VISION 20003/2019
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Erbittet Frieden für Jerusalem

Artikel drucken Osterbotschaft der kirchlichen Führer der Stadt (Karl-Heinz Fleckenstein)

Jerusalem ist wie eine begehrenswerte Braut. Juden und Palästinenser streiten um sie und möchten sie für sich als ihre Hauptstadt besitzen. Viele sehen in Jerusalem das Herz oder auch den Herzinfarkt der Welt. Tat­sächlich ist nicht auszuschlie­ßen, dass sich diese Stadt in Zukunft als Knackpunkt für den Weltfrieden erweist.

Die Altstadt ist in ein jüdisches, armenisches, christliches und muslimisches Viertel unterteilt, was Assoziationen an eine Art Disneyland der Religionen hervorrufen kann. Ein orthodoxer Jude schiebt sein Fahrrad über den Markt im muslimischen Viertel. Zwei blasse Jünglinge mit wehenden Schläfenlocken eilen in Richtung Klagemauer. Eine palästinensische Marktfrau preist auf einer Treppenstufe ihre frisch gepflückten Feigen aus eigenem Obstgarten an. Eine verschleierte Muslimin führt ein Kind an der Hand. Zwei Franziskaner in brauner Kutte sind auf dem Weg zur Auferstehungskirche. In den Cafés sitzen Leute mit Kippa auf dem Kopf, Araber mit ihrer palästinensischen Kafieh oder junge Leute mit tätowierten Oberarmen. Die Häuser vereinen Wohn- und Geschäftsgebäude, kleinere Handwerksbetriebe, manche in winzigen Kellerräumen.
Ein kultureller Höhepunkt in der Geschichte Jerusalems war 1981 die Ernennung der Altstadt zum Unesco-Weltkulturerbe. Allerdings muss­te sie im Jahr darauf infolge politischer Spannungen und konträrer Machtverhältnisse  als gefährdetes Welterbe in die „Rote Liste“ eingetragen werden.
Der einzigartige Charakter der Stadt mag den Fremden in den goldenen Strahlen des Sonnenuntergangs betören, wenn die Wände der Gebäude dunkelgelb und orange erscheinen. Er hört den gemischten Klang der Kirchenglocken und den Aufruf des Muezzin an seine Gläubigen zum Gebet. Bei einem Gang „by night“ durch die fast leeren Gassen spürt der nächtliche Besucher eine eigene, geheimnisvolle Atmosphäre, aber auch einen inneren Frieden, die diese „Braut Jerusalem“ ausstrahlt.
Dieses Thema haben sich die Kirchenführer Jerusalems in ihrer diesjährigen Osterbotschaft zu eigen gemacht, indem sie auf die Rolle Jerusalems als Stadt des „Friedens und der Versöhnung“ hinweisen: „Aus dem Herzen Jerusalems und dem Zentrum der Welt verkünden wir erneut: Christus ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden. Alleluia! Dieser Osterruf wurde uns im Laufe der Jahrhunderte immer wieder von unseren gläubigen Vätern und Müttern weitergegeben: ‚Er ist nicht hier. Er ist auferstanden!‘ Das war die Botschaft des Engels, der den Frauen am Grab erschienen war. Er verkündete ihnen, dass nicht der Tod das letzte Wort hat, sondern der Gott des Lebens. Jesus sagte: ‚Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben‘ (Joh 10,10). Als Menschen des Glaubens sind wir aufgerufen, im auferstandenen Leben Jesu zu wandeln. In Hülle und Fülle. Nicht in Knappheit. Durch Sein Leben, Seinen Tod und Seine Auferstehung brachte Jesus eine neue Schöpfung hervor, indem er alles wieder herstellte... Das Fest der Auferstehung erinnert uns daran, dass die Würde eines jeden respektiert und geehrt werden muss.“
Da die Menschen nach Gottes Ebenbild geschaffen wurden, seien sie vor Gott alle gleich, rufen die Kirchenoberhäupter in Erinnerung. Ostern sei eine Zeit, in der die menschliche Familie im Licht des göttlichen Lebens und in der Fülle gefeiert werden solle. Weil Jerusalem als die Stadt der Auferstehung das Leuchtfeuer der Hoffnung und des Lebens sei. Das leere Grab erinnere uns ständig an die Geschehnisse, die in und in der Nähe der Heiligen Stadt sich ereignet hätten.
Jesus sei gekommen, um uns ein reiches Leben anzubieten, in dem Sünde und Tod besiegt würden. Jerusalem als die Stadt des Lebens sei auch die Stadt des Friedens und der Versöhnung. Daher müsse der multireligiöse und multikulturelle Status Jerusalems aufrechterhalten bleiben.
Das gleiche hatte schon am Karfreitag des Jahres 1949 Papst Pius XII. in seiner Enzyklika Redemptoris Nostri in der Forderung nach einem international garantierten Status der Stadt betont. Heute, 70 Jahre später, erklärten König Mohammed VI. von Marokko und Papst Franziskus, dass Jerusalem ein gemeinsames Erbe der Menschheit, besonders der drei monotheistischen Religionen sei, ein Ort der Begegnung, der Zeichen friedlichen Zusammenlebens sein könnte.
„Wir beten weiterhin für einen gerechten und dauerhaften Frieden in Jerusalem und auf der ganzen Welt“, heißt es weiter in der erwähnten Osterbotschaft 2019. „Wir laden alle unsere christlichen Mitbürger auf der ganzen Welt, unsere Gläubigen im Heiligen Land und insbesondere im Nahen Osten dazu ein, bei den Osterfeiern neue Kraft zu schöpfen. Mögen wir alle Zeugen der Auferstehung sein, indem wir durch aktives Engagement im Leben der Kirche und der Gesellschaft die Werte unseres auferstandenen Herrn hoch halten, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Christus ist auferstanden. Er ist wahrhaft auferstanden, Alleluja! Alleluja! Alleluja!”

Der Autor lebt in Jerusalem und ist gemeinsam mit seiner Frau Louisa Fremdenführer im Heiligen Land. Siehe Portrait 5/15

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