VISION 20003/2006
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Der Geist hat uns frei gemacht

Artikel drucken Das Zeugnis der verfolgten Kirche in der ehemaligen Tschechoslowakei (Von Miloslav Kardinal Vlk)

Es ist noch keine 20 Jahre her, daß die Völker Osteuropas die Freiheit wiedergewonnen haben. Und doch ist die Erinnerung an die Zustände unter dem Kommunismus schon verblaßt. Gerade wir Christen sollten aber die Erfahrungen der verfolgten Kirche in Erinnerung bewahren. Denn sie bezeugt: Gott ist treu - in jeder noch so großen Not.

Verfolgung wird dort möglich, wo eine “Vorbedingung" gegeben ist: das Vorhandensein einer Masse gleichgültiger Menschen, die sich manipulieren lassen. Ein “ganz normaler Massenmensch" steht am Beginn des Nazismus wie des Kommunismus. Die meisten Menschen waren diesseitsorientiert, ohne Bindung an eine Religion, an die Kirche, ohne Glauben an Gott. Für eine diesseitsorientierte Ideologie, die das Paradies auf Erden versprach, war das ein gutes Erdreich.

Die Kommunisten predigten damals die großen humanistischen Slogans: Frieden, Wohlstand für alle, Fortschritt, Wachstum, Wissenschaft, langes Leben, Gleichheit, Gerechtigkeit, Brüderlichkeit. Es war alles so schön. Man fand eine Antwort auf tiefe, oft versteckte Sehnsüchte des Menschen. Man wollte den neuen Menschen erziehen, und zwar in neuen, gerechteren Verhältnissen.

Die neue kommunistische Ideologie sollte - fast wie eine Religion - alle Bereiche des menschlichen Lebens erobern und durchdringen. So war es nur logisch, daß die Kirche der größte Feind des Regimes war.

In der damaligen Tschechoslowakischen Republik wurde nach der kommunistischen Machtübernahme im Jahre 1948 als erstes damit begonnen, die kirchliche Hierarchie zu beseitigen. Damit wurde die 40jährige Verfolgung der Kirche durch den Staat eingeleitet: Alle Bischöfe wurden zwangsweise aus ihren Diözesen entfernt. Gleichzeitig begann eine moralische Vernichtung: eine gezielte Diffamierung. Anstelle der Bischöfe setzten die Kommunisten Priester ein, die sich ihnen irgendwie verpflichtet fühlten oder in irgendeiner Weise erpreßbar waren. Durch diese Personen wollten sie die Kirche manipulieren und einen Prozeß der inneren Selbstzerstörung einleiten. Sie versuchten also, der Kirche ein schlechtes Image zu verschaffen und unter den Gläubigen Uneinheit zu stiften.

Ein zweiter Schritt war die Zerstörung der Ordens- und Priestergemeinschaften. Da die Ordensgemeinschaften fest geschlossene Einheiten darstellten, entschlossen sich die Kommunisten bereits Anfang der fünfziger Jahre zu einem offenen, geradezu terroristisch anmutenden Angriff. Eines Nachts wurden die Männerklöster unter dem Vorwand überfallen, sie seien “Zentren zur Vorbereitung der Konterrevolution". Die Klöster wurden geschlossen, die Ordensleute in speziellen Konzentrationslagern interniert. Als “Agenten einer fremden Macht" stellte man die Vertreter der Orden vor Gericht. Sie wurden zu vielen Jahren Gefängnis verurteilt.

Die Gemeinschaft der Diözesanpriester war leider sehr schwach. Deswegen entschied sich das Regime dazu, die aktivsten Priester zu inhaftieren und die übrigen zu isolieren. Mit der Priestergemeinschaft “Friedensbewegung der katholischen Priester" gründeten die Machthaber eine Kollaborationsorganisation.

Die innere Zerrissenheit der Kirche wurde dadurch weiter vertieft, daß Uneinheit und Mißtrauen wuchsen, auch zwischen Priestern und Laien. So war die Kirche bis ins Herz getroffen: eine Kirche ohne Bischöfe, eine Herde ohne Hirten. Und damit war die dämonische Absicht erreicht: die Kirche als communio, als Gemeinschaft zu vernichten, ausgehend von ihren Führern.

