VISION 20003/2019
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Es wird bald Abend

Artikel drucken Kardinal Sarah zur Krise von Kirche und Welt (Christof Gaspari)

Es ist 444 Seiten stark, das neue Buch von Kardinal Robert Sarah, das vor kurzem auf Französisch erschienen ist – aber wie schnell habe ich es verschlungen! Sein Titel: Le soir approche et déjà le jour baisse. Es sind dies die Worte der Emmaus-Jünger zu ihrem Begleiter, der ihnen unterwegs die Schrift gedeutet hatte: „… es wird bald Abend, der Tag hat sich schon geneigt.“ (Lk 24,29) Auch dieses Buch des Präfekten der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung entstand in der Form eines Interviews mit dem französischen Buchautor Nicolas Diat.
Mancher Leser von Sarahs letztem Buch Die Kraft der Stille mag sich wundern, dass der Kardinal aus dieser Stille heraustritt, um diesmal einen Alarmruf an die Welt zu richten. Denn ein Alarmruf ist dieses neue Buch. Der Autor sieht die Welt und die Kirche nämlich ernsthaft bedroht. Er könne und dürfe nicht schweigen, schreibt er einleitend. „Die Christen sind desorientiert. Jeden Tag bekomme ich von überallher Hilferufe von Leuten, die nicht mehr wissen, woran sie glauben sollen. Täglich besuchen mich entmutigte und verletzte Priester in Rom. Die Kirche macht die Erfahrung der dunklen Nacht. Das Geheimnis des Bösen umfängt und blendet sie.“
Was dann folgt ist eine Klarstellung dessen, was die Kirche immer schon gelehrt hat und was daher auch heute gültig ist. Aber nicht unter dem Motto: Weil es immer schon so war, müsse man sich auch heute an altbewährte Rezepte halten. Vielmehr gelingt es Sarah darzustellen, wie heils­trächtig die bewährten Wegweisungen gerade in unseren Tagen sind. In diesem Buch äußert sich jemand, der unsere Zeit durch und durch begreift und in ihrer Bedrohtheit durchschaut. Erstaunlich, wie vertraut er mit den Entwicklungen und Denksystemen ist.
Sarah ist ganz offenkundig ein Mann, der imstande ist, hellhörig die Zeichen der Zeit zu lesen. Er setzt sich auseinander mit dem Posthumanismus, dem Geist, der hinter dem Kapitalismus und hinter den Entwicklungen im Bereich von Biomedizin, Nanotechnologie und Digitalisierung steht. Er spricht von der westlichen Dekadenz und von der bedrohten religiösen Freiheit.
Die Ausführungen des Kardinals sind jedoch keineswegs im Stil eines endlosen Klagelieds gehalten, sondern zeichnen sich dadurch aus, dass sie all dem Bedrohlichen die christliche Zuversicht entgegenstellen.
Es ist diese Klarstellung, ein wirklich eindeutiges, von keinerlei Verunsicherung angekränkeltes Bekenntnis zum Glauben, den allein die katholische Kirche über die Jahrhunderte hinweg getragen hat, auf das sich der Leser freuen kann (siehe auch die zitierten Stellen im Schwerpunkt). Den zweifelnden, verängstigten Christen habe er Mut zusprechen wollen, erklärt Sarah, „um ihnen zu sagen: zweifelt nicht! Haltet euch an der Lehre fest! Betet! Für die treuen Christen und Priester habe ich das Buch geschrieben, um sie zu bestärken.“
Kardinal Sarah ruft uns Christen zu, Gott ernsthaft wirklich ins Zentrum unseres Lebens zu stellen, also an die erste Stelle. In unserer geistig zunehmend bedrohten Zeit gebe es keine andere Wahl. „Der Glaube ist ein Ja zu Gott. Er verlangt vom Menschen, dass er seine Götter, seine Kultur, alle menschlichen Sicherheiten und Reichtümer verlässt, um in das Land, die Kultur und das Erbe Gottes einzutreten. Zu glauben heißt, Gott das Steuer zu übergeben.“ Ja, gut, mag man denken. Eine schöne Theorie, aber im Leben läuft es eben anders, mag mancher denken…
Nein, antwortet der Kardinal. Um der Hybris der Selbsterlösung, der sich die heutige Welt verschreibt, entgegenzutreten, dürfe „die Kirche nicht mittelmäßig sein. Wenn sie es verabsäumt, die prometheischen Wunschträume unseres Zeitalters anzuprangern, versagt sie massiv gegen ihren göttlichen Sendungsauftrag. Sie verrät Christus, wenn sie die transhumanistischen Verirrungen nicht anprangert. Wenn sie sich dem Zeitgeist anpasst, entfernt sie sich von Gott.“
Ausführlich setzt sich Kardinal Sarah mit der Kirchenkrise auseinander. Auch hier ist seine Position eindeutig: „Ich denke, wir sind an einer Wende der Kirchengeschichte angelangt. Zwei Perspektiven stehen uns vor Augen. Entweder vertreten wir weiterhin die Ansicht, die Kirche durch unsere Konzepte der Strukturerneuerung zu retten, was nichts anderes bringt, als noch mehr allzu Menschliches ihrem göttlichen Wesen aufzubürden. Oder wir beschließen, uns von der Kirche retten zu lassen, genauer gesagt von Gott, der in ihr wirkt. Nur so werden wir die Mittel zu unserer Bekehrung entdecken.“

Le soir approche et déja le jour baisse. Cardinal Robert Sarah avec Nicolas Diat. Fayard. 444 Seiten, 22,90 €.
Im Herbst erscheint das Buch auf Deutsch im fe-medienverlag.

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