VISION 20003/2006
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Zwischen zwei Mühlsteinen

Artikel drucken Alexander Solschenitzyn über sein Leben im Exil

Der große russische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn (Jg. 1918) kann über seine Herkunft hinaus für das 20. Jahrhundert ähnlich zentral gesehen werden wie sein ebenso berühmter Landsmann Fjodor M. Dostojewski für das 19. Jahrhundert. Durch seine historisch-literarische Aufarbeitung der russischen Revolution und ihrer Folgen in “Das rote Rad" und “Der Archipel Gulag", aber auch der Geschichte der Juden in Rußland (“Zweihundert Jahre zusammen"), ist er zudem ein einzigartiger Chronist geworden.

Nach seiner spektakulären Exilierung 1974 wird er in Ost und West zum Zeichen des Widerspruchs, zum Mann zwischen allen Stühlen oder - wie er nun den auf “Die Eiche und das Kalb" (1975) folgenden ersten Band seiner Erinnerungen an die zwanzigjährige Exilszeit übertitelt - “Zwischen zwei Mühlsteinen". Dem KGB steht nun die Lüge im Westen gegenüber, beide vereint im Versuch der Zermürbung eines unbequemen Zeugen. Schon in Zürich beginnt der für den stillen Solschenizyn fast unerträgliche Druck der Medien und Literaturagenten. Die Schweizerische Bürokratie und Neutralitätsideologie, die ihm als Ausländer keine politischen Stellungnahmen erlaubt, erzwingt seinen Weiterzug 1976 über Kanada nach Vermont, der friedlichen Landschaft “bei den fünf Bächen".

Aber auch in den USA wird er Zielscheibe intensiven Mobbings durch Mächtige, die es wie Henry Kissinger und andere Entspannungspolitiker mit der Sowjetunion nicht verderben wollen. Die Probleme mit oft voreiligen Übersetzungen werden geschildert, sowie aus dem deutschsprachigen Bereich die beschämende Rolle des Magazins “Stern" mit seinem Chefredakteur Nannen, der “Nationalzeitung" und des “Spiegel" dokumentiert (im Anhang neben Briefen an amerikanische Senatoren u.a. auch ein Brief Solschenizyns an Rudolf Augstein wegen dessen lügnerischen Unterstellungen). Anerkennung finden dagegen die Fürstenfamilie von Liechtenstein und der Verleger Herbert Fleissner.

Die äußerst spannend zu lesenden sehr persönlichen Schilderungen des Autors werden gewiß das Interesse für sein epochales Gesamtwerk wieder neu wecken. Statt ihn in eine national-russische Ecke zu schieben, sollte auch Solschenizyns unverzichtbarer Anteil am Zusammenbruch des Kommunismus und seiner vor allem im Westen verbreiteten Illusionen wieder deutlicher erkannt und gewürdigt werden.

Stefan Hartmann

Zwischen zwei Mühlsteinen. Mein Leben im Exil, München. Von Alexander Solschenizyn, F. A. Herbig 2005, 432 Seiten, 29,90 Euro (ISBN 3-7766-2450-7)

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