Und dann ist natürlich die allgegenwärtige Angst nicht zu vergessen. Durch Verhöre, Drohungen und Bestrafungen derer, die sich nicht an die Vorschriften gehalten hatten, wurde diese Atmosphäre der Angst von der Geheimpolizei gezielt aufrechterhalten. Da den Jugendlichen die Zukunft gehört, unterlagen sie einer besonderen Überwachung. Wer sich etwas zuschulden kommen ließ, riskierte es, nicht studieren zu dürfen. Er setzte damit die eigene Zukunft aufs Spiel.

Als diese Katastrophe über uns kam, hofften wir alle, daß alles bald ein Ende nehmen und uns der Westen befreien würde. In dieser Erwartung haben wir die ersten Jahre durchlebt und uns einfach auf Menschen verlassen. Vergeblich. Gott wollte uns zuerst von unseren “Götzen" befreien, uns von unserer heidnischen, ungläubigen Gesinnung reinigen.

Allmählich verstanden wir die Worte Jesajas: “Wehe denen, die um Hilfe nach Ägypten ziehen, sich auf Pferde verlassen ... Auch der Ägypter ist nur ein Mensch und kein Gott" (Jes 31,1.3). Irgendwo hier begann die Wende, der Wandel unserer Gesinnung. Damals erfuhren wir, daß die äußere Freiheit nicht das einzige und höchste Gut ist. Wir warteten nicht länger auf den Umsturz, sondern suchten stattdessen den Herrn. Daraus erwuchs eine innere Freiheit, die sich nicht mehr unterdrücken ließ. Wir sahen die Ereignisse nun von einer anderen Seite, in einem neuen Licht: Gott hat seine Kirche von allem befreit - alle ihre Güter waren ihr genommen, ihre ganze Organisation und so weiter.

Allmählich erahnten wir Gottes Absicht mit uns: Es war eine Zeit der Wüste, ein Weg in ein neues Land. Statt auf Menschen zu bauen, fingen wir an, uns für Gott zu öffnen. Das war der Beginn einer neuen Entscheidung für Gott, der Anfang unserer “Rückkehr". Die vorigen Erwartungen, die innere Emigration, das “Erheben der Augen zu den Bergen, von denen mir Hilfe kommt" (vgl. Ps 121, 1) - all dies hatte sich verändert. Wir waren jetzt frei: frei von der Angst, von den äußeren Umständen, von dem Wunsch, uns selbst zu retten, frei von materiellen Dingen, vom Vertrauen auf die eigenen Kräfte. Und wir fühlten uns nunmehr innerlich frei von der kommunistischen Sklaverei.

Auf diese Weise ist die Wüste fruchtbar geworden. Ja, ich kenne viele, die gelitten haben, verfolgt waren, im Gefängnis saßen, Menschen die keine Schmähungen aussprachen, obwohl sie geschmäht wurden: Priester und Ordensleute, Familienväter, Arbeiter und Akademiker. Sie legten ihre Kreuze ins Gebet. Ich kann jedoch sagen, daß das Kreuz für uns nicht so sehr ein Marterholz war, sondern eine Quelle der Kraft, des Geistes und des Lebens. Das Kreuz der Verfolgung hat uns geläutert.

Für mich selbst war insbesondere die Prager Zeit als Fensterputzer eine Art langer geistlicher Exerzitien. Diese Periode meines Lebens begann nach verschiedenen Zwangsversetzungen, als ich im Jahre 1978 die staatliche Erlaubnis, als Priester tätig zu sein, definitiv verloren hatte.

Plötzlich fühlte ich mich allein, ohne die Möglichkeit das zu tun, was ich in der Tiefe meiner Seele als meine Berufung erkannt hatte. Die ersten Momente waren die schwierigsten. Aber dann habe ich verstanden, daß Gott nun nicht nur meine Arbeit, sondern mein ganzes Leben haben will. Es war, als ob er mich fragen würde: Willst du mir wirklich um jeden Preis nachfolgen? Meinst du das ernst?

Das waren die kritischen Augenblicke, die ich nur dank einer ganz bestimmten Sicht des Kreuzes ertragen konnte: das Kreuz nicht als Ende, sondern als Baustein für etwas Neues, das Kreuz als Durchgang zur Auferstehung. Diese Sicht hat mir geholfen, die prekäre Lage für mein geistliches Wachsen positiv zu nutzen. Ich war mir sicher, daß die Macht der damaligen Machthaber nur provisorisch ist und daß sich die Erwartung der Auferstehung erfüllen würde.

