VISION 20006/2021
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Erkennt die Zeichen der Zeit!

Artikel drucken Über die notwendige Auseinandersetzung mit den geistigen Entwicklungen in unseren Tagen

Die Botschaft Jesu Christi ist bedeutsam für jede Zeit. Sie muss daher so verkündet wer­den, dass die Menschen jeder Epoche sie ver­stehen und als heilbringend erfahren können. Um diesen Dienst zu leisten, muss die Kirche das Denken, die Nöte und Be­drohungen der je­wei­ligen Zeit erkennen und deu­ten. Was das für unsere Tage bedeutet, im folgenden Gespräch:

Jesus Christus ruft dazu auf, die Zeichen der Zeit zu deuten. Was meint Er damit?
P. Leo Maasburg: Ich glaube, dass der Hinweis Jesu auf die Zeichen der Zeit, wie Er sie anmahnt – übrigens hauptsächlich bei seinen Gegnern –, daran erinnern soll, die uns verliehenen Talente, Gaben, Fähigkeiten zu verwenden, um Entwicklungen zu erkennen. Wir sollen also unser Hirn einschalten. Außerdem lenkt Er unseren Blick darauf, dass alles in Entwicklung begriffen ist. Jesus sagt uns also: Setzt eure Vernunft ein, um die Tendenz in den Entwicklungen zu erkennen.

Diese Aufforderung hat wohl auch Bedeutung für unsere Zeit. Was sollen wir erkennen?
P. Maasburg: Es wäre notwendig, dass wir uns zum Beispiel die geistige Entwicklung der letzten zwei Jahrhunderte anschauen: den Marxismus und jetzt den Post-Marxismus, den Modernismus. Da könnten wir einiges erkennen, was auf uns zukommen kann. Vorausgesetzt man geht richtig vor. Es erinnert mich an den kanadischen Psychologen Jordan Peterson, der in einem Interview gefragt wurde, warum seiner Meinung nach die „Identitätspolitik“ so destruktiv ist. Seine Antwort: Sie sei destruktiv, weil sie dem Wert des Individuums nicht Rechnung trägt. Und diese Sichtweise habe schon einmal zu Millionen Toten geführt. Die Interviewerin fragte darauf, ob er den heutigen Bewegungen unterstelle, sie würden auch zu Millionen Toten führen. Davon sehe man doch weit und breit nichts. Seine Antwort: Ja, auch sie könne zu Millionen Toten führen. Wie er darauf komme? Weil beide Erscheinungen auf derselben Philosophie beruhen. Man muss die Gedankenwelt sehen. Sie leitet die Entwicklungen. In Mein Kampf steht alles, was Hitler nachher umgesetzt hat. In Klaus Schwabs Covid-19 – Der große Umbruch steht drinnen, was uns heute bevorstehen kann. Das sind Zeichen der Zeit, geistige Entwicklungen in geschichtlicher Perspektive. Wir können das, was wir heute sehen, besser aus der Perspektive vergangener Erfahrungen verstehen.

Sind wir also herausgefordert, unsere geistige Situation zu verstehen, sie in ihren Tendenzen zu beurteilen?
P. Maasburg: Sehr wichtig ist der Aspekt, dass es sich dabei um Entwicklungen handelt. Jesus spricht ja auch von Entwicklungen, wenn er sagt: „Wenn ihr im Westen Wolken aufsteigen seht, sagt ihr: Es gibt Regen…“ (Lk 12,54) Also: Ihr seht die Wolken, aber ihr wisst: das führt zu Regen. Wenn wir also jetzt bestimmte Tendenzen an den Universitäten sehen, sollten wir sie auch als Anzeichen einer Entwicklung begreifen, die langfristig Folgen haben wird. Wir haben nach dem 20. Jahrhundert erfahren, welchen Schaden totalitäre Regime anrichten können und wissen auch, wie sie vorbereitet wurden. Und jetzt können wir erste Zeichen von Totalitarismus an den Universitäten erkennen: ein irrationaler Hass, oder in Medien: die Cancel-Culture, in der „Big Tech“: die Zensuren bei Google, Twitter und Facebook. Eine totale Kontrolle, was wer denkt und das mit der Löschung von Ansichten, die nicht dem Mainstream entsprechen… Das sind Beobachtungen, die uns nahelegen zu sagen: Vorsicht, das ist eine Entwicklung, die zu einem neuen Totalitarismus führen kann. Was hätte Stalin für die Instrumente der Überwachung gegeben, die uns heute zur Verfügung stehen: Stimmerkennung, Iriserkennung, Schritterkennung – und Kameras an allen Ecken und Enden…!

