VISION 20001/2015
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Menschen, die nichts brechen konnte

Artikel drucken Die Pfeiler der slowakischen Untergrundkirche: erprobt in jahrelanger Haft

Obwohl die Grenze zur Slowakei nur 50 Kilometer von Wien ent­fernt ist, weiß hierzulande kaum jemand, dass unser Nachbarland seine Befreiung vom Joch des Kommunismus vor allem auch dem mutigen Einsatz der Christen in der Untergrundkirche verdankt: Menschen, die ihr ganzes Vertrauen auf Christus gesetzt und die Angst vor Leiden, Benachteiligung und Unterdrückung verloren hatten.
Dass die slowakische Kirche schweren Zeiten entgegengehen würde, war schon Anfang 1945 erkennbar. Damals bereits stellte nämlich Gustav Husak, Jahrzehnte später, nach der Niederschlagung des Prager Frühlings, 1968 Generalsekretär der kommunistischen Partei der CSSR, fest: „Meiner Ansicht nach werden wir scharfe Maßnahmen gegen zahlreiche katholische Institutionen ergreifen müssen. Sie sind die Brutstätte antidemokratischer Einstellungen und haben einen antidemokratischen Einfluss auf die Bevölkerung.“
Wie in der gesamten Kirchengeschichte sollte jedoch die sich anbahnende Kirchenverfolgung bei unseren Nachbarn eine Zeit der Glaubenserneuerung wer­den. Auch diesmal bediente sich der Herr einzelner Menschen, die ein von Gott erfülltes, nach außen hin aber unspektakuläres Leben führten, um Seine Kirche zu erneuern. Noch in den Kriegsjahren war Professor Tomislav Kolakovic von Gott ausersehen, die Basis für den Widerstand der slowakischen Kirche zu legen: ein Priester kroatischer Herkunft, nachdenklich, gelehrt und einfühlsam – vor allem aber ein kompromissloser Kämpfer für das Reich Gottes.
In diesen turbulenten Zeiten versammelte er junge Leute um sich, die „Familie“, und vermittelte ihnen einen engagierten, persönlichen Glauben an Jesus Christus. Zwei dieser Jugendlichen sollten zu zentralen Figuren des Aufblühens der Untergrundkirche werden: Vladimir Jukl und Silvo Krcmery. Was waren die Pfeiler der Spiritualität dieser jungen Männer? Persönliches Gebetsleben, eucharistische Frömmigkeit, Bildung von Gemeinschaft, apostolischer Einsatz, Vertrauen auf den Heiligen Geist und auf die Gottesmutter. So kennzeichnet sie jedenfalls Frantisek Miklosko, nach dem Fall des Kommunismus 1990 erster Parlamentspräsident der Slowakei, in seinem Buch You can’t destroy them.
Auf diese Weise ausgerüstet, gerieten die jungen Leute in die Verfolgungsmaschinerie des kommunistischen Regimes, das 1948 zum Generalangriff auf die Kirche überging. In diesem Jahr wurden die katholischen Medien eingestellt und die Orden verboten. Zwei Jahre später wurde die kirchliche Hierarchie zerschlagen: die Bischöfe, ein Großteil der aktiven Priester und Ordensleute wurden eingesperrt und in „Konzentrationsklöster“ gesteckt. Die Staatsmacht schien gesiegt zu haben.
