VISION 20003/2006
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Um die Kinder muß es gehen!

Artikel drucken Ein Überblick über den aktuellen Stand der Wissenschaft

Endlich erkennt Europa ein in der Geschichte bisher nicht bekanntes Problem: Es wachsen nicht genug Kinder nach. Es wird nach Auswegen aus der Bedrohung gesucht. Sie werden nur tragfähig sein, wenn sie das Problem kindergerecht lösen. Was das heißt, skizziert der folgende Beitrag.

Europa schrumpft. Die Großfamilien sterben aus, Jugendkriminalität und psychische Erkrankungen boomen. Immer deutlicher wird, daß eine große Zahl von Eltern und schließlich sogar von Lehrern mit den Kindern nicht mehr zurechtkommen - die Eltern haben nicht mehr genug Zeit für sie, die Lehrer kämpfen nicht selten vergeblich gegen eine lärmende, unkonzentrierte Masse von Schülern, die Jugendarbeitslosigkeit ist unerträglich hoch.

Was tun? Dem jungen Europa fällt in dieser Situation ein alter ideologischer Lieblingsgedanke ein: Weg mit dem Unsicherheitsfaktor Familie samt ihrem Unsicherheitsfaktor individueller Erziehung: Laßt Vater Staat die Sache übernehmen, einheitlich (und deshalb gerecht), durchorganisiert und mit klaren Chancen für alle. Kinderkrippen für die Säuglinge und Kleinkinder, Kindertagesstätten für die 3- bis 6jährigen, und ab dann ein einheitliches Ganztagsschulsystem.

Je mehr bedrängt die Nationen sind, umso lieblicher erscheinen ihnen diese Schalmeien; erstens fällt dann die “Falle Mutterschaft" für die emanzipierte Frau aus. Sie kann - kontinuierlich, mit kurzen Unterbrechungen als Wirtschaftsfaktor erhalten bleiben. Die Fessel der Eltern an ihre Brut - besonders auch für die Väter - verringert sich. Ausgebildete Erzieher böten eine größere Gewähr für erzieherischen Erfolg, meint man.

Gut gedacht - aber auch gut gewußt? Fällt nicht vielleicht irgendjemandem ein, daß diese Idee bereits einmal als Großexperiment der Sowjetunion 70 Jahre lang durchgepaukt worden ist? So lange, bis alles nachhaltig am Boden lag, so lange, bis Gorbatschow bilanziert: Die Kollektiverziehung war es, die uns zerstört hat.

Welche Erziehungsform ist nun aber erfolgreicher? Und - was vor allem gefragt werden müßte: Wie erleben denn die Kinder diese Erziehungsform? Was ist für sie bekömmlich, was nicht?

Um das zu beurteilen, stehen mehrere Wissenschaften parat, die sich - oft schon über Jahrhunderte - hauptberuflich mit dem Kind beschäftigen: Die Pädagogik, die Enwicklungspsychologie und - jüngeren Datums - die Kinderpsychotherapie, die Psychopathologie sowie (weniger ideologieanfällig) die Neurobiologie und die Hirnforschung. Die Aussagen dieser Wissenschaften geben ein anderes, sehr viel gewichtigeres Bild über die Notwendigkeiten ab, die es der kostbaren Pflanze Mensch möglich macht, sich seelisch gesund zu entfalten.

Abrißhaft soll versucht werden, diese Ergebnisse zusammenzufassen.

Erst vor etwa 30 Jahren ist in der Medizin die Erkenntnis aufgekeimt, wie groß die Bedeutung schon der Schwangerschaft für das Wohlbefinden des Kindes ist und damit für den Tenor seiner weiteren Entwicklung. Neu mußte gelernt werden, daß erschreckende Erlebnisse der Mutter schon wenige Wochen nach der Zeugung - von dem Augenblick an, an dem das sich bildende Nervensystem und das Herz zu arbeiten beginnen - mit ihr auch das Kind in Angst und Schrecken zu versetzen vermögen.

Die Contergankatastrophe lenkte zum ersten Mal die Mediziner mit einem tiefen Schock darauf hin, daß die Plazenta keineswegs - wie lange angenommen - eine undurchlässige Schutzhülle ist. Das bewirkte, daß eine neue Vorsicht entstand: Gegen Gifte wie Alkohol, Rauschgift und die Fülle der Medikamente, die den Markt bevölkern.

Ein neuer Schreck ist z. B. im Hinblick auf die Tranquilizer aufgetaucht: Die beruhigenden Wundermittel gegen Streß sind in den Verdacht geraten, das sich konstituierende Gehirn des Kindes nachhaltig zu schädigen! Eine weitere Nachricht kommt aus der Gynäkologie: 50% der Schwangerschaften in Deutschland enden mit einem Abort, nicht nur, weil man diese Kinder nicht haben will und Abtreibendes in Szene setzt, sondern weil die Mütter einfach zu dünn sind, um Mutterleib sein zu können, oder weil physische Störungen geschahen.