Immerhin leben wir im Westen noch in einem demokratischen Regime…
P. Maasburg: Ja, aber viele mächtige Akteure sind keineswegs demokratisch legitimiert: die Medien, die Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die mächtigen Finanzeinrichtungen… Da funktioniert vieles nach anderen Mechanismen. Die weltweiten Mediengiganten wie Google, Apple oder Facebook agieren jenseits aller Kontrollen. Da gilt es zu beobachten, wie diese Akteure mit den Menschen umgehen: Wie stark werden wir da überwacht, kontrolliert, durchleuchtet? Was auf diesem Sektor geschieht, ist sicher ein bedeutsames Zeichen der Zeit. Hier ist aufmerksame Vorsicht geboten.

In welcher Form fordert das Christen besonders heraus?
P. Maasburg: Christen tragen in erster Linie die Verantwortung dafür, dass die Zeichen der Zeit, die sie erkennen und erkennen sollen, auch anderen mitteilen – und zwar aus der Perspektive der Offenbarung. Über den materiellen Zeichen der Zeit liegt der spirituelle Bogen der göttlichen Offenbarung. Dort wird alles seinen definitiven Platz bekommen.

Kannst Du das etwas genauer ausführen?
P. Maasburg: Durch die Gnade Gottes und durch ihre christliche Bildung leben Christen in einer intensiven und intimen Beziehung mit Gott. In dieser Beziehung eröffnet sich ihnen die Möglichkeit, Umstände des konkreten Lebens im Lichte Gottes, also richtig zu bewerten – und sie nicht nur nach der weltlichen Perspektive zu beurteilen. Diese Sichtweise gilt es als Sauerteig in die Gesellschaft einzubringen. Besondere Verantwortung trifft da die Hirten. Sie haben die weltlichen Zeichen der Zeit in Beziehung zur Offenbarung zu setzen, das Ergebnis in die Verkündigung einzubringen und selbst danach zu leben – und nicht unter dem Druck der öffentlichen Meinung zu Duckmausern zu werden. Als Christ gehen mich die Zeichen der Zeit doppelt an: ers­tens, dass ich sie erkenne, und zweitens, dass ich sie richtig interpretiere – also im Licht der Offenbarung und nicht nur rein weltlich. Das würde in der Öffentlichkeit christliche Persönlichkeiten herausbilden, die als Hirten, als Mahnmale, als Ermutiger wirken werden – sie werden vielen unbequem sein, aber das ist ihre Pflicht.

Geschieht das heute ausreichend?
P. Maasburg: Meinem Eindruck nach entstehen da viele Fehler durch Unterlassen des Guten. Es wird zu oft geschwiegen. Das Erkennen und Deuten der Zeichen der Zeit ist eine der großen Herausforderungen, vor der wir als Kirche stehen.

Haben uns die Offenbarung des Johannes und die Endzeitreden Jesu etwas zu sagen bei der Deutung der Zeichen der Zeit?
P. Maasburg: Die Endzeitreden ja. Sie sprechen über die Früchte – gute und schlechte –, die aufbrechen und sichtbar werden. Vorsichtig wäre ich mit der Offenbarung und Versuchen herauszufinden, an welchem Punkt der Offenbarung wir angelangt sind. Ich lese mit Interesse Publikationen, die dies versuchen. Sie bergen oft Kerne der Wahrheit, die uns unsere Situation besser verstehen lassen. Sie können aber auch labile, im Glauben nicht gefestigte Personen stark verängstigen und in die Irre führen.
Ich denke, dass die große Zahl von Marienerscheinungen zu den Zeichen unserer Zeit gehören. Der neue und Computer-affine Selige Carlo Acutis (+2006) hat hunderte Marienerscheinungen (http://www.themarianapparitions.org/de/avm/home) und eucharistische Wunder (http://www.miracolieucaristici.org/de/Liste/list.html) gesammelt und ins Internet gestellt. In diesen Phänomenen wird uns das größte Zeichen der Zeit vor Augen gestellt: die Präsenz Christi in der ganzen Welt von heute.

P. Leo Maasburg war von 2005 bis 2016 Nationaldirektor der Päpstlichen Missionwerke in Österreich und lange Jahre Wegbegleiter von Mutter Teresa. Mit ihm sprach Christof Gaspari.

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