Autor im Folgenden eine Perspektive eröffnen.

Neulich bei einem Spitalsbesuch sprach mich im Gang ein Krankenpfleger an und er sagte zu mir: „Herr Pfarrer, können Sie mir etwas erklären? In diesem Zimmer da liegt ein 93-jähriger Mann, er hat unerträgliche Schmerzen und nur einen Wunsch, endlich sterben zu können, und er kann nicht sterben. Im Zimmer nebenan liegt ein 27-jähriger Mann, Vater von zwei kleinen Kindern, der mit allen Fasern an seinem Leben hängt, aber er wird keine zwei Tage mehr zu leben haben. Können Sie mir das erklären? Wie bringen Sie das in Einklang mit dem Glauben an ‚Den-da-oben‘?“
Solchen Situationen begegnet man als Seelsorger fast jeden Tag. Und man ist meistens außerstande, auf solche Fragen - so zwischen Tür und Angel - eine Antwort zu geben, die einen nicht selber leer zurücklässt. Meistens steht man selber ganz betroffen da und ist hineingenommen in das Dunkle und Erschütternde solcher Ereignisse.
Jeder Mensch erlebt solche Erschütterungen, Verletzungen: Es sind Versuchungen im Glauben. Jeder Mensch erlebt Situationen, wo sein Glaube an einen gütigen Gott bis in die Fundamente erschüttert wird und ins Wanken kommt. Und in der Tat: Viele Menschen werden mit schweren „Schicksalserfahrungen“ nicht fertig und wenden Gott den Rücken zu: „Ich kann nicht mehr glauben. Ich kann nicht mehr beten. Ich kann nicht mehr an einen Gott glauben, der solches zulässt.“ Sie leugnen im Grunde nicht Gott, sondern wollen einfach mit Ihm nichts mehr zu tun haben. Sie sind enttäuscht von Ihm, verletzt,  sie finden – weil viele dann auch das Beten aufgeben - in Gott kein wirkliches Vertrauen mehr.
Ich bin immer wieder Menschen begegnet, die an Gott verzweifelt sind und die es vorziehen, nicht mehr an Gott zu denken und zu Gott zu beten, damit sie von Ihm nicht mehr enttäuscht werden. Ich bin auch immer wieder schmerzlich betroffen, wenn ich als Priester erleben muss, wie diese Distanziertheit gegenüber Gott auch bei alten Menschen – selbst  bei solchen, die ein Leben lang zur Kirche gegangen sind –, weit verbreitet ist: „Ja, wir werden dann sehen, ob dann noch etwas kommt… Lassen wir uns überraschen… Wenn’s dann nichts gibt, macht’s ja auch nichts...“
Wahrscheinlich kennen Sie alle das innige Gedicht von Eduard Mörike, in dem er betet:

„Herr, schicke was Du willst,
ein Liebes oder Leides!
Ich bin vergnügt,
dass beides
aus deinen Händen quillt.“