Tatsächlich aber trug diese scheinbare Niederlage bereits den Keim des künftigen Sieges in sich, wie Miklosko  schreibt: „Für Außenstehende mag dies den Eindruck erweckt haben, sie wären besiegt worden, weil sie sich einsperren ließen. Aus der Sicht Gottes jedoch war ihre Bereitschaft, ins Gefängnis zu gehen, für ihren Glauben zu leiden, ja vielleicht sogar für ihn zu sterben, von größter Bedeutung. Sie hätten es während ihrer Haft leichter haben können, wenn sie mit der bösen Macht kooperiert hätten. Die Werte jedoch, für die sie ihre Leiden auf sich nahmen, bedeuteten ihnen aber viel mehr als alles, was man ihnen anbieten konnte, samt der heiß ersehnten Freiheit. Ihre Werte hielten sie während der vielen
 der Inhaftierung und der Leiden hoch, um sie nach ihrer Entlassung an die nächste Generation weiterzugeben. Indem sie bereit waren, ihr Kreuz auf sich zu nehmen, erhielten sie die Hoffnung ihres Volkes am Leben.“
Was es konkret bedeutete, sein Kreuz auf sich zu nehmen, sei am Beispiel von Silvo Krcmery illustriert: Nachdem er 1945 sein Medizinstudium beendet hatte, wird er 1946 erstmals von der Polizei verhaftet und während einer erfolglosen Befragung so miss­handelt, dass er bewusstlos zusammenbricht. Nach drei Wochen wird er entlassen, arbeitet als Assistent an der Universität – und setzt sein apostolisches Wirken fort. Neuerliche Verhaftung im Juli 1951 während seines Militärdienstes. Im Wagen, in dem ihn die Staatssicherheit entführt, muss er sich mühsam beruhigen, denn ein kaum zu bändigendes Zittern hatte sich seiner bemächtigt. Auch die Mutigsten kennen also Angstgefühle.
Es folgen drei Jahre Untersuchungshaft mit unmenschlichen Torturen: nicht enden wollende Verhöre, oft lässt man ihn stundenlang gehen, einmal sogar 50 Stunden lang ohne Unterbrechung! Viele Monate sitzt er in Einzelhaft. Oder man sperrt ihn in den „Eiskasten“, nur in der Unterwäsche in einen kalten Raum oder in einen Käfig. Dann wiederum gibt es Schläge. Ergebnis: Prellungen, gebrochene Rippen… Aber Krcmery schweigt, aus ihm ist nichts herauszuholen.
Erst bei seinem Prozess 1954 redet er. Sein Plädoyer endet mit den Worten: „Sie haben vielleicht die Macht, aber wir haben die Wahrheit. Jene, die Macht haben, meinen seit jeher sie könnten die Wahrheit unterdrücken, vernichten oder kreuzigen. Doch die Wahrheit ist immer wieder vom Tod auferstanden. Manchmal sogar am dritten Tag.“
Woher er die Kraft zu dieser Haltung bezog? „Wir hatten uns im voraus auf eine mögliche Verhaftung vorbereitet,“ berichtet er. „So hatten wir die Parole ausgegeben, dass jeder ein Evangelium auswendig lernen sollte. Mit diesem inneren Schatz ist es uns auch gelungen zu überleben. Wir haben im Gefängnis sehr viel Apostolat gemacht. Dort haben wir viele Bekehrungen erlebt. Das war eine Frucht des Laienapostolates. Es war eine sehr fruchtbare Periode meines Lebens. Vielleicht sollte ich sogar sagen, dass die Zeit im Gefängnis die größte Gnade meines Lebens gewesen ist. Die Christen hatten natürlich auch Angst. Aber man konnte sie nie total isolieren. Wer gewohnt war zu beten, zu meditieren, anzubeten, konnte in der Zeit der Einzelhaft, wo die anderen durchgedreht haben, ein tiefes geistiges Leben führen. Wir nannten das die Erfahrung der ,Schwerelosigkeit’.“
Nach 13 Jahren, zwei Monaten und 18 Tagen wird Silvo Krcmery entlassen. Als er das außerhalb der Gefängnisse darniederliegende Glaubensleben im Lande wahrnimmt, kommen ihm die Tränen – und er stürzt sich, zusammen mit einigen Gleichgesinnten, erneut ins Apostolat!