Täglich ging ich mit diesem Glauben und mit dieser Hoffnung zur Arbeit. Doch wegen meines stark entwickelten Sinnes für Gerechtigkeit fiel mir das nicht leicht. In dieser Periode habe ich vor allem versucht, die Worte des Apostels Paulus zu leben: "Ich habe mich also dafür entschieden, unter euch niemanden anderes zu kennen als Jesus Christus, und zwar als Gekreuzigten" (1 Kor 2, 2).

Als Fensterputzer zu arbeiten war für mich ziemlich günstig. Wir hatten keine feste und kontrollierte Arbeitszeit. Wenn wir die Schaufenster unseres Bezirkes geputzt hatten, waren wir frei. Die kommunistischen Machthaber hatten mir zwar die Möglichkeit genommen, öffentlich als Priester zu arbeiten, doch das Priestertum konnte mir niemand entziehen.

So konnte ich mit vielen Leuten in Verbindung sein. Ich habe weiterhin sehr viel das Bußsakrament gespendet, und dabei diente die Bank im Korridor des Gerichtsgebäudes oft als Beichtstuhl. Dieses Gebäude gehörte nämlich zu “meinem" Bezirk.

Von der Angst befreit, fanden viele Christen den Mut, sich zu treffen. In den Sommermonaten verabredete man sich in Wäldern und Bergen, wo man der Überwachung entgehen konnte. Auf diese Weise entstanden Gruppen, die ein Ausdruck lebendiger Kirche waren. Im Untergrund studierten Priesterkandidaten, die dann in der Heimat oder im Ausland geweiht wurden. Sie konnten den neu entstandenen kirchlichen Gruppen besser dienen als die bekannten und bespitzelten Priester.

In dieser Zeit - in den achtziger Jahren - wurde mein Vorgänger auf dem erzbischöflichen Stuhl in Prag, Kardinal Tomasek, immer mehr zu einer Symbolgestalt, zum Zeichen der Treue zum Papst und zur Kirche. Um ihn schloß sich die Kirche enger zusammen. Er übernahm die Rolle des Bezugspunktes und der Vermittlung zwischen der Amtskirche und den verschiedenen Erneuerungsströmungen. Er war eine Persönlichkeit, deren Zivilcourage während der Amtszeit ständig wuchs. Und er verkörperte das Wort Jesu im Lukasevangelium: “Stärke deine Brüder" (vgl. Lk 22,32), indem er in allen den Glauben stärkte und Hoffnung weckte. Ende der achtziger Jahre wurde allgemein deutlich, daß er keineswegs ein “General ohne Armee" war, wie die Staatsorgane in irreführender Weise behaupteten. Schon damals war klar, daß die Kirche, an deren Spitze er stand, bei der bevorstehenden politischen Wende eine wichtige Rolle spielen würde.

Was würde ich zusammenfassend über die 40 Jahre dauernde Erfahrung mit der kommunistischen Diktatur sagen? Bei aller gebotenen Vorsicht kann man heute wohl sagen, daß diese harten Zeiten auch eine positive Wirkung hatten und die kirchliche Gemeinschaft zwar nicht quantitativ, jedoch qualitativ wachsen ließen. Die Kirche hat sich als kleiner “Rest Israels" (vgl. Jes 10, 20) erlebt, und die Kraft Christi zeigte sich in ihrer äußeren Schwachheit (vgl 2 Kor 12, 9). Schritt für Schritt fingen die Christen an, sich für Gott zu öffnen und zu verstehen, was wirklich wertvoll für das Leben ist, daß es darauf ankommt, auf Gott zu bauen und nicht auf Menschen.

Wo Christen sich bewußt am Wort Gottes orientierten, wuchs Gemeinschaft. Und das war für uns eine besondere Gnade in einer Zeit, in der unter dem Druck des Regimes viele Beziehungen in die Brüche gingen. Vor allem das Wort Jesu: “Liebt einander, wie ich euch geliebt habe" (Joh 15, 12), hat uns in den Bedrohungen und Gefahren zusammengeschweißt. Wir verstanden immer besser, worauf es ankam: sich Jesus und Seinem Geist zu überlassen, Seinem Wort und Seinem Licht. Wir brauchten nicht auf einen Staatsstreich zu warten, um befreit zu werden: Der Geist hatte uns frei gemacht.

Redaktionell stark gekürzt aus dem am 31. März in Wien gehaltenen Vortrag des Prager Erzbischofs “Verfolgung von Christen in den kommunistischen Ländern". Der Vortrag fand im Anschluß an den von CSI-Österreich organisierten Schweigemarsch für die verfolgten Christen statt.

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