Was also braucht das Kind in den ersten neun Lebensmonaten im Mutterleib? Möglichst wenig Streß, möglichst viel Gesunderhaltung seiner Mutter und ihre ausschließlich gesunde, ausreichende Ernährung unter Ausschluß von Giftstoffen - und möglichst viel Rücksicht der Umwelt.

Haben wir diesen neuen Forschungsergebnissen bisher Rechnung getragen? Sind wir bereit, diese Erkenntnisse so zu verbreiten, daß zumindest die werdenden Eltern diese Grundnotwendigkeiten für ihr Kind umsetzen können? Davon kann keine Rede sein.

Nicht weniger leichtfertig und ignorant wird häufig mit den Problemen um die Geburt umgegangen. Narkosen während des Geburtsvorgangs können den Kindern schaden. Ein Kaiserschnitt ebenso wie eine Periduralanästhesie - ohne zwingenden lebensnotwendigen Grund und nur um die Schmerzen nicht aushalten zu wollen - können sich als ebenso ungut herausstellen wie die Einleitung der Geburt lediglich aus terminlichen Gründen.

Wir haben zu respektieren, daß es bestimmt ist, wann das Kind das Licht der Welt erblickt. Wer sich darüber hinwegsetzt, kann unter Umständen einen Streßpegel im kindlichen Gehirn hervorrufen, der es unruhig und unausgeglichen werden läßt - nicht nur in den ersten Lebensmonaten.

Aber wie erst bestätigen sich die schon lang vorhandenen Vermutungen der Entwicklungspsychologen über die Bedeutung der frühen Kindheit für die Persönlichkeitsentwicklung durch die Ergebnisse der neuen Hirnforschung!

Viel Nähe durch die Mutter, viel Nahrung aus ihrem Leib, viel Zärtlichkeit, viel Ansprache durch sie braucht das Kind in seinen ersten beiden Lebensjahren, wenn sich der Computer in seinem Kopf zur Höchstleistungsfähigkeit aufbauen soll! Erstaunlich sind die Forschungsergebnisse, die bestätigen, daß die leibliche Mutter in der ersten Lebenszeit ihres Kindes als die optimale Bezugsperson gemeint ist. Denn Mutter und Kind sind auch nach der Geburt in einem feingliedrigen System aufeinander eingestellt. Das Kind kennt, wenn es geboren wird, den Herzschlag seiner Mutter, ihre Stimme, ja sogar den Geschmack ihrer individuellen Milch, der dem des Fruchtwassers ähnlich ist. Es ist in einer speziellen Weise zufrieden, wenn das eintritt, was es gewissermaßen erwartet.

So erwartet es, wenn es sich meldet, angelegt zu werden und sich satt zu trinken, aus einer Quelle, die sich automatisch auf die Bedürfnisse des Kindes einstellt, nach Angebot und Nachfrage. Es wird von Todesangst erfüllt, wenn das über lange Zeit nicht geschieht, wenn man z.B. das Neugeborene, um es “artig zu machen", nächtelang schreien läßt. Es wird dann auch artig - aber mit der Grundstimmung von Resignation und dem Keim zu einer lebenslang währenden Anfälligkeit zur Depression.

In dem Augenblick, wo das Gehirn den Gesichtsinn des Kindes fertiggestellt hat - also einige Wochen nach der Geburt - prägt sich das Kind das Gesicht der Mutter mit einer wie darauf fixierten Nachhaltigkeit ein. Es muß ihr Gesicht wissen; dieses ist die Garantie dafür, sich an die zu halten, die ihm sein Überleben garantiert.

Wenn dieser Garant lange Zeit ausfällt, empfindet das Kind das als Lebensbedrohung und antwortet darauf - so sehen die Forscher jetzt - mit erhöhtem Cortisolspiegel, was der Umwelt durch anhaltendes Schreien und schlaflose Unruhe deutlich wird.

Nicht irgendjemand - nicht der Vater, nicht die Großmutter, erst recht nicht irgendwelche noch so gut ausgebildeten Säuglingsbetreuerinnen - kann die leibliche Mutter vollgültig ersetzen. (Allenfalls in der Not; denn dann frißt selbst der Teufel Fliegen).

Die leibliche Mutter ist jedenfalls hormonell auf diesen ersten strengen Dienst am Kind eingestellt. Sie verfügt über einen automatisch funktionierenden sogenannten “Ammenrapport", d.h. sie wird aktiviert, wenn das Kind sich meldet, und sie wird mit einer solchen Liebe, einer solchen Zuwendungsbereitschaft ausgestattet, daß sie darüber sogar ihren Ehemann geradezu aus dem Blickfeld verlieren kann. Der Vater kann das allerdings auch alles mit viel Bereitschaft und Mühewaltung lernen, aber keineswegs mit der gleichen Unmittelbarkeit, wie sie der leiblichen seelisch gesunden Mutter nach der Geburt ihres Kindes zur Verfügung steht.