Wer spricht aus solchen Zeilen? Ein Mensch, der aus einem unverbrauchten Herzen glaubt, ein Mensch, der täglich in das Wort Gottes geschaut hat und – wie ein Kind – an seinen Vater im Himmel glaubt und sich in seiner Vaterliebe geborgen weiß. Dieser biblische Glaube, dass unser persönliches Leben und das Leben der Völker – und des gesamten Planeten – „in guten Händen“ ist und dass ein unbegreiflicher göttlicher Wille alles – auch das Böse – einem guten Ziel zuführt, das können wir nicht beweisen.
Wir können dafür noch so viele Bibelstellen als Beleg anführen – dem, der es nicht glauben kann, nützt es nichts. Letztlich bleibt dieser Glaube und das Feststehen in diesem Glauben eine unverdiente Gnade, die nur der in sich bewahren kann, für den das tägliche Gespräch mit dem Vater in der Stille der Kammer und die Schriftlesung so selbstverständlich sind wie das Frühstück am Morgen und das Brot am Abend.
Der heilige Franz von Sales hat gegen Ende seines Lebens etwas gesagt, das er auch uns ans Herz legen möchte: „Der Herr hat mich von Jugend auf gelehrt, der Vorsehung zu vertrauen. Und wenn ich noch einmal zur Welt käme, ließe ich mich von vornherein – auch in den geringfügigsten Dingen – von dieser göttlichen Vorsehung mit der Einfalt eines Kindes und mit der Verachtung aller menschlichen Klugheit leiten. Es ist für meine ganz Gott hingegebene Seele ein wahres Vergnügen, mit geschlossenen Augen dahin zu wandeln, wohin Gottes Vorsehung mich führen mag. Ihre Absichten sind unerforschlich, aber immer wunderbar und liebreich denen, die sich ihr anvertrauen. Ich bin sicher, alle Heiligen würden dasselbe sagen.
Ich denke spontan an Don Bosco, den Pfarrer von Ars, Mutter Teresa, Mutter Maria Bernarda, die „Schwestern von der göttlichen Vorsehung“ und unzählige andere Heilige und christliche Ini?tiativen, die ihr ganzes Leben und Werk auf die „Divina Providentia“, die göttliche Vorsehung, gebaut haben und das Wunder solcher Fürsorge Gottes täglich erlebt haben. Und ich bin sicher, dass auch Leser von VISION 2000 dasselbe sagen könnten. Es gibt auch heute gläubige Christen, die Gottes Vorsehung – trotz schmerzlich durchkreuzter Wege und Pläne und dem oft so drückenden Schweigen Gottes – in ihrem Leben wunderbar erfahren haben, dass sie gar nicht aus dem Staunen und der inneren Anbetung herauskommen.
Es erstaunt mich immer wieder, dass Menschen, die z.B. einen schweren Unfall hatten, die dadurch Gesundheit, Beruf, Ansehen verloren oder von einer schweren, ja, tödlichen Krankheit oder sonst einem grausamen Schicksal zermalmt wurden, von sich sagen können: „Es ist gut, es ist alles gut!“ Gemeint ist hier jenes „gut“, das Gott am Anfang zu Seiner Schöpfung gesprochen hat und das in diesen Menschen wunderbaren Widerhall findet. Und hören oder lesen wir nicht immer wieder von Menschen, die eine Nahtod-Erfahrung gemacht und etwas vom ewigen Licht empfunden haben, dass sie alle dasselbe erlebt haben: „Ich erlebte einen unbeschreiblichen Frieden, ein so unbeschreibliches Glück, dass darin alles, was ich je im Leben erlebt hatte, selbst die schlimmsten Erfahrungen, völlig belanglos waren.“
Wir lesen von solchen Erfahrungen und Empfindungen auch bei den Mystikern. Als z.B. die Hl. Mechthild von  Magdeburg einmal im Geiste in das himmlische Licht entrückt wurde, da macht sie diese Erfahrung: „Ich konnte mich nicht mehr an die Erde erinnern und auch an keine Not meines Herzens. Ich hatte die Absicht, wenn ich dich [Jesus] sähe, mich bei dir sehr über die Erde zu beklagen. Nun hat mich, Herr, dein Anblick überwältigt, denn Du hast mich weit über meinen Rang erhoben.“
Eine ähnliche Erfahrung macht auch Juliana Norwich. Sie schreibt: „Und ich erkannte in Wahrheit, dass nichts durch Zufall oder von ungefähr geschieht, sondern alles durch Gottes Weisheit… Unsere Blindheit und Kurzsichtigkeit ist die Ursache, wenn uns etwas durch Zufall oder von ungefähr geschehen scheint.“ Juliana fand sogar Eingang in den Katechismus der Kirche mit dem folgenden Zitat: „Durch die Gnade Gottes wurde ich inne, dass ich mich fest an den Glauben halten und nicht weniger fest stehen muss, dass alles, wie es auch sein mag, gut sein wird... Und Du wirst sehen, dass alles, alles gut sein wird.“
„Und Du wirst sehen, dass alles, alles gut sein wird.“ Das, liebe Leser, ist der Glaube der Bibel, der Glaube der Kirche, der Glaube der Kinder Gottes, der Glaube der Heiligen. Diesen Glauben und diese Verheißung stellt uns Gott, der Vater, selber vor Augen in Seinem geliebten Sohn: Durch Seine „Katastrophe“ hindurch führte er Ihn zur Herrlichkeit der Auferstehung!
Nehmen Sie Christus zum Vorbild, die Heiligen, nicht die Zweifler, nicht die Rationalisten, nicht jene, die das Gebet in ihrem Leben vernachlässigen, denn nur „ein Mensch des Gebetes ist in Frieden mit sich und der ganzen Welt“ (Mahatma Gandhi). Gott ist zu groß für uns, zu unbegreiflich, zu unfassbar, wir können Ihn nicht verstehen, nicht begreifen. Er ist die Liebe, aber er ist auch der Heilige. Er ist uns der Nächste, aber auch der Fernste. Er ist der Zärtliche, aber auch der Herrliche und Schreckliche. Aber in allem ist Er Liebe, auch im Schrecklichen, auch wenn wir es nicht verstehen können. „Die Beweggründe der göttlichen Vorsehung wären sehr armselig, würden wir kleinen Geister sie einsehen“, so der Hl. Franz von Sales.
Wenn Sie, liebe Leser, Schweres im Leben erfahren, vielleicht Grausames, Unbegreifliches: den Unfalltod ihres einzigen Kindes, eine unheilbare Krankheit, den Suizid ihres Vaters, Bankrott und Arbeitslosigkeit…, kehren Sie nicht Gott den Rücken zu! Murren Sie nicht, fluchen Sie nicht, verstummen Sie nicht im Schmerz, sondern halten Sie Ihre „Katastrophe“ immer wieder im Gebet dem Vater hin, dass Er daraus ein Wunder der Auferstehung wirke! „Und Du wirst sehen, dass alles, alles gut sein wird.“ Und sprechen Sie mit Jesus: „Abba, Vater, dein Wille geschehe!“ – auch wenn Sie seinen heiligen Willen und sein Schweigen nicht verstehen. Dann wird der Vater auch Ihnen, wie Seinem geliebten Sohn, einen heiligen Engel schicken, und er wird Sie mit seiner Kraft und seinem Trost beschenken, damit Sie durch Schmerz und Dunkel hindurch zum herrlichen Licht der Auferstehung finden.

Der Autor ist Pfarrer em. in Bad Ragaz.

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