Jetzt galt es, das Herz der Jugend zu gewinnen. Zuerst waren es wenige Studenten. Allmählich wuchs die Zahl der für den Glauben gewonnenen jungen Leute jedoch. Unter größter Geheimhaltung treffen sie sich wöchentlich zu Gebet, Stille, Lesen in der Heiligen Schrift, nehmen an von Geheimpriestern geleiteten Einkehrtagen und Exerzitien in den Bergen teil. Ein Netzwerk engagierter Laien besorgt und druckt geistliche Literatur. Man trifft sich zu Nachtanbetungen. Schließlich werden Wallfahrten organisiert, zu­nächst im kleinen Rahmen. Im August 1988 war die Bewegung jedoch so stark angewachsen, dass 80.000 – überwiegend junge – Menschen in Nitra zum Abschluss des Marienjahres zusammenkamen. Eine Bewegung war entstanden, die das Regime bald darauf in seinen Grundfesten erschüttern sollte.
Im Rückblick auf diese Periode des Wachstums der Untergrundkirche bewertet Miklosko das Engagement dieser zunächst wenigen Männer, wie folgt: „Vlado Jukl, Silvo Krcmery und der Geheimbischof Jan Korec haben 20 Jahre lang im Verborgenen mehrere Generationen junger, gebildeter Christen herangezogen, die später zur Basis der Freiheit in der Slowakei wurden. Diesen Drei und ihrer Arbeit im Untergrund ist in erster Linie der Erfolg zu verdanken. Durch ihre langen Haftstrafen wurden sie zu Menschen, die nichts brechen konnte und die Gott und der Kirche treu ergeben waren. Ich sah sie niemals wanken. Sie waren für uns ein Vorbild, an das wir uns angelehnt haben. Heute bin ich mir bewusst, dass keine Generation ohne ein lebendiges Vorbild, an dem sie sich orientiert, aufwachsen kann.
Sie haben uns gelehrt, wie man einen einsamen Kampf gegen eine Mehrheit führen kann! Von ihnen haben wir geduldige Arbeit mit langem Atem gelernt. In den 70-er und auch den 80-er Jahren, hat niemand auch nur daran gedacht, dass der Kommunismus einmal untergehen könnte, aber wir haben tagtäglich an dem Werk gearbeitet, von dessen Sinn wir überzeugt waren. Das Ergebnis haben wir Gott überlassen.“
Miklosko weiß, wovon er redet. Er selbst hat wesentlich an diesem Aufbruch der Untergrundkirche mitgewirkt. Er war eine der Schaltstellen des christlichen Widerstands gegen das kommunistische Regime in den 80-er Jahren.
Hören wir noch einmal, was er über diese Säulen des Widerstands gegen den Kommunismus zu sagen hat: „Das wesentliche Merkmal dieser Generation war, meiner Meinung nach, ihre Begeisterung: ihre Begeisterung für Christus, für die Kirche, für das Apostolat. Ich habe die Menschen dieser Generation immer sehr bewundert. Sie hielten zusammen, blieben über die Jahre hinweg miteinander in Kontakt, waren in einem umfassenden, intensiven Austausch untereinander. Sie liebten einander unabhängig von ihrer Herkunft. Sie fühlten sich nicht über andere erhaben und taten ihr Möglichstes, um ihr gesamtes Erbe an die nächste Generation weiterzugeben. Man kann sie als Katholiken im ursprünglichen Sinn des Wortes bezeichnen. Da gab es kein Klagen über Verfolgung, Gefangenschaft und Leiden für Christus.“
Dieses Zeugnis sollte uns ermutigen. Stehen wir nicht in einer ähnlichen Situation? Vor unseren Augen stürzt unsere Gesellschaft mit wehenden Fahnen in den Niedergang und unterdrückt mit sanfter Gewalt, was sich ihr in den Weg stellt. Zu ihrer Rettung und Erneuerung bedarf es furchtloser Zeugen für das Wirken Gottes in unseren Tagen.
CG

Die Portraits von Frantisek Miklosko und Silvo Krcmery sind nachzulesen in Die den Sprung wagen von Alexa Gaspari (zu beziehen über die Redaktion von VISION 2000)

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