Was geschieht, wenn man Kindern darüberhinaus in dieser ersten Lebenszeit fortgesetzt Trennungen von seinem Lebensgaranten zumutet? Das wissen wir nicht erst seit gestern durch die Bindungsforschung: die Kinder werden zunächst unwirsch, (ja, sie vermeiden es, ihrer Mutter strahlend lächelnd ins Gesicht zu sehen!). Später sind sie überempfindlich, ohne Selbstwertgefühl, oft nimmersatt in Bezug auf Materialien (inklusive Essen und Trinken) und sind von gleichgültiger Dickfällig- und Erfolglosigkeit, was sich alles im Teufelskreis verstärkt.

Diese Forschungsergebnisse sind umso gewichtiger, als sich durch zahlreiche Studien herausgestellt hat, wie wichtig es für die gesamte weitere Entwicklung ist, daß diese Entfaltungsbedingungen erfüllt werden. Kinder, denen die Urerwartungen während der Aufbauphase des Gehirns erfüllt wurden, sind nämlich zufriedener und damit ruhiger, gleichzeitig aber auch von unbändiger Neugier auf das Leben erfüllt. Das bewirkt, daß sie wesentlich lernfähiger sind. Ihre Synapsen, diese Milliarden von Verbindungen zwischen den Neuronen, entfalten sich in optimaler Fülle. Kinder, deren Bedürfnisse am Lebensanfang befriedigt wurden, sind somit im Alter von zehn Jahren den weniger natürlich gepflegten intellektuell um zwei Jahre voraus. Außerdem sind sie weniger anfällig, bei Superstreß zu dekompensieren, sie sind maßvoller, glücklicher, ausgeglichener und deshalb gemeinschaftsfähiger und auf der ganzen Linie erfolgreicher.

Wollen wir glückliche Kinder? Wollen wir Eltern sein, deren Einsatz für die Kinder sich durch liebevolle Nachkommen bezahlt macht? Wollen wir auf ein gedeihliches, christliches Abendland mit einer Hochkultur und einer gesunden Wirtschaft hoffen durch Menschen, die so viel Lebenskraft mitbekommen haben, daß sie in der Lage sind, über den Tellerrand ihres kraftvollen Ego hinauszuschauen und sich für die vielen einzusetzen?

Dann sollten wir schleunigst auf ein sorgfältiges, natürliches Aufwachsen unserer Kinder - besonders während der Entfaltungsphase des Gehirns - bedacht sein. Das heißt, dem Kind seine natürlichen Grundbedürfnisse zu erfüllen, also: Mutter und Kind eine ungestörte Phase zu gönnen, in der die Basis gelegt wird, die das Kind für ein erfolgreiches, befriedigendes Leben unabdingbar braucht.

Natürlich ist mit Erziehungskunde und einer Familienpolitik, die sich um die Ermöglichung eines gesunden Lebensansatzes bemüht, noch nicht alles getan. Es muß grundsätzlich in unser aller Bewußtsein, daß Kinder Geschöpfe sind, die ähnlich wie unsere Obstbäume einer sorgsamen phasenspezifischen Betreuung bedürfen, wenn sie gute Früchte tragen sollen. Für die Spezies Mensch gehört dazu, daß sie individuell angelegt sind und allein über die Beachtung ihrer Individualität gemeinschaftsfähig werden. Nicht dadurch, daß man sie als Säuglinge zusammenrottet, gelingt das, sondern indem man sie durch konstante Betreuung, wie die Familie sie bietet, liebesfähig macht, so haben die Langzeitstudien an Krippenkindern in den USA ergeben.

Phasenspezifisch erziehen heißt, auch die Dreijährigen aus diesem Gefüge nicht ganztägig herauszureißen, sondern sie allmählich an Gleichaltrige zu gewöhnen. Das sollte behutsam geschehen, mit nur allmählichem Aufstocken der Stunden, in denen die Kinder familienfern bleiben. Und auch die Grundschulzeit sollte - bei gesunden Familienstrukturen - noch eine Zeit sein, in der man auch wieder aus der Lerngemeinschaft entlassen wird, um in Freizeitbeschäftigungen eine Ahnung zu bekommen, wo die individuellen Begabungen angesiedelt sind.

Nur eine Gesellschaft, die das Glück, und das heißt die seelische Gesundheit der jungen Generation, fest als eine unaufgebbare Priorität in den Blick nimmt, wird Zukunft haben.

Denn das hat sich längst erwiesen: Wer bei seinen politischen Programmen nur kurzsichtige Ziele der Erwachsenen im Blick hat, kann auf Dauer nur Niedergang hervorrufen. Der Mensch im künstlichen Leben der Industrienationen darf es sich nicht herausnehmen, die Menschen über die ihm gesetzten natürlichen Grenzen hinaus zu manipulieren.

Das sollte sich das junge Europa schnellstens auf seine Fahnen schreiben.

Christa Meves

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