VISION 20003/2006
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Umkehr - werden wie ein Kind?

Artikel drucken Das Kind im Erwachsenen freimachen: Weg einer guten Erziehung

Wer strebt nicht danach, die Dinge im Griff zu haben? Die Welt zu durchschauen und nach eigenen Vorstellungen zu gestalten, ist heute sogar Maß des Fortschritts. Anders Jesus. Als die Jünger stritten, wer der größte unter ihnen sei, rief er ein Kind herbei, berichtet der Evangelist Matthäus...

Wahrlich ich sage euch, wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht in die Himmelsherrschaft hineinkommen. Wer sich klein macht wie dieses Kind, der ist der größte." Man muß sich ein wenig in die Paradoxie der Situation hineinfühlen. Die Nachfolger Jesu sind mit Komparativa und Superlativa beschäftigt. Worin übertrifft der eine den anderen? Wer hat die Fähigkeiten, Verdienste und damit den erlesensten Platz im kommenden Reich?

Und plötzlich finden sie sich einem von der Straße herbeigerufenen, ungewaschenen Kind gegenüber. Im Blick auf dieses Kind wird ihnen gesagt, ihre Umkehr stehe noch aus. Sie, die zukünftigen Autoritäten des Reiches, finden sich plötzlich vor die Tore dieses Reiches gestellt. Ihnen gegenüber steht dieses Etwas, das nichts aufzuweisen hat als erwartungsvoll zu Jesus aufschauende Augen. Dieses Kind ist es, das die Größe darstellt, nach der die Apostel fragen. Drastischer konnte die Blickwende nicht sein, zu der Jesus sie - und jeden Leser dieser Stelle - veranlaßt.

Zur Umkehr hatte schon der Täufer aufgerufen und auch Jesus selbst. Hatten die Apostel dieser Aufforderung nicht schon längst entsprochen? Hatten sie nicht alles verlassen und waren Ihm nachgefolgt? Gab es für sie eine bessere Orientierung als die am Meister selbst? Und jetzt rückt Er ein Kind an diese Stelle, wo Er, Jesus, früher für sie stand! Was für eine merkwürdige Gleichsetzung! Umkehr, das war doch bis jetzt für sie: werden wie Jesus. Und nun soll es heißen: werden wie ein Kind?

Wenn darin für sie ein Widerspruch bestand, so haben sie Entscheidendes im Leben Jesu noch nicht verstanden. “So lange bin ich schon bei euch und ihr habt mich noch nicht gesehen", lautet Jesu Vorwurf im Johannes-Evangelium. Offensichtlich sieht man Ihn nicht, wenn man Ihn nicht mit den unvoreingenommenen Augen eines Kindes sieht.

Was meint das? Daß man seine eigenen Vorstellungen und Gedanken nicht in die von Jesus hineinträgt. Und das ist nicht denkbar, ohne daß man zunächst selbst ein Kind wird. Nur das Kind sieht den Sohn. Und: “Wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat." So gelangt man mit dieser unscheinbaren Zuwendung zum Kind zum urbildlichen Kind selbst, das Jesus ist - und zum Vater.

Mit einer prophetischen Geste stellt Jesus das Kind in die Blickmitte derer, die nach dem Reich Gottes fragen, um sie in diesem Kind die gegenwärtige Gottesherrschaft erahnen zu lassen. Die Jünger mußten sich dabei als Anfänger erleben, so als ob sie noch nie begonnen hätten, ernsthaft Jesus wahrzunehmen. Diese Erfahrung war allerdings ihre Chance einzusehen: Ihn zu sehen, hängt nicht von ihren Fähigkeiten, ihrer Tüchtigkeit, ihren Verdiensten ab, sondern von ihrer Armut - der eines Kindes.

Das Kind im Erwachsenen ist gefährdet. Aber wenn einer wieder zum Anfänger wird, so als ob er nie begonnen hätte, und danach dürstet, daß Gott den neuen Anfang mit ihm mache und er ihn ohne Widerstand mitvollziehe, dann ist es licht auf dieser Erde und die Erlösung schreitet voran.

Das lebendige Kind in den Erwachsenen, auch in den Eltern, wäre der beste Garant für eine gute Kindererziehung. Denn dann würden sich die Eltern mit ihren Kindern zusammen Gott, dem gemeinsamen Vater zuwenden. Dadurch würden die Eltern die Kinderliebe im Lichte dieser absoluten Liebe sehen.

Das Kindsein ist somit der Weg des Erwachsenen. Es bedeutet Anfänger werden, anfangen dürfen, immer wieder anfangen dürfen. Und glauben bedeutet dann: zum Anfänger geworden zu sein und immer wieder zum Anfänger werden und dürsten, daß Gott uns den Anfang, den der Mensch nötig hat, schenkt - immer wieder neu.

Bernhard Dolna

Auszug aus seinem Vortrag “Die Kindheit im modernen katholischen Denken" im Rahmen des Symposiums “Die Kindheit - Grundlegung der Persönlichkeit" vom 31.3. bis 2.4 2006 im Haus am Sonntagberg.

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